Es brauchte einen Italiener, dessen Landsleute als Liebhaber schöner Uhren bekannt sind, um die einst renommierte Tradition mechanischer Uhrmacherei nach Fleurier zurückzubringen. Das hätte sich Michel Parmigiani, der mit seinen Piemonteser Eltern nach Couvet ins Val-de-Travers emigrierte, kaum vorstellen können, denn mitten in seiner Uhrmacherlehre stürzte die schweizerische Uhrenindustrie in ihre grösste Krise.

1976 begannen die ersten Firmen zu schliessen, die Arbeitslosigkeit zwang viele Berufsleute, das Val-de-Travers zu verlassen. Die Stimmung war depressiv, keine Bank mehr war bereit, in Uhrenateliers zu investieren. Dennoch wagte Parmigiani die Selbstständigkeit – was hätte er auch anderes tun sollen? Niemand wollte nämlich mehr Uhrmacher einstellen.

Auf dem Nullpunkt angelangt

«Ich konnte einfach nicht glauben, dass eine solch reiche Tradition sang- und klanglos ausradiert wird», sagt Parmigiani rückblickend. Denn Fleurier war bis dato ein renommiertes Uhrmacherzentrum, das seinen Anfang 1730 mit David-Jean-Jacques-Henri Vaucher (1712–86) genommen hatte.

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1750 gab es bereits 15 unabhängige Uhrmacher vor Ort, Ende des 18. Jahrhunderts waren es über 130 und 1870 deren 600. Mit Vaucher Frères war bereits die zweite Generation erfolgreich unterwegs. Dazu begann 1822 mit Eduoard Bovet eine zweite langjährige Erfolgsgeschichte; seine Uhrmacherkunst exportierte er gar nach London und China.

1851 eröffnete die erste Uhrenfachschule in Fleurier, welche Michel Parmigiani weit über 100 Jahre später besuchen konnte, denn sie wurde von der Gemeinde bis genau 1980 unterhalten.

Parmigiani baut auf Sandoz

Parmigiani sollte mit seinem Mut Recht bekommen: Seit zwölf Jahren geht es am Produktionsstandort Fleurier unaufhörlich aufwärts. Angefangen hat der Erfolg mit seinem Atelier Mesure et Art du Temps, wo Parmigiani mit Restaurationen und der Herstellung von Komplikationsuhren für namhafte Drittfirmen schon bald erste Arbeitsplätze schaffen konnte.

1980 erhält Parmigiani vom Uhrenmuseum Château des Monts in Le Locle eine Anfrage, die sein Leben ändern sollte. Er wird auserkoren, einige der schönsten Stücke aus der Sandoz-Uhrensammlung zu restaurieren. So lernt er Pierre Landolt in Lausanne als Präsident der Sandoz-Familienstiftung kennen. Rasch erkennt dieser Parmigianis aussergewöhnliche Fähigkeiten. Es kommt zur Gründung einer Aktiengesellschaft mit der Fondation Sandoz als Mehrheitsaktionärin, damit Parmigiani seine eigenen Vorstellungen in einer Marke der Haute Horlogerie verwirklichen kann. Parmigiani Fleurier wird geboren und baut neu die Organisation, die Logistik und die Distribution auf.

Sein freier Finanzberater, Emmanuel Vuille, kommt Parmigiani zu Hilfe: Er wird 1994 Direktor des noch kleinen Unternehmens. Die erste Kollektion gez. Parmigiani Fleurier kann am 29. Mai 1996 im Hotel Beau-Rivage Palace in Lausanne präsentiert werden. Zwei Jahre später wird Parmigiani eingeladen, seine Neuheiten künftig am Salon Internationale de la Haute Horlogerie (SIHH) in Genf auszustellen, wo Parmigiani sogleich mit einem ersten eigenen 8-Tage-Manufakturwerk überrascht.

Im gleichen Jahr übernimmt Parmigiani mit der Vaucher Manufacture Fleurier (VMF) eine Uhrwerkherstellerin erster Güte und beschäftigte bereits 75 Fachleute.

Die Fertigungstiefe ausgebaut

Seit der Jahrtausendwende investiert die milliardenschwere Sandoz-Familienstiftung in eine hohe Fertigungstiefe durch die Übernahme der Zulieferer wie Atokalpa SA in Alle JU (Mikromechanik und mechanische Werkkomponenten), Bruno Affolter SA in La Chaux-de-Fonds (Entwicklung und Herstellung von Gehäusen), Elwin SA in Moutier (Präzisionsdrehautomaten) und die Habillage et Cadrans SA (Zifferblatt-Herstellung) in La Chaux-de-Fonds. Mit diesem Engagement werden hohe Autonomie und grosse Flexibilität gesichert.

Als logische Konsequenz werden die akquirierten Firmen mit der Vaucher-Manufaktur in einem Pool organisatorisch vereint, damit sich die Marke Parmigiani Fleurier getrennt und unabhängig davon weiterentwickeln kann. Umso mehr, als die meisten übernommenen Zulieferer auch Drittfirmen beliefern. Die Leitung des Firmenpools übernimmt Emmanuel Vuille als Generaldirektor. Insgesamt beschäftigen die beiden Manufakturen 500 Mitarbeitende, wovon gut 100 auf die Zulieferer ausserhalb Fleurier entfallen. Auch die Ausbildung wird ernst genommen; den vier bis fünf Lernenden steht ein Ausbildungsfachmann zur Seite.

Unmissverständliche Strategie

Seit sieben Jahren kümmert sich der freischaffende Uhrenkenner und Marketingmann Jean-Marc Jacot als Delegierter der Sandoz-Stiftung um die Vermarktung. «Unsere Marketingstrategie ist klar und einfach», erklärt Jacot: «Parmigiani Fleurier ist eine exklusive Marke der Haute Horlogerie mit herausragenden Produkten für eine anspruchsvolle Kundschaft, erhältlich in restriktiv ausgesuchten Verkaufspunkten auf allen Kontinenten.» Die oberste Leitung hat nach wie vor Michel Parmigiani inne, der sich freut, dass jetzt auch seine 27-jährige Tochter Anne-Laure als gelernte Uhrmacherin und ausgebildete Graveurin mitmacht und mitdenkt.

Neben Parmigiani ist ein zweiter tragender Name der Schweizer Uhrenindustrie in Fleurier zu finden. Seit 1996 verwirklicht Karl-Friedrich Scheufele, der in Genf dem Chopard- Uhrenbusiness als Co-Präsident vorsteht, während seine Schwester Caroline ebenfalls als Co-Präsidentin die Bereiche Schmuck und Accessoires betreut, hoch oben im Jura seinen langjährigen Traum: Mit einer Uhrenmanufaktur an die Vergangenheit anzuknüpfen. Der Firmengründer Louis Ulysse Chopard sollte mit seinen Anfangsbuchstaben L.U.C Namensgeber für die in Fleurier herzustellenden Uhrwerke sein.

Auch Chopard entdeckt Fleurier

Es war übrigens Michel Parmigiani, welcher der indirekte Grund für Chopards Manufaktur in Fleurier gab: «Wir hatten damals gemeinsam am Projekt ASP94 gearbeitet, einer Vorstufe zu unserem ersten eigenen Kaliber L.U.C», erklärt Karl-Friedrich Scheufele. «Wir fanden Fleurier einen passenden Standort, gründeten die Chopard-Manufaktur und starteten im Januar 1996 mit drei Mitarbeitern in einem Fabrikgebäude in der Nähe des Bahnhofs. Da wir erste Entwicklungsarbeiten bereits 1992 in Angriff genommen hatten, konnten wir unser erstes mechanisches Uhrwerk mit Automatikaufzug Kaliber L.U.C 1.96 mit zwei übereinander liegenden Federhäusern, einer Gangreserve von 65 Stunden, einer kleinen Sekunde und dem Datum im ersten Jahr fertig stellen.» Scheufele weiter: «Es hat eine wunderbare Uhr zum Leben erweckt, die wir in einer limitierten Serie von nur 1860 – Chopards Gründungsjahr – auf der «BaselWorld» 1997 vorstellen konnten. Die L.U.C 1860 wurde gleich von der Zeitschrift ‹Uhrenwelt› zur ‹Uhr des Jahres 1997› gewählt, was eine grossartige Anerkennung für unser neues Team bedeutete», freut sich Scheufele noch heute.

Danach ging es Schlag auf Schlag weiter. In den ersten zehn Jahren bis 2006 entstanden fünf Basiskaliber, wovon verschiedene Varianten mit zusätzlichen Komplikatio-nen abgeleitet werden konnten, sodass damit zehn L.U.C-Uhrenkollektionen entstanden sind: Von klassischen über sportliche bis zu Taucheruhren, von Chronographen über eine Uhr mit zweiter Zeitzone bis zum Ewigem Kalender und völlig neuer Mondphase.

Dazu kamen zwei Weltneuheiten: Das Kaliber L.U.C 1.98 mit vier Federhäusern und einer Gangreserve von 9½ Tagen sowie das Kaliber L.U.C 3.97 mit einem Mikrorotor-Automatikaufzug in Tonneauform. 2003 war das erste Tourbillon-Kaliber L.U.C 1.02 mit Handaufzug und 9½ Tag-Gangreserve und patentierter Variner-Uhruh fertig erstellt, 2006 das Kaliber L.U.C 10 CF mit Automatikaufzug für einen voll integrierten Säulenrad-Chronographen. Gemäss Scheufele sind alle L.U.C-Uhrwerke COSC-zertifiziert, mit einer Ausnahme: Das Werk L.U.C XP hat keine Sekundenanzeige.

Schon bald 150 Uhrmacher

Und es geht in ähnlichem Tempo weiter. Mittlerweile konnte Chopard das Fabrikgebäude erwerben und komplett renovieren sowie neue Werkstätten und das Museum L.U.CEUM zum 10-jährigen Geburtstag einweihen. Werkentwicklungen, Gebäude und Maschinen benötigten Investitionen von 30 Mio Fr. Heute beschäftigt die Chopard-Manufaktur in Fleurier 138 Mitarbeitende und sieben Lehrlinge. Scheufele dazu: «Bei uns geniesst die betriebliche Aus- und Weiterbildung einen sehr hohen Stellenwert. Die gute Ausbildung neuer Mitarbeitenden ist eine sehr wichtige Investition; unsere Fluktuation ist praktisch bei Null.»