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Neue Ideen sind gefragt

Arbeitsvermittlungszentren Die steigende Kader-Arbeitslosigkeit macht ein Umdenken in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) nötig. Diese sind aber überlastet, weil sie zu spät auf die Entla

Von Benita Vogel Reto Schlatter
am 26.11.2002

Notstand herrscht in den Aargauer Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV): «Die 132 Mitarbeiter sind total überlastet», klagt Hermann Engler. Laut dem Leiter des Kantonalen Arbeitsamtes müssten die Zentren mit 50 zusätzlichen Stellen verstärkt werden, damit sie die arbeitslosen Menschen seriös betreuen könnten. Denn heute sind mit knapp 10000 Stellensuchenden fast 80% mehr Leute eingeschrieben als noch vor einem Jahr. Bis Dezember soll die Zahl auf 13000 ansteigen. Doch anstatt aufgestockt, wird in den Aargauer RAV künftig abgebaut: 17 Stellen fallen der Streichungslaune des Grossen Rates zum Opfer ­ obwohl der Regierungsrat vorgängig 20 neue Stellen bewilligt hatte. Dabei würde der Ausbau dem Kanton keine Mehrkosten bringen, denn die Ausgaben werden von der Arbeitslosenversicherung übernommen.

Die Politiker stellen sich zwar nicht in allen Kantonen quer. Dennoch sind auch die RAV-Mitarbeiter in Zug, Luzern, Bern, Waadt oder Zürich überlastet. Dies nicht nur weil immer mehr Menschen ohne Job sind ­ die Zahl der Arbeitslosen ist im September zum ersten Mal seit 1999 wieder auf über 100 000 gestiegen: Die meisten Kantonsbehörden haben die negativen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt, die schon im letzten Herbst einsetzte ignoriert oder zumindest zu spät darauf reagiert. Die Schuld schieben die Vorsteher der kantonalen Arbeitsämter auf die Wirtschaftsprognostiker ab. Diese hätten immer wieder den Aufschwung angekündigt ­ Massnahmen hätten sich deshalb nicht aufgezwungen, verteidigen sie sich.

Die verflogene Hoffnung auf bessere Zeiten brachten absurde Resultate hervor. Der Kanton Bern etwa reduzierte den Personalbestand in seinen Arbeitsvermittlungszentren bis Mitte diesen Jahres auf 220, um sich ein paar Wochen später wieder für einen Aufbau zu entscheiden. Zurzeit arbeiten gemäss Kiga-Chef Kurt Leiser 320 Mitarbeiter in den Zentren. Um eine solche Politik, die schon beinahe einem Hire&Fire gleichkommt, zu vermeiden, hat der Kanton Waadt begonnen, die Lage in ihren Vermittlungsstellen jeden Monat neu zu beurteilen. Die ständigen Evaluationen sind aber noch lange keine Garantie, rechtzeitig das richtige Angebot für die Stellensuchenden organisieren zu können. Denn «es ist sehr schwierig, genügend schnell zu reagieren», erklärt Fredy Omlin, RAV-Leiter des Kantons Zug. Die offenen Beratungsstellen können zwar «dank» der hohen Arbeitslosigkeit schnell besetzt werden. Doch bis ein neuer Personalberater ausgebildet ist und selber Stellensuchende betreuen kann, dauert es laut Omlin bis zu einem Jahr. Dies führte im Kanton Zug so weit, dass jeder der 16 Berater bis vor kurzem noch 120 bis 130 Dossiers bearbeiten musste ­ normalerweise sind es 30 weniger. Die Qualität der Beratungen leidet darunter stark, gibt Omlin zu. Dies ist umso schwerwiegender, als dass die Anforderungen an die kantonalen Vermittler im Vergleich zu den 90er Jahren gestiegen sind.

Waren früher noch grösstenteils schlechter qualifizierte Arbeitnehmer bei den RAV eingeschrieben, sind heute zunehmend Fachkräfte und Kader von der Arbeitslosigkeit betroffen. Zu den Banken und IT-Führungskräften kamen in den letzten Wochen vermehrt Kaderangestellte aus dem kaufmännischen Bereich dazu. Das zeigt sich darin, dass jetzt auch Kantone wie Luzern oder Basel-Stadt, die weniger auf Finanzdienstleister ausgerichtet sind, eine höhere Kaderarbeitslosigkeit zu registrieren haben.

«Diese Menschen haben oft Mühe, den Jobverlust zu verkraften», erklärt RAV-Leiter Omlin. Die Beratung würde psychologisch gesehen anspruchsvoller.

Dazu kommt ein neues Phänomen: Die besser qualifizierten Fachkräfte mit Kaderpositionen mussten sich während den vergangenen Jahren meist nicht mehr selbst bewerben und wissen oft nicht, wo ihre wahren Kompetenzen liegen. Die RAV haben deshalb damit begonnen, ihre Kurse anzupassen oder spezifische Kaderkurse anzubieten, in denen die Betroffenen das Versäumte nachholen können. Am weitesten gehen die Zürcher. Sie prüfen derzeit, ob ähnlich wie für die IT- auch für die Bankenkader ein Kurs zur eigenen Standortbestimmung angeboten werden soll.

RAv und headhunter

Ob dies den Betroffenen allerdings hilft, bald wieder eine Stelle zu finden, bleibt fraglich. Denn die offenen Stellen sind Mangelware (vgl. Grafik). Das zeigen auch die Erwartungen der privaten Personalvermittler: Charles Bélaz, Generaldirektor von Manpower Schweiz, rechnet für die gesamte Branche mit einem Umsatzeinbruch von 20% in diesem Jahr. Es erstaunt also nicht, dass die den Zürcher RAV gemeldeten offenen Stellen rückläufig sind und auch die staatlichen Vermittler anderer Kantone beginnen, aktiv auf Stellensuche zu gehen.

«Wir nehmen immer häufiger persönlich mit den Arbeitgebern Kontakt auf und pflegen diesen intensiv», sagt Omlin. Ebenso arbeiten die RAV verstärkt mit privaten Vermittlern zusammen. Sie erhoffen sich davon, die Arbeitslosendauer zu senken und die Langzeitarbeitslosigkeit zu vermeiden. Für die privaten Agenturen bietet die Zusammenarbeit ein willkommener Verdienst in mageren Zeiten, zumal die RAV-Kandidaten heute besser qualifiziert sind als früher. «Die Kooperation hat sich stark verbessert, die RAV haben sich auch auf die Geschwindigkeit eingestellt», stellt Bélaz fest. Beide Seiten würden häufiger aufeinander zugehen, wenn sie gute Kandidaten oder Jobs anzubieten hätten. So ist das Arbeitsamt des Kantons Aargau beispielsweise daran, spezifische Aufgaben an die Privaten auszugliedern. Auch Kooperationen mit Headhuntern sind wegen der neuen Arbeitslosigkeit heutzutage kein Tabu mehr.

Zwei Milliarden für die Wirtschaft

arbeitslosenversicherungEnde 2002 steht die Arbeitslosenkasse mit reiner Weste da. Damit dürfte das dritte Lohnprozent wegfallen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber erhalten je 1 Milliarde Franken. Die Frage ist nur wann.

Vor vier Jahren klaffte noch ein abgrundtiefes Loch von 8,8 Mrd Fr. in der Arbeitslosenkasse. In der Folge verbuchte die Arbeitslosenversicherung (ALV) aber jährliche Milliardengewinne (siehe Grafik). Bis in drei Monaten wird sie sämtliche Darlehen zurückbezahlt haben und schuldenfrei dastehen. Die Prognosen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) von Anfang Jahr dürften sich damit bestätigen. Der Kassenwart der ALV, Roland Zahnd, rechnet für dieses Jahr trotz gestiegener Arbeitslosenzahlen mit einem Überschuss in der Erfolgsrechnung von 1,8 Mrd Fr. Die Kasse wird ab nächstem Jahr mit einem Betriebskapital von rund 2 Mrd Fr. komfortabel ausgestattet sein. «Damit verfügt die ALV-Kasse über eine genügende Basis», findet Peter Hasler, Direktor des Arbeitgeberverbandes ­ «eine genügende Basis, um auf das dritte Lohnprozent ab Anfang 2003 zu verzichten.»

Dieses dritte Lohnprozent, das je zur Hälfte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern finanziert wird, war 1995 befristet eingeführt worden, um den damals schon hoch verschuldeten ALV-Fonds zu sanieren. Es hat der Kasse jedes Jahr 2 Mrd Fr. zugeführt. Die Sanierung ist mittlerweile erfolgt, weshalb die Aufhebung folgerichtig scheint. Der Haken dabei: Seit ein paar Monaten steigt die Arbeitslosigkeit wieder an; für Anfang nächsten Jahres rechnen Gewerkschaften und Seco mit 130 000 Arbeitslosen. Die Frage ist deshalb berechtigt, ob eine Reduktion der Beiträge nicht im dümmsten Moment erfolgt.

Tatsächlich zerbricht man sich im Seco zurzeit den Kopf über diese Problematik. Jean-Luc Nordmann von der Direktion für Arbeit rechnet damit, dass die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Anfang 2003 nach wie vor mehr als 2% Arbeitslosenbeiträge bezahlen werden. Erstaunlich ist seine Begründung: Sollte die Revision des Arbeitslosenversicherungsgesetzes (AVIG) am 24. November an der Urne scheitern, «fehlen uns Einnahmen und es kommt zu Mehrausgaben». Nordmann stellt zwar in Abrede, damit ein Junktim zwischen dem Referendum und dem dritten Lohnprozent zu schaffen ­ doch faktisch tut er dies eben doch. Denn die ALV-Kasse wird Ende Jahr so oder so saniert sein, wie immer auch das Abstimmungsergebnis ausfällt.

Das Ganze sieht also nach einer politischen Ausmarchung mit offenem Ausgang aus. Dazu noch einmal Nordmann vom Seco: «Wir prüfen den Zeitpunkt und den Modus der Reduktion ­ und wir prüfen auch den Zeitpunkt über den Entscheid.» Immerhin so viel ist klar: Das letzte Wort hat der Bundesrat.

Um den Arbeitgebern entgegenzukommen, prüft das Seco bereits eine weitere Variante. Statt Anfang 2003 aufs ganze Prozent zu verzichten, könnte man auf Anfang 2003 und 2004 den Satz jeweils um ein halbes Prozent reduzieren. Das brächte der ALV-Kasse im nächsten Jahr nochmals 1 Mrd Fr. Mehreinnahmen. Arbeitnehmer und Arbeitgeber erhielten so noch je 500 Mio Fr.

Hasler vom Arbeitgeberverband findet dies allerdings zu wenig. «Bei den 2 Mrd Fr. handelt es sich um das beste Ankurbelungsprogramm für die Schweizer Wirtschaft.» Sollte das Gesetz bachab geschickt werden und gleichzeitig eine happige Rezession drohen, dann sei die sofortige Aufhebung des dritten Lohnprozentes jedoch nicht sinnvoll, räumt der Arbeitgeberdirektor ein. Im umgekehrten Fall sei die Kasse aber ausreichend finanziert, um sogleich das ganze Lohnprozent an Arbeitnehmer und Arbeitgeber zurückzugeben.

«eine provokation»

Doch nicht nur das dritte Lohnprozent steht zur Debatte, auch um den Solidaritätsbeitrag für Besserverdienende hat sich ein Streit entbrannt. Auf Einkommen zwischen 106 800 und 267 000 Fr. wurden seit 1995 zwei Lohnprozente erhoben. Diese sind im neuen AVIG nicht mehr enthalten. «Das ist eine Provokation und ein Geschenk für die Reichen», schimpft Paul Rechsteiner, Präsident des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes. Diese Argumentation sei «besonders fahrlässig», kontert der Arbeitgeberverband. Denn der Beitrag fällt bei einem Nein zum AVIG Ende 2003 ohnehin weg. Mit der Revision könnte der Bundesrat den Beitrag der Besserverdienenden in Notzeiten aber wieder einfordern.

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