Seit es im Verkauf nicht mehr so rund läuft, wie es sollte, hat sich die Aufmerksamkeit der Geschäftsleitungen hin auf einen bisher - unverständlicherweise - weniger beachteten Bereich verschoben: Den Einkauf. Dieser soll kostenmässig ausgleichen, was derzeit auf der Erlösseite ausbleibt.

«Die Einkäufer setzen vermehrt die Finanzbrille auf und der Kontakt mit dem CFO hat sich intensiviert», bestätigt etwa Alwin Locker, Inhaber des Zürcher Beratungsunternehmens Soltar AG. «Es gibt kaum ein Unternehmen, das nicht in den letzten Monaten Projekte zur Kostensenkung und zur Liquiditätssicherung gestartet hat», ergänzt Stephan M. Wagner, Professor für Logistikmanagement an der ETH. Der Einkauf spiele bei Kostensenkung wie auch Liquiditätssicherung eine wichtige Rolle, weil er die Werttreiber Kosten und gebundenes Kapital wesentlich beeinflusst (Seite 54).

ABB konnte beispielsweise Cashflow und Gewinnmarge im 2. Quartal 2009 durch ein 2-Mrd-Dollar-Kostenprogramm mit einem Schwerpunkt Einkauf stützen.

Karsten Rose von Ariba, einem Anbieter von Managementlösungen, sieht aber noch eine weitere Herausforderung: «Nach der Wirtschaftskrise braut sich am Horizont bereits der nächste heftige Sturm zusammen: Ein erhöhtes Beschaffungsrisiko.» Was gilt es jetzt zu tun, um das Auftreten dieser Risiken und potenzieller negativer Einflüsse auf das eigene Geschäft zu minimieren, während das Unternehmen gleichzeitig fit gemacht wird für bessere Zeiten? Rose empfiehlt mit Nachdruck, die strategisch wichtigsten Lieferanten in finanzieller und betrieblicher Hinsicht basierend auf bestimmten Kriterien laufend zu untersuchen (Seite 54).

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Für Rolf Jaus, Geschäftsführer des Schweizerischen Verbandes für Materialwirtschaft und Einkauf (SVME), gilt es jetzt, die eher konventionellen und kurzfristig wirksamen Kriseninterventionen im Einkauf durch nachhaltige Strategien zu ersetzen und die gesamte Bandbreite der Einkaufsmassnahmen zu prüfen. Dazu gehören Stichworte wie: Systematische Bedarfsbündelung, Global Sourcing, Total Cost of Ownership, Rohstoffkostenmanagement, Lieferantenpartnerschaften - aber auch der Wille und der Mut, eigene Prozesse zumindest in Frage zu stellen (Seite 55).

SVME-Direktor Jaus sieht bereits einen Silberstreifen am Horizont: «Einige Konjunkturindikatoren lassen auf eine positive Wende hoffen.» So liege der vom SVME erhobene Einkaufsmanager-Index PMI bereits wieder auf einem ähnlichen Niveau wie im Juni 2008, also vor Rezessionsbeginn.