Wenn man die Fotos dieser neuen Möbelstücke so zeigt wie heute meist üblich, als klare Produktfotos, ohne Dekoration und Menschen, dann reiht sich ein Fragezeichen an das andere: Wozu mag das wohl dienen, wozu gut sein ­ wenn überhaupt? Formal hat nicht zuletzt der Entwurf per Computer vieles einfacher und überhaupt erst möglich gemacht, was früher nicht darstellbar war. Auch die Herstellung von Prototypen und die eigentliche Produktion profitieren von neuen computergesteuerten Fertigungssystemen. Das ist das eine. Das andere sind unverkennbar neue Arten, wie man mit sich selbst und dem Raum umgeht. Wie jüngere Menschen sitzen und sich lagern, auf dem Boden, auf niederen Kissen, auf der Banklehne etwa, beeinflusst das Avantgarde-Design ebenso wie die Innenarchitektur. Schon lagert man sich auch in Zürcher Restaurants und Klubs auf Bodenpodesten und Kissen um niedere Tische, hier trinkt und speist man, hört Musik. Das authentische, experimentelle Lebensgefühl der ganz Jungen wird heute schnell und wohl dosiert für den chicen, trendigen Lebensstil der Erfolgreichen adaptiert.

Farbpalette statt Gemälde

Fertige Möbel sind das eine. Viele neue Designer sehen sich heute mehr als die Schöpfer einer Farbpalette an, mit der jeder dann selbst malen kann, als dass sie ein fertiges Gemälde anbieten. Dazu gehören auch die brasilianischen Brüder Fernando und Humberto Campana. Wie kräftig vergrössertes Garngewirr kann ihr neuestes Design aussehen, wie ein Riesenberg Spaghetti oder die verschlungenen Fühler eines rätselhaften Meerestieres oder ein riesiges Nest. Was geliefert wird, sind neunzig Meter weich gefüllter Samtschlauch mit gleichmässig rundem Durchmesser ­ und bewusst kein vordefiniertes Design. Darauf legen sie Wert. Die Zeit des fertig fabrizierten Konsumgutes ist vorbei, ebenso die der unveränderbaren Kreation. Um klare Nutzungsvorgaben schert sich sowieso keiner mehr ­ im Gegenteil. Das sind die Prämissen der jungen Designergeneration. Sie setzen auf universelle Verwendbarkeit, in unterschiedlichen Räumen und zu unterschiedlichen Zwecken, und das sowohl drinnen als auch draussen, zuhause und unterwegs.

Erweiterungen des Körpers, so sieht der Franzose Oliver Peyricot seine «Body Props», die sonderbaren, weichen Kunststoffteile, die zu keiner bisher bekannten Möbelgattung gehören. Sie sollen dem Körper in allen möglichen Haltungen stützen. «Ich denke an das Leben im Haus als körperliche Übung. Beim Sport vollbringt der Körper ständig unglaubliche Leistungen. ist eine Einladung, den Raum sich ebenso zu erobern wie im sportlichen Wettbewerb.» Die Supports sehen aus wie Mulden, um auf dem Boden zu liegen, um einen Ellbogen abzustützen oder bequem zu knien und dabei den Druck auf die Wirbelsäule zu mildern. Oder sie dienen als Arbeitsfläche im Bett, oder, oder ... Drei der vier Elemente, die alle aus Polyurethan-Kunststoff bestehen, haben ergonomische Formen, die mit Körperformen korrespondieren. Die vierte, die wie ein Komma aussieht, «verführe zu einem persönlicheren Gebrauch», so der mitgelieferte Pressetext. Peyricot ist ein Designer, der auch im Umfeld von Matali Crasset, der unverwechselbaren Avantgarde-Frau aus Paris, arbeitet. Ihre liebevollen wie manchmal etwas rätselhaften Design-Visionen finden inzwischen im Umfeld der grossen internationalen Messen hohe Beachtung.

Kreative Kicks ­ globales Interesse

Wie schnell heute Designideen um die Welt gehen, wundert in unserer Lifestyle interessierten Informationsgesellschaft niemanden mehr. Auch die Designer- und Herstellerkontakte internationalisieren sich immer mehr. In London ausgebildete Designer sind wegen ihrer Qualität überall gefragt, nur im eigenen Lande nicht, eine moderne Möbelindustrie scheint dort nicht existent. In den Mailänder Büros arbeiten junge Leute aus aller Welt, Designnachwuchs aus dem eigenen Lande tritt weniger in Erscheinung. Englisch und Italienisch sind die Umgangssprachen im Design, auch wenn oft der französische oder deutsche Akzent nicht zu überhören ist. Es ist keine Ausnahme mehr, wenn heute freie Designer aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz nach Italien reisen, um die Prototypen ihrer Modelle zu korrigieren. Auf der Internationalen Möbelmesse in Köln stand noch im Januar ein Entwurf in der Sonderschau für junges, unbekanntes Design. Im April sorgte er auf dem Mailänder «Salone del Mobile» schon auf dem Stand des international renommierten Labels B & B Italia für Furore.

Revival: der Sack

Universeller, aber auch gehaltvoll, geben sich bauchige Säcke mit Namen «Fat-Fat» und «Lady-Fat». Oben sind sie durch ein rundes Tablett abgeschlossen und in sie kann man wunderbar alles hineinstopfen, was gerade die häusliche Ordnung stört, vom Kinderspielzeug bis zum Zeitungsberg. Seine Verwandschaft zum Sitzsack der Hippie-Flower-Power-Zeit Ende der 60er Jahre ist unverkennbar. Er selbst ist ja auch vor einigen Jahren wieder in Produktion genommen worden. Inzwischen folgen ihm zeitgemässe Enkel, beispielsweise der breit ausladende, zweifarbige Schalensitzsack vom New Yorker Designer Karim Rashid. Und irgendwie ist auch die anfangs erwähnte Sitzlandschaft «Boa» eine entferntere Verwandte dieser damaligen revolutionären Designzeit. Doch der gedankliche Background («Farbpalette statt Gemälde») ist zweifelsfrei von heute, wenn nicht schon ein kleines Stückchen weiter.

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