Die neuen regulatorischen Vorschriften bringen die UBS stärker unter Druck als die Credit Suisse. «Die UBS müsste ihre Bilanz um über 1 Billion Fr. zurückfahren, die Credit Suisse um rund 350 Mrd Fr.», schätzt Hans Geiger, Professor am Swiss Banking Institute der Universität Zürich. Denn eine Kapitalerhöhung sei unrealistisch: Bei der aktuellen Grösse der Bilanz bräuchte die UBS frisches Kapital in der Höhe von über 40 Mrd Fr., um die geplante Verschuldungsgrenze (Leverage Ratio) zu erreichen (siehe Kasten).

Diese heftig diskutierte Kennzahl bringt eine fixe Obergrenze für die Verschuldung der beiden Schweizer Grossbanken. Neben dieser Begrenzung will die Eidgenössische Bankenkommission (EBK) die Eigenkapitalpuffer für die Grossbanken zusätzlich zu Basel II stärken. Die neuen Regeln werden im Herbst per Verfügung in Kraft treten. Umgesetzt werden müssen sie erst, wenn die Finanzkrise überwunden ist. «Die Credit Suisse könnte dies innerhalb eines Jahres erreichen, die UBS bräuchte sicher länger dafür», erwartet Geiger. Die operativen Folgen für das Geschäft dürften dabei allerdings gering sein. «Die enormen Handelsbestände abzubauen, ist relativ einfach.» Die UBS hat ihre Bilanz in den letzten Monaten deutlich reduziert, nachdem die Verschuldung über die letzten Jahre sehr stark angewachsen ist (siehe Grafik).

Verkauf von Vermögenswerten

Ray Soudah, Gründer der Beratungsgesellschaft Millenium Associates, vermutet, dass die UBS in den letzten sechs Monaten die Vermögenswerte in der Bilanz um 30 bis 40% vermindert hat, um das Risiko einer dritten Kapitalerhöhung zu senken. Die Bank werde wohl auch Verkäufe von ganzen Geschäftseinheiten in Betracht ziehen, beispielsweise des US-Brokers Paine Webber. Der Zeitpunkt für einen Verkauf sei allerdings nicht günstig. Andererseits können die Grossbanken das Eigenkapital auch stärken, indem sie zum Beispiel weniger Dividenden ausschütten oder nicht mehr so viele eigene Aktien zurückkaufen. UBS und Credit Suisse müssen ihre Geschäfte künftig mit mehr Eigenmitteln unterlegen, um Verluste besser verkraften zu können. Andererseits entgehen ihnen damit Gewinnchancen, wenn die Zeiten an den Finanzmärkten wieder besser werden. Die Banken fürchten zudem, dass sie mit den neuen Regeln der EBK im Wettbewerb mit ausländischen Finanzinstituten nicht mehr gleich lange Spiesse haben.

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Walter Kielholz, Verwaltungsratspräsident der Credit Suisse, sagte kürzlich der «Basler Zeitung», eine einseitige Verschärfung des Schweizer Eigenkapital-Regimes durch die EBK könne zur Verlagerung in ein Land mit einem laxeren Aufsichtsregime führen. «Dies ist sicher keine ganz leere Drohung, aber es wäre schon ein Gewaltakt, um dies zu bewerkstelligen», sagt der St. Galler Professor Peter Leibfried. Die Gefahr einer Abwanderung sieht Ray Soudah nicht: «Nicht nur die Schweizer Banken sind von der Finanzkrise betroffen, Aufsichtsbehörden in anderen Ländern werden nachziehen.» Der Finanzexperte erwartet, dass sich die Gesetze einander angleichen werden. «Nur die Regulierungsbestimmungen alleine geben nicht den Ausschlag für einen Standortwechsel», sagt Heinz Knecht, Leiter des Instituts für Banking & Finance der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Über allem stehe die strategische Frage, ob Investmentbanking und Private Banking noch unter einem Dach bleiben sollen.

Die Zukunft ist unspektakulärer

Für Soudah ist die integrierte Grossbank ein Auslaufmodell: «In ein paar Jahren wird es nur noch reine Investment-Banken und reine Privatbanken geben.» Denn die Aktionäre wollten die Wahl zwischen dem stabileren Vermögensverwaltungsgeschäft und dem riskanteren Investment-Banking.

An die Rekordgewinne der Vergangenheit werden die beiden Grossbanken nicht mehr anknüpfen können, mit oder ohne neue Vorschriften. Die hohen Eigenkapitalrenditen der letzten Jahre werden deutlich sinken. «Die Gewinne der Grossbanken sind künftig kleiner, dafür stabiler und vorhersehbarer», erwartet Soudah. Die «Bonanza» in der Finanzbranche ist definitiv vorbei.