An Verbesserungsvorschlägen zur Ankurbelung des Reisegeschäftes fehlt es nicht. Für George Drakopoulos, Direktor der Association of Greek Tourism Enterprises (SETE), steht eine Forderung ganz zuoberst: «Es braucht mehr Kontinuität.» Seine Organisation, die sämtliche touristischen Unternehmen von Hotels über Reisebüros bis zu Transportfirmen vertritt, drängt auf eine erneuerte Administration, strukturelle Reformen und eine gezielte Preispolitik. In unzähligen Arbeitspapieren sind wertvolle Impulse zur Förderung des Tourismus enthalten, die Umsetzung ist aber wegen der hohen Fluktuation im Tourismusministerium auf halbem Weg stecken geblieben.

Masterplan

In der wirtschaftlich schwierigen Situation braucht es klare strategische Vorgaben, wie die Gelder auszugeben sind. Nikos Roussos, Chef der Ionian Hotels, spricht von «einem Masterplan, der die Bedürfnisse aller Regionen miteinander verknüpft» (siehe Interview). Bei der Hotelstruktur ergeben sich grosse Unterschiede. Die bekannten Hotels auf den Ägäisinseln Mykonos und Santorini konnten auch nach Ausbruch der Finanzkrise die Auslastung und das Preisniveau halten. Eine gute Belegung gilt für alle Vier- und Fünfsternehäuser, die ihre Infrastruktur in den letzten Jahren modernisiert haben oder neu auf dem Markt sind. Die Kategorie der Luxusherbergen ist mit einem Anteil von lediglich 13 Prozent am gesamten Hotelangebot deutlich untervertreten.

Die überwiegende Zahl der 9500 Hotels mit insgesamt gegen 750 000 Betten ist im Familienbesitz. Das gilt vor allem für die zahlreichen kleineren Häuser im Qualitätsstandard von ein bis drei Sternen. Bei den Neueröffnungen dominieren die grossen Hotelketten. Bekannte Marken etablieren sich vermehrt auf dem griechischen Markt. Zu den umsatzstärksten Gruppen zählen Caravel, Ionian Enterprise mit dem Hilton Hotel Athen und die Louis Group. Mit hochwertigen Resorts kann sich Griechenland gegenüber den wichtigsten Konkurrenten Spanien, Türkei und Ägypten behaupten. Ein typisches Beispiel für diese Entwicklung ist das im letzten Frühling eröffnete Westin Hotel im Südwesten des Peloponnes. Das Fünfsternehaus ist die erste Etappe in einem touristischen Grossprojekt an der Costa Navarino, das im Endausbau weitere zehn Luxushotels, mehrere Golfplätze und ein Thalasso-Zentrum sowie rund 1000 Privatvillen umfassen soll.

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Schweiz unter «Top Ten»

Untersuchungen des Research Institute for Tourism (ITEP) zeigen, dass Etablissements im Fünfsterne-Segment zehnmal mehr Ertrag pro Zimmer abwerfen als ein einfaches Hotel in der untersten Kategorie. Derzeit müssen jedoch alle Hoteliers mit niedrigeren Preisen kalkulieren. Im letzten Jahr haben sich die Tarife durchschnittlich um gut 4 Prozent vermindert. Ähnliche Preisnachlässe wird es auch 2011 geben. «Die Hotels müssen mit Preisanpassungen reagieren, sonst verlieren sie wichtige Kunden», sagt Professor Kiriakos Rerres vom ITEP. Davon profitieren auch die Schweizer Touristen. Die Reiseveranstalter erwarten wegen des tiefen Euro-Kurses und der Günstigangebote eine Rekordzahl an Gästen. Zudem dürfte Griechenland von den politischen Turbulenzen in Ägypten und Tunesien profitieren. Die Schweiz gehört mit einem Anteil von 3 Prozent an den gesamten griechischen Tourismuseinnahmen zu den zehn wichtigsten Ländern. Angeführt wird diese Rangliste von Deutschland (18 Prozent) und Grossbritannien (16 Prozent).

Europa ist der dominante Zielmarkt für die Promotion. Weit über zwei Drittel der Gäste stammen aus dem alten Kontinent, und sie gilt es für George Drakopoulos noch intensiver zu pflegen. Er hält nichts von unrealistischen Zukunftsszenarien mit einer Flut an neuen Touristen aus Schwellenländern wie China und Indien. Der Anteil dieser Herkunftsstaaten ist immer noch äusserst gering. Auch die Verweildauer hält sich mit zwei bis drei Tagen, meist im Rahmen eines Europa-Trips, in engen Grenzen. «Einzig Russland hat Potenzial.» Dank Visa-Erleichterungen reisen bereits gegen eine halbe Millionen Gäste an. Entwicklungsmöglichkeiten sieht der SETE-Chef auch im Kreuzfahrtengeschäft. Voraussetzung dafür sei allerdings eine Liberalisierung der griechischen Gesetzesbestimmungen, die derzeit keine Aufnahme und Einreise von Passagieren erlauben.

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«Antike Stätten besser vermarkten»

Wie hat sich das Geschäft in der Hauptstadt Athen im letzten Jahr entwickelt?

Nikos Roussos: Die vielen Streiks und Unruhen haben speziell im 1. Halbjahr 2010 ihre Spuren hinterlassen. Insgesamt wurden in den Hotels rund 10 Prozent weniger Gäste registriert. Das Geschäft mit Kongressen und Events hat zusätzlich wegen der schlechteren Weltwirtschaft gelitten.

Erwarten Sie für die laufende Saison eine Besserung?

Roussos: Ja, wir sind optimistisch. Ohne unvorhersehbare Ereignisse rechnet die Hotelindustrie mit einem Gästeanstieg. Neue kulturelle Attraktionen, wie etwa das Akropolis-Museum, wirken als Magnet. Auch die Infrastruktur wurde verbessert. Umfragen bei den Touristen zeigen, dass neun von zehn mit dem Angebot und den Dienstleistungen sehr zufrieden sind.

Was braucht es, um den Tourismus zu beleben?

Roussos: Wir müssen die antiken Stätte in und um Athen besser vermarkten. Ein Beispiel: Der erstmals durchgeführte Marathon auf der Originalstrecke wurde von über 20 000 Sportlern bestritten. Die Hotels waren voll ausgelastet. Auch Städteflüge in die griechische Hauptstadt haben noch ein grosses Entwicklungspotenzial.

Wie stehen die Chancen für ein grosses Kongresszentrum?

Roussos: Vorangetrieben wird ein Projekt in einem ehemaligen Sportstadion der Olympischen Spiele von 2004. Die geplante Kongresshalle nahe am Meer soll Platz für 5000 Leute bieten. Davon können sämtliche Hotels in Athen profitieren.