Es ist Zeit ? It?s time to be ? Zeit für die neue Moderne in der textilen Inneneinrichtung. Nach diesem Motto präsentierte das Flaggschiff der internationalen Textilmessen, die Heimtextil in Frankfurt, die neuen Trends und die Produkte dazu. Trends sind ja keine unabsehbaren zufälligen Entwicklungen: Sie entstehen über Jahre hinweg, reifen und werden dann oft buchstäblich von Trendscouts von der Strasse geholt. Farben, Muster, Formen, Texturen bilden die Puzzleteile dazu. Inspirationsquellen sind Musik, Kunst, Kultur, Mode, Design und Grafik. Und natürlich die Kreativen und Berühmten der jeweiligen Branche.

Freiräume ersetzen Verspieltes

Die Zeit ist reif für eine neue Moderne in der textilen Inneneinrichtung. Wir leben im Hier und Jetzt. Es ist Zeit, dies auch umzusetzen, neue Sichtweisen sind verlangt, neue Konzepte, eine neue Haltung. Mut zu Ehrlichkeit und Seele. Sachlichkeit und Klarheit schaffen Freiräume und ersetzen Dekoratives und Verspieltes. Herkunft und Geschichte der Dinge sind wichtig, das Wissen darum verleiht ihnen Authentizität. Wir wollen Produkte, die mit Anspruch und Ehrlichkeit produziert werden, sie erhalten so für uns Glaubwürdigkeit und Wert. Dabei ist die Haptik so wichtig wie die Optik. Perfektes ist schön und gut, aber der Reiz des Unperfekten ist doch ungleich grösser. So entstehen neue Perspektiven, eine neue Modernität, die scheinbar Gegensätzliches zusammenbringt: Ökologie und Hightech, Minimalismus und Luxus, Recycling und High Quality, Intelligenz und Intuition.

Bei vielen präsentierten Kreationen renommierter Hersteller und Verleger fragt man sich allerdings, wo das Herz beim aktuellen Management wohl sein kann, wo das Timing, wo die Kreativität? Man wird das Gefühl nicht los, Marketing habe nur mit Zahlen zu tun, dabei ist doch gerade die Emotionalität heute ein wichtiges Verkaufsargument. Noch einmal: Wo sind die Produzenten mit Mut zum Experiment? Wo der Handel, der die Trends aufgreift, bevor sie hundertfach kopiert aus Asien auf dem Billigmarkt verwässert werden? Die Heimtextil zeigte deutlich, wie in der Masse des Angebots die Anbieter aus Asien und Indien auf der Höhe der Zeit produzieren und Europäer buchstäblich das Fürchten lehren. Offenbar aber noch nicht genug, denn Professoren renommierter schwedischer Textilfachschulen beklagen, dass ihre Universitätsabgänger in Europa keine Jobs finden, mit Handkuss aber in Indien und China bestens bezahlte Anstellungen mit grosser Verantwortung erhalten. Die berühmten, die Regel bestätigenden Ausnahmen gibt es zum Glück. Und sie produzieren sogar zum Teil in der Schweiz, dem Land, das ja einst und lange Zeit vorbildlich war punkto Herstellung von Textilien aller Art. Mut macht auch die Aussage eines renommierten Trendsetters, Fulvio Alivisi, Präsident des italienischen Textildesigner-Verbandes, der die Bewahrung der italienischen Seidentradition als sein grosses Anliegen bezeichnet. Zusammen mit den grossen Unternehmen rund um Como erforscht man nicht nur deren Geschichte, es werden laufend neue Produkte aus und mit Seide entwickelt.

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Smart Textiles kommen im Nu!

Neue Fasern und Techniken werden immer potenter: Flammfest, schmutzabweisend, geruchsabsorbierend, antibakteriell, antimikrobiell, elektrosmogabschirmend, mit Klimatisierungseffekt, funktionelle Textilien empfehlen sich bereits heute als Problemlöser. Reflektierende Oberflächen dienen als Wegweiser. Schalldämmende Funktionen beeinflussen das Raumklima positiv. Mikrochips im Teppich steuern die Reinigungsmaschine. Elektromagnetische Strahlen werden dank Vorhang und Tapete abgeschirmt, schlechte Gerüche neutralisiert. Bald werden wir mit leuchtenden Textilien leben. Lichtleit- und Textilfasern werden miteinander verwebt und zu Vorhängen, Tischsets oder Textiltapeten verarbeitet.

Diese Entwicklung macht auch vor der Bettwäsche nicht Halt. Werden wir bald unsere Medikamente vergessen können, weil sie in den Laken in Form von Nanopartikeln gespeichert sind? Die Industrie ist dabei, entsprechende Produkte zu entwickeln. Dann wird das Sprichwort «Schlafen ist die beste Medizin» Wirklichkeit.

 

 

NACHGEFRAGT


«Keinen kurzfristigen Trends nachrennen»

Philippe Baumann, Leiter der Geschäftsführung, Création Baumann, Langenthal

Richten Sie sich nach den Trends?

Philippe Baumann: Wir sind in einem langfristigen Markt tätig und können daher keinen kurzfristigen Trends nachrennen. Dennoch freut es uns, wenn wir selbst Trends setzen.

Was sind die stärksten Merkmale der neuen Einrichtungsstoffe?

Baumann: Lust zu Farbe im Innenraum. Auch steigt die Nachfrage nach Textilien, die eine Funktion ? wie zum Beispiel eine akustische Wirkung, eine intelligente Lösung für Blend- und Wärmeschutz usw. ? erfüllen.

Was ist Ihre letzte wichtigste Entwicklung?

Baumann: Zweifellos «Gecko», der selbsthaftende Vorhang. Ausgezeichnet beim letzten Designpreis Schweiz.