Mehr Freiheit», bringt Georg Lutz die Vorteile der Unternehmensteuerreform II auf den Punkt. Der Steuerexperte – Partner bei Ernst & Young und Leiter des Bereichs Steuern am Sitz Zürich sowie Lehrbeauftragter an der Universität St. Gallen – zur «Handelszeitung»: «Dank der steuerlichen Entlastung bei den Dividenden erhalten Unternehmer mehr Möglichkeiten bei der Gestaltung ihrer persönlichen Finanzen.» So können sie entscheiden, ob sie sich mehr Dividenden oder mehr Lohn auszahlen lassen, ob sie den Gewinn ins Unternehmen reinvestieren oder für eigene Bedürfnisse verwenden wollen.

Die Frage «Dividende statt Lohn?» hat derzeit Hochkonjunktur, nicht zuletzt in der Beraterbranche. So setzen sich die beiden Fachmedien «Der Treuhänder» und «Der Treuhandexperte» in ihren jüngsten Ausgaben mit dem Thema auseinander. Sie lieferten gleichsam die Begleitmusik zu einem Treffen, das Ende August in Bern stattfand und an dem Vertreter der Eidgenössischen Steuerwaltung (ESTV), der kantonalen Steuerbehörden, der Sozialversicherungen, der Wirtschaftsverbände sowie der Treuhandbranche teilnahmen. Hintergrund der Aktivitäten: Auf den 1. Januar 2009 wird die Steuerreform in Kraft treten (siehe Kasten). Wie sie konkret umgesetzt werden soll, wird im Moment festgelegt.

«Noch wenig Bewegung»

Bei den parlamentarischen Beratungen und im Vorfeld der Referendumsabstimmung hatten die Gegner der Reform den Anschein erweckt, Unternehmer würden sich sofort weniger Lohn ausbezahlen lassen und stattdessen niedriger besteuerte Dividenden beziehen. Eine Umfrage der «Handelszeitung» bei Beratungsfirmen, bei Steuer- und Sozialversicherungsbehörden aber zeigt, «dass derzeit noch nicht viel Bewegung zu spüren ist», wie Paul Cadotsch, Leiter des Bereichs Finanzierung AHV im Bundesamt für Sozialversicherung, sagt.

Das dürfte sich jedoch ändern. Denn Treuhandbüros, die im KMU-Bereich tätig sind, stellen zum einen heute schon eine höhere Nachfrage nach Beratung fest. Zum andern können Unternehmer-Aktionäre ab 2009 neben kantonalen Entlastungen erstmals vom Dividendenprivileg auf Bundesebene profitieren, was erhebliche Steuervorteile bringt (siehe Tabelle). Auf diesen Moment bereiten sich die Steuer- und Sozialversicherungsbehörden vor. Spätestens Ende Herbst wollen ESTV und AHV definiert haben, was ein «angemessenes» Verhältnis von Lohn- und Dividendeneinkommen ist und ab wann Fiskus oder AHV Veranlagungen korrigieren dürfen.

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Praktikable Lösung

Während man bei der AHV klar sagen will, was ein «angemessener» Lohn ist, strebt die ESTV in ihrem entsprechenden Kreisschreiben eine flexiblere Formulierung an. Danach sollen die Veranlagungsbehörden, wenn nötig, den Einzelfall beurteilen.

Diese Lösung ist nach Jürg Altorfer, Konsulent Unternehmenssteuern bei der Steuerverwaltung des Kantons Zürich und Präsident der Arbeitsgruppe Unternehmenssteuern der Schweizerischen Steuerkonferenz, «praktikabel, weil sie an die geltende Regelung anknüpft». Die Frage, ob Lohn und Dividende in einem richtigen Verhältnis zueinander stehen, sei nämlich für die kantonalen Steuerämter nicht neu. «Allerdings ging es bisher um verdeckte Gewinnausschüttungen, jetzt um verdeckte Lohnauszahlung.»

Debatte um Aktionärsgehalt

Es gibt zwar auch Steuerberater wie etwa Adrian Schmid von Balmer-Etienne Luzern, die im Interesse der «Planungs- und Rechtssicherheit» ein steuerlich anerkanntes Aktionärsgehalt wünschen. Ausgangspunkt wären dabei regional differenzierte «Mindestgehälter». Dagegen meint Georg Lutz von Ernst & Young: «Es mag ein solches Bedürfnis nach Sicherheit geben, doch gibt es so viele mögliche Fälle, dass wir am Schluss ein unüberschaubares Regelwerk gehabt hätten.»

In Wirtschaftskreisen begrüsst man denn auch einhellig, dass sich die Steuerbehörden auf die Bekämpfung von offensichtlichen Missbräuchen beschränken wollen. «Das ist richtig so», sagt Christoph Rechsteiner, Director Corporate Tax bei PricewaterhouseCoopers in Zürich, «zumal man auch den Stimmbürgern vor der Abstimmung versprochen hat, allfälligen Missbräuchen klar den Riegel zu schieben.»

Warnung vor Sportlichkeit

Wie werden sich die Unternehmer-Aktionäre verhalten? Nach Meinung von Jürg Altorfer ist der Wechsel von Lohn auf Dividenden «leichter gesagt als getan». Denn bei der Steuerplanung gebe es eine Reihe von weiteren Aspekten, die man berücksichtigen müsse, nicht zuletzt auch sozialversicherungsrechtliche.

Orlando Rabaglio, Partner bei BDO Visura in Zürich, warnt denn auch vor einer «allzu sportlichen Absenkung des Lohns zugunsten von Dividenden, weil das die Basis für eine wirkungsvolle und steuereffiziente berufliche Vorsorge vermindert ».