Die Meinungen über die Bedeutung der Tapete oder der Wandbekleidung in der heutigen Raumgestaltung gehen häufig diametral auseinander. Dabei kommt es auch unter Profis oft zu sehr emotional geführten Diskussionen. Tapeten und auch Wandbekleidungen können schmücken oder schützen. Sie verbessern aber oft das Raumklima und die Reinigungsfähigkeit der Wandflächen. Vielfach geben sie ebenfalls historisch wertvollen Räumen ihren alten Glanz zurück. Sie sind, oder können, für einen Raum der berühmte i-Punkt sein. Es gibt aber auch Räume, in denen man besser auf sie verzichtet.

Historisches akzeptieren

Das Schmücken der Wände, das beweisen uns die vielen historischen Dokumente, entspricht einem Bedürfnis, das der Mensch seit ewigen Zeiten in sich trägt. Diese Neigung zu unterdrücken und die Gestaltung von Räumen mit einem einheitlich freundli-chen Weiss oder Grau durchzusetzen, spricht weder für Wohnkultur noch Mut zum Gestalten.

Zwar hat sich im Laufe der Zeit die Einstellung zur Wandgestaltung geändert und wird sich auch weiter wandeln. Wir müssen jedoch in der Lage sein, Historisches zu akzeptieren und Tapeten einzusetzen, die zum Stil oder der Bauzeit des Hauses passen. Keiner kann guten Gewissens in einem Haus aus der Zeit von 1870 bis 1920, und davon gibt es in der Schweiz einige, die Wände mit einer simplen Raufaser oder einem streichfähigen, glatten Vlies belegen lassen. Genauso unverantwortlich wäre es, für ein Haus von Jean Nouvel eine Blümchentapete zu empfehlen.

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Individuelle Sonderanfertigungen

Jeder kann sein Lieblingsbild, gemalt oder fotografiert, an die Wand bringen. Das Ergebnis mittels Digitaldruck ist wie die Druckwiedergabe eines Bildes. Es ist eine Kopie. Wenn es um die Realisierung modischer Effekte für einzelne Wandflächen geht, hat sich der günstige Digitaldruck recht gut etabliert. Das Trägermaterial, auf dem gedruckt wird, ist aber von Anbieter zu Anbieter von sehr unterschiedlicher Qualität und kann die erwünschten Anforderungen nicht immer erfüllen.

Die Reproduktion einer Tapete für einen historischen Raum oder nach einer historischen Vorlage erfordert eine andere Vorgehensweise. Eine solche Tapete im Digitaldruck nachzustellen kann nicht der richtige Weg sein. Es würden weder das Trägermaterial, die Farben und die Oberflächenstruktur stimmen. Es gibt jedoch noch Betriebe mit Maschinen, die in der Zwischenzeit über 100 Jahre alt sind. Auf diesen Maschinen werden Tapeten im Leimdruck produziert, die von Originalen aus der Zeit von zirka 1800 bis 1950 nicht zu unterscheiden sind. Fazit: Die Tapete lebt wieder. Und sie wird für einige Zeit en vogue bleiben, denn es kann nicht richtig sein, aus einem falsch verstandenen Zeitgeist heraus die Uniformität unserer Räume und Häuser zu forcieren. Dieser Ansicht ist auch Bernard Jacqué, Konservator und Direktor des Tapetenmuseums in Rixheim.

Die Wurzeln der Tapete

Nur wenige Kilometer nach der Schweizer Grenze befindet sich ein europäisches Museumsjuwel: Das Tapetenmuseum im elsässischen Rixheim. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die handgedruckte Tapete auf ihrem Zenit. Spektakuläre Formen, Draperien, irisierende Farben oder die legendären Panoramatapeten wetteiferten mit einfachen, aber perfekt gedruckten Motiven. Möglich war dies durch handwerkliches Können und einwandfreies Drucken mit Druckstöcken. So entstanden bildschöne Motive, abgestimmt auf die Wünsche der anspruchsvollen Kundschaft. Das wachsende Bürgertum schuf die wirtschaftlichen Voraussetzungen für diese Blütezeit der Tapete, die jäh beendet wurde, als 1851 an der ersten Weltausstellung in London die ersten Druckmaschinen als grosse neue Errungenschaft präsentiert wurden.

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Borten und Friese gab es immer und wird es immer geben. Unterschiedlich in ihrer Anwendung, sind sie beide wichtig für die Gestaltung eines Raumes, ungeachtet der jeweiligen Modeströmung. Borten werden aus technischen wie ästhetischen Gründen verwendet. Die Bordüre versteckt kleine Irrtümer, gliedert die Wand und ist nicht nur Schmuck, sondern Gehilfe der Innenarchitektur.

Neue Tapetenkollektionen

Klar, dass die unvermeidlichen Swarovsky-Kristalle auch auf Tapeten prangen. Dort, wo sie als Stilmittel und reduziert eingesetzt werden, wirken Wände wertvoll und attraktiv. Glanz an der Wand ist sowieso gefragt. Genauso wie Textur, die dem Ornament eine zusätzliche Dimension verleiht und das Licht auf der Wand wirken lässt. Jung und modern sehen grafisch gerasterte Karomotive mit grosser Tiefenwirkung und interessanten Prismeneffekten aus.

 

 

NACHGEFRAGT


«Den kleinen Bohrer habe ich immer dabei»

Benard Jacqué, Tapeten-Museum Rixheim im Elsass.

Wie viele Tapeten gibt es in Ihrem Fundus?

Benard Jacqué: Etwa 120000 und dazu die kompletteste Sammlung der legendären Panorama-Tapeten.

Welches Gerät haben Sie immer dabei?

Jacqué: Meinen kleinen Bohrer. Damit bohre ich oft durch bis zu 20 Schichten und entnehme einen winzigen Kern aus der Wand, den wir dann analysieren. Wir haben schon die erstaunlichsten Entdeckungen gemacht, unter alten Zeitungen verborgen.

Macht Ihnen die wieder-entdeckte Liebe zu Tapeten Spass?

Jacqué: Ja, aber nicht nur. Missverstandene Designpolitik, erschlagende Farbenfreude und mangelhafte Beratung könnten ihr ein weiteres Mal für Jahre den Garaus machen.