Die Gesundheitskosten in der Schweiz sind in den letzten Jahren enorm gestiegen. Mittlerweile betragen die Ausgaben für die medizinische Versorgung rund 60 Mrd Fr. Eine Trendwende ist nach einhelliger Expertenmeinung nicht in Sicht. Ein reiches Land wie die Schweiz kann sich seine Gesundheit durchaus einiges kosten lassen. Aber werden die Mittel auch am richtigen Ort eingesetzt?

Einseitiger Fokus auf Medizin

Die Frage muss verneint werden, denn die aktuellen Herausforderungen im Gesundheitsbereich können mit den herkömmlichen Methoden nicht gemeistert werden. Die einseitige Ausrichtung unseres Gesundheitswesens auf den Versorgungsbereich ist nicht mehr zeitgemäss. Um die Gesundheit der Bevölkerung langfristig zu verbessern, müssen verstärkt präventive Massnahmen ergriffen werden.

Obwohl sich diese Erkenntnis international durchgesetzt hat, zeichnet die Realität in der Schweiz ein anderes Bild: Neben der medizinischen Behandlung, Pflege und Rehabilitation von Patienten nehmen Gesundheitsförderung und Prävention nur eine sehr bescheidene Rolle ein. Betrachtet man die Ausgabenseite des Gesundheitssystems, wird dieses eklatante Missverhältnis deutlich. Die Aufwendungen für Gesundheitsförderung und Prävention liegen hierzulande bei nur 2,2% der Gesamtkosten im Gesundheitswesen. Damit liegt die Schweiz im internationalen Vergleich ganze 0,5 Prozentpunkte unter dem OECD-Durchschnitt.

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Die demografische Entwicklung in der Schweiz stellt die kurative Medizin vor grosse Schwierigkeiten. Neueste Schätzungen des Bundesamts für Statistik gehen davon aus, dass sich der Anteil der über 65-Jährigen in den nächsten 50 Jahren von derzeit 17 auf über 28% erhöhen wird. Die längere Lebenserwartung zieht steigende Gesundheitskosten nach sich. Ältere Menschen sind häufiger krank und nehmen medizinische Versorgung stärker in Anspruch.

Stärkung des Systems

Damit unser System langfristig nicht kollabiert, müssen wir also dafür sorgen, dass neben der Lebens- auch die Gesundheitserwartung steigt. Und hier kommen Gesundheitsförderung und Prävention zum Zuge, denn der Grundstein für ein Höchstmass an Gesundheit im Alter muss bereits in jungen Jahren gelegt werden. Viele klassische Altersleiden wie zum Beispiel Herz-Kreislauf-Beschwerden, Diabetes oder Störungen des Bewegungsapparates sind lebensstilbedingt und lassen sich durch vorbeugende Massnahmen vermeiden. Gesundheitsförderung und Prävention stehen in einem engen Zusammenhang zueinander und ergänzen sich. Prävention hat zum Ziel, Risikofaktoren abzuschwächen, die Krankheiten begünstigen oder auslösen. So soll zum Beispiel gezielte Aufklärungsarbeit zu den gesundheitlichen Folgen des Rauchens die Zahl der Lungenkrebs-Neuerkrankungen senken.

Gesundheitsförderung hingegen verfolgt einen salutogenetischen Ansatz und will die persönlichen und sozialen Ressourcen jedes Einzelnen stärken. Es geht darum, eine gesundheitsförderliche Lebensweise zu ermöglichen und die Lebensqualität der Bevölkerung zu erhöhen. Dazu gehört vor allem die Stärkung der Gesundheitskompetenz auf der individuellen Ebene. Auch das Umfeld muss so gestaltet sein, dass ein gesundes Leben überhaupt möglich ist - von der Wohnsituation bis zu einem gesundheitsfördernden Arbeitsplatz.

Politik ist gefordert

Nebst der unmittelbaren Reduktion der Gesundheitskosten und einer Steigerung der Lebensqualität haben wirkungsvolle Prävention und Gesundheitsförderung mittel- und langfristig auch positive Auswirkungen auf die Volkswirtschaft. Je gesünder die Bevölkerung, desto grösser die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit: Mitarbeitende mit einer guten Gesundheit haben weniger Absenzen, sind motivierter und leistungsfähiger. Wer bis ins Alter gesund bleibt, steht dem Arbeitsmarkt mit seinem Know-how länger zur Verfügung, und das steigert die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Was für die Gesamtwirtschaft gilt, wirkt auch auf Unternehmensebene. Eine Vielzahl von Untersuchungen bestätigt den positiven Effekt und den Return on Investment von betrieblicher Gesundheitsförderung.Um die Gesundheit der Schweizer Bevölkerung langfristig zu verbessern, ist die Politik gefragt. Sowohl der Stellenwert von Prävention und Gesundheitsförderung als auch das Bewusstsein für gesundheitsrelevante Fragen müssen bei allen Akteuren erhöht werden. Eine effektive Gesundheitspolitik der Zukunft ist eine gesundheitsfördernde Gesamtpolitik, die fest in den verschiedenen Politikbereichen verankert ist. Denn politische Entscheide, die ausserhalb des Gesundheitssektors getroffen werden, haben einen ganz entscheidenden Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung. Man denke an Fragen der Erziehung, der Städteplanung oder der Nahrungsmittelproduktion.

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Ohne stärkere Fokussierung auf vorbeugende Massnahmen wird die Kostenexplosion im Gesundheitswesen langfristig nicht zu stoppen sein. Das geplante Präventionsgesetz ist ein erster Schritt in die richtige Richtung.