Tidjane Thiam ist mit Vorschuss-Lorbeeren nur so überhäuft worden. Wenn der Versicherungsmanager demnächst das Ruder bei der Credit Suisse übernimmt, sind die Erwartungen entsprechend hoch. Sein Vorgänger Brady Dougan hinterlässt dem Ivorer Baustellen, die den Aktienkurs seit Jahren bremsen.

Ganz nach dem Vorbild des Erzrivalen UBS fordern die Anleger einen entschlosseneren Abbau des riskanten Investmentbankings und eine stärkere Ausrichtung auf die Vermögensverwaltung. Zudem ist die Verschuldung der zweitgrössten Schweizer Bank hoch. «Tidjane Thiam steht vor gewaltigen Herausforderungen», erklärt Fondsmanager Alain Dupuis und macht gleich klar, dass der neue Konzernchef nur wenig Zeit bekommt. «Wir sind sehr ungeduldig.»

Arbeitsbeginn 1. Juli

Die Spannung am Hauptsitz der Credit Suisse wächst. Thiam tritt sein Amt offiziell zwar erst am 1. Juli an, er wird aber schon in den nächsten Tagen am Zürcher Paradeplatz erwartet. Was sich die Investoren von dem Manager erhoffen, lässt sich an der Aktienkursreaktion ablesen. Als er im März seinen Wechsel von der britischen Prudential in die Schweiz angekündigt hatte, war Credit Suisse auf einen Schlag 3,5 Milliarden Franken mehr wert. Dies hat nicht nur mit seinem ausgezeichneten Leistungsausweis beim Versicherer zu tun, sondern auch mit der Enttäuschung über seinen Vorgänger. In den vergangenen fünf Jahren hat die CS-Aktie mehr als 40 Prozent an Wert eingebüsst, während der europäische Bankenindex zulegte.

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Gesucht sind vor allem Geldhäuser wie UBS oder Julius Bär, die ein schwankungsarmes Geschäftsmodell und eine Bilanz besitzen, die auch schweren Stürmen standhält. Nach einer Milliardenbusse wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung in den USA ist die Credit Suisse bezüglich der Kernkapitalquote in die Gruppe der schwächsten europäischen Institute abgerutscht. Das ist gerade für superreiche Kunden, auf die auch die Schweizer zunehmend setzen, ein gewichtiger Nachteil.

Steht Kapitalerhöhung an?

Ein Hebel, um die Kapitalquote zu verbessern, ist ein weiterer Abbau des Kapitalmarktgeschäfts, das viel Mittel bindet. Selbst für Fonds-Manager David Herro, der Dougan ein insgesamt gutes Zeugnis ausstellt, hätte der gelernte Investmentbanker schneller aus gewissen Bereichen aussteigen sollen. «Vielleicht ist der neue CEO etwas unvoreingenommener und trennt sich von Bereichen, die keine genügenden Renditen erwirtschaften», erklärte Herro, dessen Gesellschaft Harris Associates zu den sechs grössten Anteilseignern zählt, in einem TV-Interview. Analysten halten den Handel mit Devisen und Staatsanleihen und das Geschäft mit Hedgefonds für die beiden Geschäftsfelder, die am ehesten der Axt zum Opfer fallen dürften.

Doch viele Experten gehen davon aus, dass tiefere Einschnitte im Investmentbanking nicht ausreichen werden, um die Bilanz aufzupolstern. Wenn sie ihre Kernkapitalquote auf das Niveau der UBS hieven will, bräuchte Credit Suisse rund sechs Milliarden Franken an frischen Mitteln, rechnet Kepler Cheuvreux-Analyst Dirk Becker vor. Sollte Thiam grössere Zukäufe ins Auge fassen, wäre mindestens nochmals soviel zusätzliches Kapital nötig.

Gewinndelle realistisch

Der 52-Jährige hat sich bisher nicht zu seinen Plänen geäussert. Doch vieles spricht dafür, dass der ehemalige McKinsey-Berater das Vermögensverwaltungsgeschäfts in Asien ausbaut. Bereits bei Prudential hatte er die Expansion in der Boomregion vorangetrieben und den Aktienkurs des britischen Marktführers damit befeuert.

Langfristig werde Thiam erfolgreich sein, weil er bei der Cedit Suisse auf ein wachsendes und hochprofitables Vermögensverwaltungsgeschäft zurückgreifen könne, erklärt Alain Dupuis, der den Oddo European Banks Fonds verwaltet. In den nächsten zwei Jahren müssten sich die Anleger aber wie bei der Deutschen Bank auf eine Gewinndelle gefasst machen. «Beide Banken müssen ihre Investmentbanken restrukturieren, Personal abbauen und aus gewissen Geschäften aussteigen,» erklärte er. «Das könnte Milliarden kosten.»

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Neues Team an der Spitze

Nicht nur einfache Mitarbeiter, auch Top-Manager dürften dabei über die Klinge springen. Investoren rechnen damit, dass Thiam rasch ein neues Team zusammenstellt, das den Umbau durchziehen soll. Seine langjährigen Weggefährten, Risiko-Chef Pierre-Olivier Bouee und Kommunikations-Chef John Murray, verliessen Prudential gleichzeitig mit Thiam und sind mehreren Insidern zufolge auch Spitzenkandidaten für einen Wechsel zur Credit Suisse. Zudem teilen sich bei den beiden CS-Divisionen gegenwärtig mehrere Manager die Macht. Die Vermögensverwaltung verantwortet eine Doppelspitze, beim Investmentbanking ist es gar ein Triumvirat.

(reuters/dbe/mbü)