Dem unbekannten Investor sei Dank! 60 Mio Fr. stellt er einem exportorientierten Chemiebetrieb, der nicht genannt werden will, zur Verfügung. Dies, um einen Ende Januar drohenden Liquiditätsengpass zu überbrücken. Die unangenehme Situation war für das sonst gut positionierte Unternehmen entstanden, nachdem eine französische Bank kurzfristig einen Kredit gekündigt hatte und innert nützlicher Frist keine Lösung mit einer anderen Bank möglich war.

Das ist kein Einzelfall. Seit sich ausländische Banken auch unter dem Druck ihrer nationalen Aufsichtsbehörden vermehrt auf ihren Heimmarkt konzentrieren und deswegen Kredite an Schweizer Firmen kündigen, steigt die Zahl jener Unternehmen, welche die Stiftung KMUfinance plus um eine Nothilfe angehen. Waren bis zum 19. Dezember Kreditgesuche von total über 2,2 Mrd Fr. eingegangen, so belief sich diese Summe nach Angaben von Geschäftsführer Reto Kolb Ende vergangener Woche auf über 3 Mrd Fr. Bei KMUfinance plus geht man davon aus, «dass sich diese Tendenz in den nächsten Monaten noch massiv verstärken wird».

Seit Mitte November hat die Stiftung zusammen mit Banken und einem Netzwerk von privaten Investoren etwa 80 Betrieben aus den verschiedensten Branchen finanziell Luft verschafft. Die vermittelten Beträge erreichen mittlerweile eine Gesamthöhe von 600 bis 700 Mio Fr.

Was veranlasst private Investoren, sich im Rahmen von KMUfinance plus zu engagieren? Ein Geldgeber, der ungenannt bleiben will, investiert laut eigenen Angaben ausschliesslich in mittelständische Maschinen- und Anlagebauer sowie in Handel und Immobilien. Er hat sich bereit erklärt, 150 Mio Fr. zur Verfügung zu stellen. Sein Motiv: «Ich habe Vertrauen in den Werkplatz Schweiz. Hier bietet sich für mich die Möglichkeit für nachhaltige und langfristige Investments.» Ein weiterer Grund sei auch, dass er in den betroffenen Betrieben teilweise mitbestimmen und sie aktiv begleiten könne. Er macht jedoch deutlich, dass er an seinen Investitionskriterien festhalte: «Die Produkte müssen stimmen und über eine Marktfähigkeit mit klar erkennbaren Alleinstellungsmerkmalen verfügen. Zudem muss die Firma etabliert sein und ein professionelles, überzeugendes Management besitzen.»

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Blick in die Zukunft

Damit ist auch gesagt, dass private Investoren und Banken Kreditrisiken auch in Fällen, in denen die Zeit drängt, ähnlich beurteilen. «Entscheidend bei einer Kreditvergabe ist bei uns auch jetzt eine positive Antwort auf die Frage, ob ein Unternehmen in der Lage ist, nachhaltig Erträge zu generieren», sagt Fulvio Micheletti, Leiter KMU der UBS.

An dieser Kreditpolitik halte die UBS auch vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung fest. Diese «zukunftsgerichtete» Politik habe zur Folge, dass Unternehmen, diese aufgrund einer besonderen Entwicklung über eine gewisse Zeit ausserordentlich hohe Erträge generierten, nicht automatisch höhere Kreditlimiten gewährt würden, «es sei denn, die Erträge erwiesen sich als nachhaltig». Micheletti weiter: «Umgekehrt kürzen wir in einer langfristigen Partnerschaft grundsätzlich auch keine Kreditlimiten, wenn es einmal aus bestimmten Gründen nicht so gut läuft, wie das im Moment der Fall ist.»

Im gleichen Rahmen unterstützt auch Credit Suisse ihre Firmenkunden. Barend Fruithof, Head Corporate and Institutional Clients, zur «Handelszeitung»: «Bei kurzfristigen Engpässen prüfen wir auch Überbrückungskredite. Wichtig ist dabei, dass die Firmen solide sind und nachhaltige Chancen am Markt haben.» Entscheidend bei der Kreditvergabe ist deshalb auch in Krisenzeiten, ob eine Bank die Zukunftschancen eines Unternehmens positiv beurteilt, wie es Charles Stettler, Leiter der Geschäftseinheit Firmenkunden und Mitglied der Generaldirektion der Zürcher Kantonalbank (ZKB), auf den Punkt bringt.

Um die Kreditwürdigkeit ei- nes Unternehmens abzuklären, brauche es allerdings Zeit, betonen die Bankenverantwortlichen. «Es ist eine grosse Herausforderung, innert kürzester Frist einen 90-Fr.-Mio-Kredit zu beschaffen, wenn nicht bereits eine Partnerschaft und ein gewisses Vertrauensverhältnis mit einer Bank bestehen», sagt UBS-Mann Micheletti. Er vermutet denn auch, dass heute vor allem Unternehmen Probleme bei grösseren Krediten haben, die bei ihren Bankbeziehungen nicht diversifiziert waren. «Ihnen wird es kaum gelingen, rasch ein Vertrauensverhältnis zu einer anderen Bank aufzubauen, wenn sich der bisherige Partner zurückzieht.» Bestehe nämlich eine Vertrauensbasis, könne man aufgrund von Erfahrungen auch sehr rasch entscheiden.

Skepsis gegenüber Fonds

Für Notfälle halten die Banken Lösungen wie etwa die Erhöhung der Bürgschaftslimiten oder die Überbrückung mit Geldern aus der Exportrisikoversicherung (siehe Box) für denkbar. «Wenn die Lösungen machbar sind, werden wir sicher einen konstruktiven Beitrag leisten», sagt Micheletti. Skeptischer ist man gegenüber einem Fonds, aus dem die Banken Geld ausleihen und diese als Kredite an die Unternehmen weitergeben könnten. So meint Charles Stettler von der ZKB, ein solcher Fonds könne Risiken nicht professioneller einschätzen als die Banken. «Und wer entscheidet beim Fonds, welches Unternehmen wie viel Geld erhält?», fragt sich Micheletti, KMU-Spezialist der UBS.

Mit anderen Worten: Die Banken nehmen sich selber in die Pflicht. Denn nach Aussagen ihrer Exponenten funktioniert der Kreditmarkt in der Schweiz nach wie vor. Barend Fruithof von Credit Suisse: «Ich stelle keinen Kreditengpass fest. Die Konkurrenz im KMU-Segment ist weiterhin hart. Und generell sind die Schweizer Firmen sehr solide finanziert, ihre Cash-Bestände im europäischen Vergleich hoch.»