Französische Autos sind zum Wohnen, nicht nur zum Fahren gemacht», so jedenfalls verkünden selbstbewusst die beiden nationalen Hersteller Renault und Peugeot ihr Marken-Selbstverständnis. In der Tat: Die Franzosen gaben sich seit jeher immer viel Mühe, ihre Modelle erstens mit einem raffiniert gestalteten Karosseriedesign vor allem von den Erzkonkurrenten aus Deutschland - denen Nüchternheit nachgesagt wird - abzuheben und zweitens das Interieur besonders wohnlich zu gestalten. Von den Kleinwagen bis zur oberen Mittelklasse konnten Renault wie Peugeot mit dieser Strategie durchaus Erfolge verbuchen.

Neue Runde mit Hilfe aus Südkorea

Allein in der Oberklasse kamen sie gegen die Konkurrenz aus Deutschland jedoch nicht an, wie das Schicksal der Modelle Peugeot 607 oder Safran sowie Vel Satis von Renault zeigt. Letzterer ist ein typisches Beispiel dafür, dass ein avangardistisches Blechkleid, in diesem Fall die Karosserie, bei einer Kundschaft, die zwischen 50 000 und 100 000 Franken für ein Auto auszugeben gewillt ist, nicht unbedingt ankommt. Nach dem Flop mit dem Vel Satis, der mit seinem Steilheck und einem mutigen Knick im unteren Teil der Heckklappe zwar ein Blickfang auf der Strasse, aber kein Verkaufsrenner war, versucht es Renault jetzt erneut. Diesmal allerdings geht die Marke einen konservativen Weg. Latitude heisst die neue Oberklasse-Limousine mit konventionellem Stufenheck. Der Name bedeutet so viel wie «geografische Breite - Entfernung zum Äquator». Da könnte mancher ins Philosophieren kommen. Tatsächlich stammt das neue Modell nicht aus dem Hause Renault direkt, sondern aus Südkorea, einem Land, dessen Lebensweise vom Nachdenken über Sein und Zweck allen Tuns stark geprägt ist.

Der Renault Latitude basiert auf dem SM5, dem Flaggschiff von Samsung. An Samsung ist Renault seit über zehn Jahren mit mehr als 50 Prozent beteiligt. Das koreanische Unternehmen spült denn auch jedes Jahr umgerechnet einige Millionen Euro in die Kassen der Franzosen. Renault hegt die leise Hoffnung, dass der Latitude eine ähnliche Entwicklung durchläuft wie die Marke Dacia. Die Fahrzeuge der rumänischen Renault-Tochter, im untersten Preissegment angesiedelt und anfangs von der Konkurrenz stark belächelt, sind inzwischen dank einem cleveren Marketing und neuen, originellen Modellversionen zum Bestseller geworden. Auf seinem Heimmarkt ist der SM5 bei Top-Kadern mit patriotischer Ader sehr beliebt; er wird in einem Zug mit der S-Klasse von Mercedes, der 7er-Reihe von BMW und dem A8 von Audi genannt. Selbstverständlich lässt sich trotzdem noch nicht sagen, ob der Latitude in Europa Erfolg haben wird. Nach Worten des für die Schweiz zuständigen Renault-Mediendirektors André Hefti, Urdorf, peilt Renault mit dem neuen Modell erst einmal ein kleines Volumen an: «Wichtig ist, im Oberklassesegment wieder Position zu beziehen.»

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Zufrieden mit einem kleinen Volumen

Um in höheren Sphären erfolgreich zu sein, benötigt ein Auto allerdings noch etwas mehr als ein elegantes Design, gepaart mit einer gewissen Zurückhaltung und einem hohen Qualitätsstandard. Um den Latitude zu einem Bestseller zu machen, muss er über die entsprechende Ausstrahlung und das nötige Image - verbunden mit einer spannenden Historie - verfügen. In dieser Hinsicht dürfte es Renault nicht so einfach haben. Schon gar nicht in der Schweiz, wo die deutschen Marken die Überhand haben. Modelle wie der Citroën C5, der Opel Insignia, der Peugeot 508 oder der Skoda Superb sind ebenfalls Konkurrenten.

Anderseits: Mit dem Latitude bietet sich in der Oberklasse eine weitere Alternative zu den etablierten deutschen Fahrzeugen, nachdem sich auch die US-Luxusmarke Cadillac entschlossen hat, nach Europa zurückzukehren (siehe «Handelszeitung» Nr. 48 vom 1. Dezember 2010). Dabei rechnet Renault kaum damit, dass Audi-, BMW- oder Mercedes-Fahrer auf den Latitude wechseln. Jedoch haben es die Franzosen auf jene abgesehen, die von unten aufsteigen und für Preise ab 47 000 Franken eine reichhaltig ausgestattete, elegante Limousine kaufen möchten. Bei der noblen deutschen Konkurrenz ist für diesen Preis ein vergleichbares Modell kaum zu bekommen.