Bezeichnenderweise war der Titel des UBS Art Forum, das Ende April 2010 im Ausbildungszentrum Wolfsberg am Bodensee stattfand, mit einem Fragezeichen versehen: «Art Global - Jenseits des Hypes?». Die Frage nach einer Standortbestimmung und einem Ausblick, jetzt wo der Kunstmarkt sich wieder einigermassen «normalisiert» hat, stand für die rund 140 teilnehmenden Kunstsammler, Künstler, Kunstvermittler, Museumsdirektoren und weitere Kunstinteressierte an zentraler Stelle. Wichtige Anregungen, in welche Richtung sich die Kunst und damit die Kunstvermittlung in den kommenden Jahren entwickeln muss oder kann, zeigte Hans Ulrich Obrist als Hauptredner in einem fulminanten Referat, «Kunst im 21. Jahrhundert: Perspektiven und Herausforderungen», auf. Der gebürtige Thurgauer und derzeitige Co-Direktor der Londoner Serpentine Gallery gilt gemäss der Zeitschrift «ArtReview» als die «einflussreichste Persönlichkeit in der heutigen Kunstwelt». Lieber als von Globalisierung des Kunstbetriebs, pflegt Obrist von dessen «Mondialisierung» zu sprechen. Damit komme besser zum Ausdruck, dass «die derzeitigen homogenisierenden künstlerischen Kräfte überall auf der Welt eingesetzt werden können». Illustriert wurde diese Sichtweise mit den Bildern von den Pavillons, welche die Serpentine Gallery seit 10 Jahren bei namhaften Künstlern und Architekten in Auftrag gibt.

Koolhaas und Eliasson

Obrist lässt als Direktor für internationale Projekte der Serpentine Gallery in diesen sehr eigenwilligen Pavillons (die u. a. von Rem Koolhaas, Zarah Hadid, Olafur Eliasson und Frank Gehry gestaltet wurden) in Anlehnung an die Redemarathons im Speakers Corner des Londoner Hyde Park, wo sich auch die Galerie befindet, Kunstmarathons ablaufen. Die Rolle der Museen sieht Obrist in einer Doppelrolle: Einerseits als Labor, andererseits aber auch als «Zeitspeicher». Vor allem die Zeitspeicherrolle bleibt eminent wichtig, denn im digitalen Zeitalter wird die Bedeutung der Erinnerung sogar zunehmen. Nicht umsonst arbeiten viele Künstler heute mit Archiven. Es sind auch die Künstler, welche die Zukunft der Kunst «erfinden» bzw. bestimmen sollen. Den Kuratoren bleiben aber weiterhin wichtige Aufgaben, so in der Entwicklung von Ideen, Kunst immer neu an ungewohnten und überraschenden Orten zu zeigen. Die Pavillon-Präsentationen der Serpentine Gallery sind eine Möglichkeit, die Präsentation von kleinen intimen Ausstellungen, wie jene im Haus von Federico García Lorca bei Granada, eine ande- re. Eine solche Ausstellung, so Obrist, «ist wie ein Konversationsstück».

Aufgabe der Kunstschaffenden im 21. Jahrhundert wird es sein, die Spielregeln zu verändern - sowohl mit Blick in die Vergangenheit als auch mit Blick in die Zukunft. Dafür hat Obrist, der in seiner überbordenden Kreativität Christoph Schlingensief ähnelt (dessen Name er im «Name-dropping-Wasserfall» aber nie erwähnt), noch einiges in petto. Der Rastlose gestand, dass er ein Archiv von 1500 unrealisierten Projekten hütet. Da Hans Ulrich Obrist gemäss Überlieferung mit zwei Stunden Schlaf auskommt, wird sein Ideen- und Kreativitätsspeicher nicht austrocknen. Mit einer solchen Persönlichkeit auch nur kurz Bekanntschaft machen zu können, war für die Seminarteilnehmer ein anregendes und bleibendes Ereignis.

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