Kaderschmieden auf Sinnsuche? Von Profitgier geleitete Studenten? Falsche Anreize, die zum Chaos führten? Diese Fragen zur Weiterbildung zum Master of Business Administration (MBA) wurden seit Beginn der Wirtschaftskrise heftig diskutiert. Nicht zuletzt unter Harvard-Professoren, die vor einem Jahr den Stein ins Rollen brachten.

Fakultätsmitglieder versuchten erstmals zu analysieren, ob zwischen der Lehre und der Krise ein Zusammenhang festzustellen sei. In einem abschliessenden Bericht kritisierten einige Autoren die angeblich durch die Lehre gestei- gerte Gier nach Profitmaximierung, die einen Teil der Schuld an der Krise trägt. Die Eliteuniversität Harvard zeigte sogar beschämt mit dem Finger auf sich selbst und gelobte Besserung.

Vor einigen Monaten hat diese Diskussion auch die Schweizer Institute erreicht, wie die Umfrage der «Handelszeitung» bei Universitäten und Hochschulen ergeben hat. Sie nehmen einerseits zur Kritik an der MBA-Ausbildung Stellung. Andererseits führen die MBA-Anbieter aus, wie sie die Themen Ethik, Ökologie und Nachhaltigkeit in ihren Unterrichtsplänen verstärken bzw. in ihre Kursprogramme integrieren. Die Resultate befriedigen nicht immer.

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Rochester-Bern wehrt sich

Der Executive MBA von Rochester-Bern stand immer wieder mal im Ruf, überwiegend Teilnehmer aus Kreisen der Finanzdienstleister weiterzubilden, die dann an ihrem Arbeitsplatz angeblich nur die einzige Absicht verfolgen, einer grossen Zahl Kunden möglichst viel Geld abzunehmen.

Managing Director Petra Jörg wehrt sich gegen dieses Vorurteil, nicht nur was die Zielgruppe betrifft, sondern auch bezüglich der Inhalte. «Wir haben nicht nur Finanzdienstleister, sondern etwa ein Drittel Ingenieure und Teilnehmer aus anderen Branchen. Da wird der Geld-Geld-Geld-Gedanke schon mal durch die Zusammensetzung relativiert, auch seitens der Dozenten.» Rochester-Bern sei nicht das Programm, das diese Geldgier produziere, «gar nicht» betont Jörg. «Ich würde das Programm einfach nicht so wahrnehmen.» Eine Vertiefung von ethisch-nachhaltigen Themen stehe derzeit nicht zur Diskussion.

Resonanz an Universität Zürich

Eine Universität mit vielen geisteswissenschaftlichen Fächern hat eventuell ein tiefer gehendes Verständnis, wenn es um Tugendlehre und Nachhaltigkeit geht. Immerhin nimmt Andrea Schenker-Wicki als Direktorin für den Exe-cutive MBA der Universität Zürich die Kritik an einer möglichen Mitschuld am Finanzdebakel ernst. «Wir diskutieren diese Problematik mit unseren Studenten intensiv und immer wieder.» Sie stellt sogar fest, dass diese Themen in der heutigen Zeit im Gegensatz zu früher auf eine sehr grosse Resonanz stossen. «Es ist aber nicht so, dass wir wegen der Finanzkrise unser Curriculum ändern mussten, da es in unserem Executive MBA bereits ein dreitägiges Modul zu Ethik und Leadership gibt.»

Doch würden ethische Fragen nicht nur in diesem Spezialmodul behandelt. Auch in vielen anderen Programmteilen werden sie anhand von tagesaktuellen Beispielen analysiert und diskutiert. «Im Speziellen zu erwähnen sind un-sere Module zum Thema Intercultural Management.»

ETH Zürich sieht die Risiken

Albert Reich, Präsident des Forum SCM der ETH Zürich, das den Executive MBA mit Schwerpunkt auf dem spezialisierten internationalen Supply Chain Management anbietet, erklärt: «Die Profitmaximierung an sich ist nicht falsch. Ob wir es wollen oder nicht, die fundierte Beurteilung des Gewinnsteigerungspotenzials von Strategien und Massnahmen sowie die gewinnorientierte Kontrolle in der Realisationsphase bleiben der Massstab der Führungstätigkeit. Ein Problem entsteht, wenn zum Beispiel durch falsche Anreize der kurzfristige Erfolg angestrebt und die Risiken sowie die langfristigen Konsequenzen vergessen werden. Daher wollen wir der Risikobeurteilung mehr Raum geben.»

Damit gemeint sind auch die finanziellen Risiken, wozu die Bewertung der Geschäftspartner zählt. Gerade im internationalen Logistik-Business stehen je länger, desto mehr auch ökologische und ethische Fragen im Raum. Dazu Jürg Tenucci, für die Studentenkontakte des Programms verantwortlich: «Um den Studenten die grossen und wichtigen Zusammenhänge näherzubringen, die für die Unternehmensführung praktisch relevant sind, muss heute auch auf ökologische sowie ethische Fragen eingetreten werden. Ein MBA-Programm gewinnt also an Qualität, wenn diese Aspekte in der Stoffwahl gebührend berücksichtigt werden. Dazu eignen sich auch Auslandsaufenthalte, deren Hauptzweck der Verständnisförderung gelten.»

Orientierung an HSG St. Gallen

Wolfgang Jenewein ist für das Omnium Global Executive MBA der HSG St. Gallen verantwortlich. Internationale Rankings, etwa von «Financial Times» oder «Business Week», suggerieren seiner Meinung nach oft, «dass man nichts wert ist, wenn man nicht bei einer gewissen Grössenordnung, sprich bei einer sogenannten Eliteschule, einloggt.» Da diese Medien seit einiger Zeit auch eine Rubrik «Jahresgehalt nach dem MBA» eingeführt haben, besteht dazu die Gefahr, dass es Interessenten gibt, die sich hauptsächlich nach der Ranking-Position und den Salärversprechen orientieren.

Jenewein ist überzeugt, dass diese Rankings einen grossen Einfluss haben: «Man signalisiert den Menschen, dass sie weniger wert sind, wenn sie hier nicht einen grossen Impact vorweisen. Das ist natürlich dann schwierig, wenn man keine andere Grössenordnung mehr zulässt.» Da die Teilnehmer an der HSG nicht nur als künftige «Ackermänner» durch die Welt gehen wollen - auch wenn immer wieder die Rede davon ist, dass ein beachtlicher Teil Schweizer CEO in St. Gallen studiert hat -, sondern auch als Social Entrepreneur arbeiten möchten, wird das Thema Löhne und Karriere rasch relativiert. Hier geht es nicht um die höchsten Bezüge, sondern in erster Linie darum, «Menschen zu helfen, Menschen zu retten».

Was die Themen Ethik, Nachhaltigkeit und Ökologie betrifft, verweist Jenewein darauf, dass an der HSG eine Managementaus-bildung mit integrativer Sicht auf das Geschäft sowie das Umfeld definiert und entwickelt wurde. Je-newein fügt hinzu: «Daher glaube ich nicht, dass wir in Verdacht stehen könnten, dem Shareholder Value zu frönen.»

 

 


Schweizer Fachhochschulen sehen sich bei der Ethik-Frage als Vorreiter

Die «Handelszeitung» hat sich bei Schweizer Fachhochschulen nach ihrem Handlungsbedarf in der MBA-Ausbildung erkundigt. Die Umfrage ergab ein interessantes Ergebnis: Für die vier Befragten ist Ethik längst ein Thema, das in Forschungsergebnissen aktualisiert und in Wahl- oder Pflichtmodulen sichtbar gemacht wird.

Jacques Bischoff, Rektor der Hochschule für Wirtschaft Zürich (HWZ), erklärt: «Wir orientieren uns an einem ganzheitlichen Managementmodell. Die HWZ hat Wirtschaftsethik und Social Corporate Responsibility in allen Bachelor- und Masterausbildungen als Pflichtmodul etabliert.»

Ralph Zürcher, Studiengangsleiter Executive MBA der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS), führt aus: «Die Themen Ethik und Nachhaltigkeit gehören für mich klar in einen Executive MBA. Nicht als Theorie, sondern pragmatisch, mit Übungen versehen, umsetzbar in die eigene Praxis. In meinem eigenen Modul Leadership und Change Management ist das berücksichtigt. Darin geht es um Vorbildfunktion, Ethik und nachhaltigen Erfolg.»

Erik Nagel, Studienleiter Executive MBA der Hochschule Luzern - Wirtschaft, sagt: «Bei uns wird intensiv über die Frage von Unternehmensethik diskutiert. Oft hört man, dass Ethik und Wirtschaft schlichtweg nichts miteinander zu tun haben. Wir vertreten aber die Auffassung, dass das sehr wohl der Fall ist. Wir halten seit Jahren an diesem Thema fest, auch wenn es in bestimmten Phasen nicht in Mode oder nicht mehr angesagt ist. Unsere Teilnehmer vertreten in der Regel keine harten Ideologien, sondern sind bereit, kritisch und offen über Probleme nachzudenken. Dabei gehen wir inhaltlich immer auf aktuelle Entwicklun-gen ein und diskutieren sie aus verschiedenen Blickwinkeln.»

Lukas Scherer, Studienleiter Executive MBA FHS der Fachhochschule St. Gallen, antwortet: «In unserer MBA-Ausbildung führen wir auch weiche Fächer wie Ethik und Wertmanagement. Diese sind aber modular frei wählbar und die Nachfrage ist nicht sehr gross. Sie sind im Curriculum eher unterdotiert im Verhältnis zu den harten Fächern, wohl deshalb, weil Ethik einen längeren Zeithorizont beansprucht. Bei harten Fächern glauben die Teilnehmer eher an einen schnellen Nutzen.»(win)