Bis vor zwei Jahrzehnten beherrschten zwei Weintypen die Walliser Weinproduktion: Der aus der Chasselas-Traube erzeugte weisse Fendant und der meist aus einer Assemblage aus Pinot noir und Gamay gekelterte Dôle. Auch wenn im Wallis über 50 Rebsorten kultiviert werden und in den letzten Jahren die Spezialitäten deutlich zulegen konnten, so bedecken die drei erwähnten Sorten immer noch 71% der Rebfläche.

Alte Namen neu entdeckt

Doch seit auch im Wallis eine neue Generation von ambitionierten und bestens ausgebildeten Winzerinnen und Winzern auf den Plan getreten ist, spricht man nun wieder vermehrt von Weinen, deren Namen man zuvor kaum je gehört hat und die durch ihren eigenständigen Charakter und ihre Klasse zu überzeugen vermögen.

Bei den Weissweinen sind dies neben der ebenso komplexen wie finessenreichen Petite Arvine (138 ha) die zart-duftige Amigne, die auf lediglich 42 ha in der Gegend von Vétroz kultiviert wird, sowie die Humagne blanche (28 ha), die wegen der belebenden Wirkung einst den Wöchnerinnen (!) verabreicht wurde.

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Bei den Rotweinen vermögen der Cornalin und die Humagne rouge zu beeindrucken. Ersterer ist eine der ältesten im Wallis kultivierten Rebsorten und soll von den Römern ins Land gebracht worden sein. Er zeichnet sich durch seine intensive schwarzrote Farbe, sein nach Kirschen riechendes Bouquet, seinen saftig-herben Körper sowie ein grosses Alterungspotenzial aus. Ebenfalls von kräftiger Statur ist die Humagne rouge, aus der gut strukturierte Weine mit Geschmacksnoten von Heide und Waldbeeren gekeltert werden und die sich bestens mit Wildgerichten kombinieren lassen.

Daneben ergeben - als weitere Spezialitäten - die beiden aus den Côtes du Rhône stammenden Sorten Marsanne blanche (im Wallis Ermitage genannt) und der rote Syrah am Oberlauf der Rhone beeindruckend eigenständige, ausdrucksvolle Weine.

Doch damit nicht genug. Im deutschsprachigen Oberwallis begegnet man im Vispertal nochmals einer Weinwelt für sich. Auf Kleinstparzellen hat sich hier eine Reihe jahrhundertealter autochthoner Rebsorten zu halten vermocht, nicht zuletzt dank der ampelographischen Pionierarbeit von Joseph-Marie Chanton aus Visp. Er kultiviert und vinifiziert Rebsorten, für die sich niemand mehr interessierte und die auszusterben drohten. Lafnertscha, Himbertscha, Gwäss, Resi und Eyholzer Roter heissen sie, und beinahe so urchig wie ihre Namen ist auch ihre säurebetonte Aromatik.

Das Prunkstück des Oberwalliser Weinbaus ist jedoch der Heida (auch Païen genannt). Die mit dem berühmten Savagnin blanc aus dem französischen Jura verwandte Traubensorte wird in Visperterminen bis auf Höhen von 1100 m ü.M. angebaut und ergibt vollmundig-frische Weine.

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Süssweine bestehen Vergleiche

Der Streifzug durch die Walliser Weinschatzkammer wäre unvollständig, würde man nicht auch die edelsüssen Weissweine erwähnen. Aus den spätgelesenen, teils von Edelfäule befallenen Trauben werden seit etlichen Jahren grossartige Süssweine gekeltert, die - wie Vergleichsdegustationen gezeigt haben - mit den besten Gewächsen der Welt mithalten können. Seit 1996 existiert die Qualitätscharta Grain Noble Confidentiel, deren strenge Vorschriften einzuhalten sich bislang 33 Produzenten verpflichtet haben.

Einheimischem treu geblieben

Die Walliser Weinproduzenten haben gut daran getan, sich nicht dazu verleiten zu lassen, auf internationale Sorten wie Chardonnay, Cabernet Sauvignon oder Merlot zu setzen, sondern sich auf ihre weltweit einzigartigen Spezialitäten zu besinnen und gleichzeitig auch die «alte» Walliser Weinwelt mit ihrem Fendant und Dôle weiter zu pflegen.

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Zu Recht! Denn auch diese Weine bereiten viel Trinkgenuss, wenn man etwa an die diversen Lagenabfüllungen von der Domaine Cornulus, Marie-Thérèse Chappaz oder Gérald Besse denkt.