Wir setzen Cloud Computing ein», sagt Christian Hunziker, Direktor für Marketing und Verkauf der IT-Dienstleistungs- und Softwarefirma Elca in Lausanne. «Beim Online-Ticketverkauf für das Paléo-Festival melden sich mehrere 100000 Personen gleichzeitig an, mit Cloud Computing schicken wir diese Anmeldungen in eine Art Internet-Warteschlage, wie man sie von grossen Postschalterhallen kennt, und arbeiten diese Aufträge dann entsprechend der Rechenkapazitäten ab.» Hunziker spricht indes als IT-Experte über eine Lösung aus dem eigenen Haus. «Kunden können sich unter Cloud Computing oft nichts vorstellen, deshalb ist auch die Verbreitung sehr gering.» So sei nur schon der Unterschied zwischen Cloud Computing und ASP, dem Hosting von Applikationen, nicht allen geläufig.

Damit ist Elca Ausnahme und Vorreiter. «Cloud Computing ist noch in einer frühen Phase», sagt Philip Sander, Direktor für Marketing und Sales bei Scalaris, der dieser Tagen umbenannten Elsag Solutions, «niemand hat alle Komponenten im Griff.» Das bestätigt auch Marc Ziegler, Marketingchef von Sage Schweiz. «Man hört Cloud Computing und Software als Service vereinzelt von Kunden, aber das sieht eher nach einem Infrastruktur-Outsourcing als nach Cloud Computing aus». Nur bei sehr wenigen Kunden bestehe Interesse an «Software aus der Steckdose», sagt Ziegler weiter, am ehesten noch bei CRM-Software.

Auch bei Firmen und potenziellen Anwendern besteht Aufklärungsbedarf. «Wir sind überhaupt nicht vorbereitet, und das ist auch keine Thema bei unseren Kunden», sagt beispielsweise Patrick Burkhalter, CEO von Ergon Informatik in Zürich. «Für betriebswirtschaftliche Softwarelösungen ist das auch weniger ein Thema als für komplexe Simulationen.» Kunden machen sich laut Burkhalter auch kaum Gedanken dazu.

Anzeige

Auf dem Weg zur Virtualisierung

Technologisch wird Cloud Computing oft mit Software as a Service (SaaS) und ASP, dem Hosting von Applikationssoftware, entweder gleichgesetzt, verwechselt oder bekämpft. «Cloud» leitet sich aus «Wolke» ab; die IT-Fachleute in den USA setzen sie für das Internet ein, weil hier unklar ist, auf welchen exakten Wegen Daten von einem Punkt zu einem anderen bewegt werden.

Cloud Computing abstrahiert nicht nur die Verbindungen, sondern auch die ganze dahinterstehende Infrastruktur mit Servern, Speichersystemen, Applikations- und Systemmanagementsoftware. Anwender haben, so die Vision, dannzumal einen einfachen Zugriff auf diese «Wolke», so wie sie heute in jedem Zimmer Strom aus der Steckdose beziehen können – ohne sich um die Produktion und Verteilung kümmern zu müssen (siehe Artikel unten).

ASP-Modelle bilden zusammen mit SaaS die erste Basis auf dem Weg zum Cloud Computing. SaaS ist inzwischen Big Business: EchoSign, ein Anbieter für Lösungen im Bereich digitaler Signaturen beispielsweise, hat 4000 Kunden mit 400000 Anwendern.

Fünf vor zwölf

Auch wenn sich die SaaS-Spezialisten dem makroökonomischen Umfeld nicht entziehen können und die wirtschaftliche Abkühlung in den USA in Form verlängerter Verkaufszyklen spüren, sind sich die Analysten einig, dass der Trend in Richtung SaaS und Cloud Compu-ting nicht umzukehren ist. Zurückhaltend sind die grossen Softwarehäuser SAP, Microsoft, Oracle und IBM, die in einem Dilemma stecken. Ein Übergang von Lizenz- und Wartungsumsätzen zu Mietmodellen ändert nicht nur das Bonussystem für die Mitarbeiter, sondern auch das Geschäftsmodell. Zudem könnte dadurch die eigene Kundenbasis kannibalisiert werden. IBM hat mit wichtigen SaaS-Firmen Partnerschaftsverträge abgeschlossen und versucht, sich als Infrastrukturanbieter zu positionieren.

Oracle brachte mit Siebel-On-Demand die Version 15 auf den Markt, als Ergänzung zu den weiter bestehenden CRM-Angeboten mit konventionellen Lizenzmodellen. Microsoft hat das Mietangebot «Dynamics CRM Live» gestartet, Sharepoint- und Exchange-Applikationen sollen folgen. Eine Übernahme von Yahoo würde die Wettbewerbsposition von Microsoft auch hier deutlich verbessern. SAP setzte die Ziele für die «BusinessByDesign»-SaaS-ERP-Lösung herab; dies an der Analystenkonferenz zu den 1.-QuartalsZahlen. Die Analysten der Deutschen Bank trauen SAP zu, methodisch Funktionalität und Leistung kontinuierlich zu verbessern. Die einzige Frage ist hier: Wird das zu spät sein?