Katharina Fritsch spielt mit den archaischen Vorstellungen, Wünschen und Ängsten der Menschen. Ihre Skulpturen sind eine Art dreidimensionale Bilder, die eine unglaubliche energetische Präsenz im Raum ausstrahlen. Die grossformatigen, hypnotischen Werke sind dekorativ und unheimlich zugleich. Wer sie betrachtet, nimmt die dargestellten Figuren und Situationen in Sekundenschnelle war - und ringt doch nach dem sich dahinter verbergenden Sinn. Die glatten, meist monochromen Oberflächen der Skulpturen weisen keinerlei persönliche Handschrift auf.

Die ausgeklügelten Proportionen und die leuchtenden Farben offenbaren Fritschs Schulung an der Strenge der Minimal Art sowie ihr Interesse für Künstlichkeit und überindividuelle kulturelle Prägungen. Mit ihrer Eigenständigkeit und Konsequenz nimmt die Künstlerin eine erfrischend schräge Position in der Kunstlandschaft ein. Ihr Formenrepertoire erweitert dasjenige der Pop-Art, die aufwendige Machart distanziert sich deutlich vom Ready-Made. Noch bis Ende August stellt Katharina Fritsch im Zürcher Kunsthaus aus, dann wird die Schau von den Hamburger Deichtorhallen übernommen.

Widersprüchliche Gefühle

Die 1956 in Essen Geborene zählt zu den wichtigsten Künstlerinnen der Gegenwart. Sie lebt und arbeitet in Düsseldorf und ist seit 2001 Professorin für Bildhauerei an der Kunstakademie Münster. Die Retrospektive im Kunsthaus mit 80 Objekten aus allen Schaffensphasen ist ihre erste museale Einzelpräsentation in Zürich und die bislang umfassendste in der Schweiz. Zu sehen sind zur Hälfte jüngere sowie ganz neue Arbeiten, darunter grossformatige «Raumbilder», bei denen Skulpturen sich im Dialog mit ätherisch wirkenden, grossen Siebdrucken befinden.

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Gleich am Eingang empfängt das eintretende Publikum ein hellgelber Koch, der einen ebenfalls hellgelben Teller mit einem wenig einladenden hellgelben Kotelett, Kartoffeln und Erbsen präsentiert. Die Figur steht strahlend gelb vor einem grossen Bild eines düster wirkenden Gasthofs, dem «Schwarzwaldhaus». Die Begegnung mit Katharina Fritschs Kunst setzt schon mit dem ersten Werk der Ausstellung jene widersprüchlichen Gefühle frei, die typisch für viele ihrer Arbeiten sind. Ein Hauch von abgründiger Melancholie und subtilem Humor scheint über dem Ganzen zu schweben.

«Warengestell mit Madonnen», 1989, «Tischgesellschaft», 1988, oder der grüne «Elefant», 1987, sind wegen ihrer bildhaften Prägnanz fest im kollektiven Gedächtnis des Kunstpublikums verankert. Sie sind auch Teil der aktuellen Schau. In den 1980er-Jahren dienten der Künstlerin häufig Bildthemen aus der Warenwelt als Motiv. So etwa das provokative «Warengestell mit Madonnen» mit Dutzenden von stereotypen, aufeinander gestapelten Madonnenfigürchen, verfremdet durch knallgelbe Farbe.

Das grosse Ensemble um die Figur «Frau mit Hund», 2004, wurde von der Vereinigung der Zürcher Kunstfreunde angekauft. Die aus rosa Muschelschalen komponierte Frauengestalt und ihr Hündchen erinnern an eine kitschige, etwas zu gross geratene Bastelarbeit. 32 an der Decke aufgespannte Schirme sowie vergrösserte Postkartenbilder bilden das surrealistische Raumensemble, das an Paris erinnert. Assoziationen zu Rokoko und Populärkultur drängen sich auf.

Lächelndes Doppelbett

Eine andere Werkgruppe ist die «Tischgesellschaft» mit 32 stummen Männern in Schwarz und Weiss. 1988 schuf Fritsch dieses Werk, das wohl zu ihren spektakulärsten gehört, für eine Ausstellung in der Kunsthalle Basel. Bei genauerem Betrachten stellt sich die Tischgesellschaft als ein und derselbe Mann heraus, der sich immer weiter klont und bei genauerem Betrachten immer unheimlicher wirkt - wie eine beängstigenden Halluzination. Das Serielle bestimmt unser Leben, unsere Kultur.

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Mit einer ihrer neusten Arbeiten lädt Fritsch in ein «Meta-Schlafzimmer» ein. In dem mit Rosenblättern übersäten, «lächelnden» Doppelbett und den männlichen Pin-ups an der Wand, begibt sich die Künstlerin als Frau mit subversiver Fröhlichkeit in ein männlich besetztes Terrain der Kunstgeschichte.

Der letzte Raum beinhaltet ein subtiles Gruselkabinett. Alte illustrierte Schauermärchen aus Zeitungen werden hier grossformatig präsentiert - angereichert mit eigenen surrealen Albträumen. Damit schlägt Katharina Fritsch den Bogen zu den düsteren und bedrohlichen Ensembles, wie sie oft in ihrem frühen Werk zu finden sind.