Diese positiven Aussichten sind allerdings an gewisse Voraussetzungen gebunden, zu denen eigene Anstrengungen, aber auch von KEP-Firmen nicht beeinflussbare Faktoren gehören. Zu den Letzteren: Nach wie vor ist gemäss Armin Bohnhoff, Mitglied der Geschäftsleitung DPD Deutschland, die Binnenmarktnachfrage ein wichtiger Pfeiler: «Dank ihr ist die Situation der Paketdienstleister weitgehend stabil. Daher konnten auch die strassenbasierten Systeme Leistung und Preise ebenfalls auf einem stabilen Niveau halten.» Weitere gute Nachricht für die Branche: «Die KEP-Industrie ist ein Gradmesser für die Situation der Wirtschaft. Seit Juni ist ein leichter Aufschwung im Bereich Paketmengen zu verzeichnen», freut sich Bohnhoff. Rückgänge liegen nur im einstelligen Prozentbereich.

Jetzt kommt das Aber: «Sollte die Binnennachfrage und somit auch die Domestic-Paketmenge stark zurückgehen, entsteht ein fast unlösbarer Widerspruch zwischen Überkapazitäten, Preisdruck und steigenden Kosten», kommt er zum glasklaren Schluss. Wo lauern die Gefahren für Bohnhoffs grundsätzlich positive Einschätzungen für künftige Trends? Da wären zum einen Arbeitslosigkeit und weiterhin steigende Quoten der Kurzarbeitenden. Das gilt sowohl für die Schweiz wie auch für Deutschland, wo sich letztere innert fünf Monaten verzehnfacht haben.

Andere Paketmengen

In unserem Land sind derzeit rund 80 000 Kurzarbeitende gemeldet, doppelt so viele wie noch im März dieses Jahres. Das hat unmittelbare Folgen nicht nur auf die Quantität, sondern auch auf einen anderen wichtigen Faktor für diese Branche. Dazu Bohnhoff: «Nicht nur die Binnennachfrage wird durch diese Entwicklung tangiert, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit führen auch zu Veränderungen in der Arbeitsweise und somit zu Verschiebungen der Wochenmengen.»

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Die Erhebungen der DPD sind interessant: Während früher eine allmähliche Steigerung von Montag bis Mittwoch stattfand und diese am Donnerstag und Freitag wieder zurückging, ist der Wochenanfang heute durch höhere Paketmengen gekennzeichnet, die am Dienstag merklich abnimmt, Mitte der Woche wieder ansteigt, am Donnerstag noch ausgeprägter und am Freitag wieder leicht unter dem Volumen von Montag liegt. Diese Mengenschwankungen sind stark regional geprägt. Grundsätzlich wird erwartet, dass bei zunehmender Kurzarbeit die Freitagsmengen noch wesentlich stärker abnehmen werden, da die Betriebe insbesondere die Produktionsmengen am Freitag minimieren.

Die Folgerungen für Bohnhoff liegen auf verschiedenen Ebenen. Zunächst ist von den KEP eine noch grössere Flexibilität gefordert. Aber nicht nur: Analog zu den Mengenschwankungen muss auch das Reportingwesen so ausgestaltet werden, dass auf kurzfristige Änderungen reagiert werden kann. Hinzu kommt eine Netzwerkoptimierung. Bei DPD hat man das früher «fast Undenkbare» gewagt, wie er es formuliert: Es wurde einer von 20 Konsolidierungsknotenpunkten geschlossen, und die Arbeitsschichten wurden unter Vermeidung von Entlassungen an einem Standort komplett reorganisiert.

Flurschäden vermeiden

Wer in diesem Geschäft tätig ist, kann ermessen, welche Überzeugungsarbeit bei der Belegschaft nötig war. Daher sein weiteres Rezept für eine solche einschneidende Massnahme, die dazu beitrug, Flurschäden zu vermeiden: «Die Belegschaft muss möglichst früh einbezogen werden, wenn Vorkehrungen wie diese erfolgversprechend sein sollen.»

Das gilt erst recht auf höherer Ebene: Gemäss Bohnhoff wurden deren Angehörige, insbesondere die Depotleiter, höchst persönlich vom CEO über ein umfassendes Kostenmanagementprogramm informiert. «Das Programm besteht aus Massnahmen, die sofort implementiert wurden, wie der Einschränkung von Verwaltungskosten oder dem Verzicht auf verschiebbare Investitionen, und aus solchen, welche - wie die Neuorganisation des Express-Bereichs - eine mittelfristige oder eine längerfristige Reichweite haben wie eine grundlegend optimierte Netzwerk- und Standortstruktur. Für die Schweiz kann das etwa bedeuten, dass die Verwaltungsstrukturen verschlankt werden und der Frachtverkehr an die veränderten Frachtmengen angepasst wird.

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Flankierende Massnahmen

Damit sind nur die wichtigsten Eckpfeiler genannt, die DPD ins Fundament eingerammt hat, welches auch künftig dazu beitragen soll, das Wachstum, das gemäss Bohnhoff seit 30 Jahren verzeichnet wird, zu garantieren. Er fügt hinzu, was besonders erstaunt: «Rezessionen waren bisher sogar Mengentreiber.» Seine Gründe dafür: «Die Verlagerung von Spedition zu Paket, ein europaweiter Abbau von Lagern, die Reduktion von Werkverkehren und die Just-in-time-Philosophie.»

Unnötig zu sagen, dass zu den Massnahmen, welche präventiv gegen Einbrüche oder bereits sich abzeichnende Tendenzen auf neue Preisverhandlungen mit Frachtführern in jedem einzelnen Land, in dem DPD tätig ist, Preisanpassungen gehören. «Sie fielen moderat aus, konkret im einstelligen Prozentbereich», präzisiert er.

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