Die SBB wollen sparen und planen weitere «Geisterbahnhöfe». Als solche gelten Stationen, an denen keine SBB-Mitarbeiter mehr tätig sind - die Kunden finden nur noch Automaten vor. Im Fokus der SBB stehen gemäss Recherchen der «Handelszeitung» die mittelgrossen Bahnhöfe, von denen es derzeit noch 210 gibt. Sie sind zu klein, um als kommerziell attraktiver Typus mit zahlreichen Shops und weiterer Infrastruktur für mehr Umsatz zu sorgen. Aber sie waren zu wichtig, als dass sie ohne SBB-Personal vor Ort ausgekommen wären. Beispiele solcher mittlerer Bahnhöfe sind Kreuzlingen, Dietikon oder Baar.

Klares Ziel der SBB: Die mittelgrossen Bahnhöfe müssen Gewinn erwirtschaften. Als Folge könnten in den kommenden Jahren zwischen 50 und 100 der 210 mittleren Bahnhöfe zu unbemannten Kleinbahnhöfen zurückgestuft werden, wie interne Quellen bestätigen. Denn für viele dieser Stationen liessen sich zusätzliche Einnahmequellen nur schwer finden.

Bei den SBB äussert man sich nicht zum Umfang des Abbaus. Ob und wie viele der mittelgrossen Bahnhöfe noch zurückgestuft würden, lasse sich heute nicht sagen. Sprecher Reto Kormann bestätigt aber: «Das Teilportfolio ‹mittlere Bahnhöfe› soll einen positiven Beitrag an den Betriebsgewinn der SBB Immobilien leisten.»

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Trend zu Automaten hält an

Bei der Vereinigung Pro Bahn Schweiz ist man von einem weiteren Abbau der bedienten Bahnhöfe nicht begeistert, macht sich aber keine Illusionen: «Die SBB wollen die Anzahl bedienter Bahnhöfe zurückfahren, das ist ein erklärtes Ziel», sagt Verbandspräsident Edwin Dutler. Der Trend hin zu mehr Automaten lasse sich nicht aufhalten.

Tatsächlich löst schon heute die Mehrzahl der Kunden - exakt 65 Prozent - ihr Ticket am Automaten. SBB-Sprecher Kormann: «Diesem Trend tragen wir Rechnung, vor allem auch, weil im Zuge der kontinuierlichen Automatisierung des Betriebes (Fernsteuerung) viele Bahnhöfe gar nicht mehr aus rein betrieblichen Gründen zu besetzen sind.» Im Klartext: Früher versah auf jedem Bahnhof ein Disponent seinen Dienst, stellte Weichen und Signale - und bediente nebenher auch noch den Verkaufsschalter. Das ist heute nicht mehr nötig.

Stufen die SBB tatsächlich Dutzende von Bahnhöfen zurück, wäre das die Fortsetzung einer schleichenden Rationalisierung. Waren 1999 von den insgesamt 753 SBB-Stationen noch 450 bedient, ist es heute noch rund die Hälfte. Und an 54 dieser Standorte haben Dritte wie Avec, Migrolino, Agenturen oder die Post die Bedienung übernommen. 489 Stationen sind heute reine Automaten-Bahnhöfe. Doch die Kunden können die primäre Dienstleistung der SBB, den Transport von A nach B, auch dort in Anspruch nehmen.

SBB-Chef Andreas Meyer will künftig eine klarere Aufteilung seines Bahnhof-Portfolios. Während er vor allem in die grossen, lukrativen Stationen in den kommenden Jahren Hunderte Millionen investieren will (siehe Kasten), sollen die Kunden in Agglomerationen von den traditionellen Billettschaltern weggelotst werden. Gesucht sind stattdessen neue Einnahmequellen. Tickets sollen auch in Gemeindekanzleien verkauft werden. Vor einigen Monaten wurde zudem ein Pilotprojekt lanciert, bei dem Bahnkunden ihr Billett oder Abonnement auf der Verwaltung ihrer Gemeinde beziehen können. Elf Zürcher Gemeinden beteiligen sich daran. Ob das Projekt flächendeckend umgesetzt wird, ist gemäss SBB noch nicht entschieden. Auch mit der Post diskutiert die Bahn offenbar über einen Ausbau der Zusammenarbeit. Schon heute können in Poststellen wie Sulgen oder Niederhasli Billette gekauft werden. Zudem sind die SBB auch in Einkaufszentren wie dem Glatt, dem Tivoli Spreitenbach, Shoppyland Schönbühl oder im Genfer Balexert mit Verkaufsschaltern präsent. Gemäss SBB-Kaderleuten wird auch über einen Verkauf von Billetten in Quartierläden diskutiert.

All diese Projekte haben ein Ziel: Die bedienten Billettschalter an den Bahnhöfen sollen entlastet werden. Der traditionelle Billettschalter kommt selbst an grösseren Bahnhöfen unter Druck. Die SBB vermieten ihre Flächen auch dort lieber an Dritte - das bringt mehr Umsatz. In Basel, Zug, Biel und Genf-Flughafen laufen bereits Pilotprojekte mit «betreuten Selbstbedienungszonen».

Einheitliche Automaten gefordert

Immerhin: Die Anzahl Stellen im Verkauf soll durch einen weiteren Abbau der bedienten Bahnhöfe nicht tangiert sein, versichert das Unternehmen. Die SBB-Reiseverkäufer seien vielseitig einsetzbar und würden neben Tickets auch Finanzdienstleistungen, Freizeitangebote oder Event-Eintritte verkaufen, so Kormann. «Auch die Betreuung im Ereignisfall gewinnt laufend an Bedeutung. Beispiel: Wenn AC/DC im Stade de Suisse rocken, stehen seitens SBB gut 100 Kundenbetreuer im Einsatz.»

Damit die Akzeptanz der Automaten bei den Kunden weiter ansteigt, fordert die Vereinigung Pro Bahn endlich schweizweit einheitliche Billettautomaten. «Heute funktionieren die Automaten in jeder Region der Schweiz komplett anders», kritisiert Präsident Dutler. Ein weiteres Ziel seiner Organisation sei auch eine «Professionalisierung des Internet-Ticket-Shops».