Angesichts der Finanzkrise ist Vertrauen auf dem Geldmarkt ein rares Gut. Kein Wunder, sind die Preise für kurzfristige Geldmarktausleihungen zwischen Geschäftsbanken - zusammen mit den Zentralbanken die Hauptakteure auf dem Geldmarkt - in den Industrienationen viel höher als zu normalen Zeiten. Laut Daniela Steinbrink Mattei, Zinsexpertin von der UBS, scheint sich aber langsam eine Beruhigung abzuzeichnen. Ein untrügliches Zeichen dafür seien die gesunkenen Differenzen zwischen den Leitzinsen und den auf dem Interbankenmarkt tatsächlich gebotenen Zinsen, etwa den London Interbank Offered Rates (Libor). Gemäss Steinbrink Mattei hat sich die Zinsdifferenz zwischen dem Dreimonats-Euro-Libor und den Leitzinsen der Europäischen Zentralbank (EZB) seit Oktober auf gut 80 Basispunkte halbiert. In den USA sei die als Credit Spread bezeichnete Differenz gleichzeitig von über 330 auf rund 100 Basispunkte gesunken. Noch tiefer sind die Franken-Spreads. Zwischen dem von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) anvisierten Zielwert des Dreimonats-Franken-Libor und seinem wirklichen Niveau beträgt die Differenz etwas über 30 Punkte.

Steinbrink Mattei führt die Entwicklung auf das beherzte Eingreifen der Zentralbanker zurück. Dank der expansiven Geldpolitik und Liquiditätsspritzen hätten sich die extremen Verzerrungen auf dem Geldmarkt reduziert, das Vertrauen zwischen den Banken kehre langsam zurück. «Die Sätze sind aber auf dem Interbankenmarkt noch weit davon entfernt, wo sie die Zentralbanker haben möchten», sagt die UBS-Ökonomin. Unter normalen Umständen betrage der Spread bis maximal 20 Basispunkte.

EZB hat noch Spielraum

Tatsächlich erfolgen zum Beispiel die Zinsschritte der Zentralbanker zurzeit in einem noch nie da gewesenen Ausmass: Die EZB hat mit einem Rekordschritt den Leitzins um 75 Punkte auf 2,5% gesenkt, während die SNB in den letzten vier Wochen gleich vier Zinsschritte getätigt hat. Nach dem Willen der Notenbanker soll sich der Dreimonatslibor zwischen 0,0 und 1,0% bewegen. In ruhigeren Zeiten wühlt ein kleiner Zinsschritt die Gemüter in der Finanzbranche schon mal eine Woche lang auf. Heute nimmt man selbst weltweit koordinierte geldpolitische Aktionen fast nur noch mit einem Achselzucken wahr. Das haben die Zentralbanker bemerkt und warten mit immer grösserem und ausgefeilterem Geschütz auf.

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Zum Beispiel die US-Notenbank Fed: Sie tritt inzwischen wie eine Geschäftsbank auf dem Geldmarkt auf, indem sie kurzfristige Firmenanleihen, sogenannte Commercial Papers, kauft. Der Repo-Satz, mit dem die SNB den Dreimonatslibor steuert, ist nahe null. «Dies heisst jedoch nicht, dass die Möglichkeiten für weitere expansive Impulse in der Geldpolitik ausgeschöpft sind», liess SNB-Direktionsmitglied Thomas Jordan kürzlich in einem Referat wissen. Auch die Verlängerung der Fristen der SNB-Geldmarktgeschäfte oder die Intervention auf anderen Märkten als dem Geldmarkt sieht er als Möglichkeit, um das Vertrauen wiederherzustellen. Die EZB hat dagegen mit einem Leitzins bei 2,5% noch viel Spielraum für Zinssenkungen. Ähnliche Massnahmen wie vom Fed sind daher in Frankfurt am Main vorerst nicht zu erwarten.

Vertrauen noch nicht hergestellt

Die geldpolitischen Ausnahmeaktionen gelten laut Anastassios Frangulidis, Head International Economics and Strategy der Zürcher Kantonalbank (ZKB), nicht mehr nur dem Flüssigmachen des Interbankenmarktes. Auf der Sorgenliste der Zentralbanker würden neben der Krise der Finanzbranche auch Rezessionsängste stehen. «Es hat sich eine eigentliche Eskalation ereignet», sagt Frangulidis. Zunächst seien nur Investment-Banken und solche, die stark im US-Hypomarkt involviert waren, von der Krise betroffen gewesen. Mittlerweile bedrohe die Rezession weitere Finanzinstitute. Etwa weil Firmen ihre Kredite nicht zurückzahlen könnten. «Das ist ein weiterer Grund, wieso auf dem Interbankenmarkt noch immer kein Vertrauen herrscht», resümiert Frangulidis.

Die langsame Normalisierung auf dem Geldmarkt hat der ZKB-Ökonom zur Kenntnis genommen. Angesichts der trüben Konjunkturaussichten kommentiert er dies aber mit einem unüberhörbar skeptischen Unterton. Weder die Zentralbankaktionen noch staatliche Garantien oder Konjunkturpakete hätten das Vertrauen der Marktteilnehmer wiederhergestellt. «Der Markt verlangt nach noch mehr Sicherheiten», ist Frangulidis überzeugt. Auf einen Tipp, wann auf dem Geldmarkt der Alltag zurückkehrt, will er sich unter den gegebenen Umständen nicht einlassen. «Es ist nahezu unmöglich, eine Prognose zu stellen, weil wir noch keine Erfahrung mit einer solchen Krisenkombination haben: Einer Finanzkrise und gleichzeitig einer globalen Konjunkturkrise», sagt der ZKB-Ökonom.