Die Schweiz steht erst am Eingang des Tals der Tränen. So lässt sich die Botschaft der jüngsten Prognose der Konjunkturforschungsstelle Kof zusammenfassen. Das Bruttoinlandprodukt wird danach dieses Jahr um 3,3% tiefer ausfallen und selbst 2010 noch 0,6% schrumpfen. Die Arbeitslosigkeit würde sogar auf gegen 6% steigen.

Das steht nur scheinbar im Widerspruch zum aufkeimenden Optimismus der letzten Wochen. Dieser bezieht sich weniger auf ein Ende der Krise, als vielmehr auf den abgebremsten Fall der Weltwirtschaft. Immerhin scheint es, dass die Weltwirtschaft nicht in eine schlimme Depression wie in den 30er-Jahren verfallen wird, was noch vor kurzem für möglich gehalten wurde.

Erfolgreiche Politikmassnahmen

Auch die Schweizer Nationalbank (SNB) hat vor kurzem noch vor dem konjunkturellen Armageddon - einer Deflation - gewarnt. Im Vergleich dazu kommen auch von da wieder beruhigendere Töne. Ihr designierter Präsident Philipp Hildebrand erklärte kürzlich, der Wendepunkt sei näher gerückt. Der Grund, warum das Schlimmste bisher verhindert werden konnte, liegt denn auch einzig in der Geldversorgung durch Hildebrand und seine Kollegen bei der SNB und den anderen Zentralbanken sowie bei den gigantischen Finanzpaketen der Regierungen.

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Daniel Kalt, Leiter volkswirtschaftliche Analysen bei der UBS, verdeutlicht das mit einem Vergleich: «Der viel genannte Sprössling einer wieder aufkeimenden Weltwirtschaft ist im Treibhaus gewachsen - unter massivster Pflege durch Geld- und fiskalpolitische Massnahmen. Bleibt die Frage, ob das Pflänzchen auch in der freien Natur der gewöhnlichen Nachfrage überleben kann.» Kalt hält daher einen Einbruch nach kurzer Erholung für durchaus möglich.

Inflationsängste sind gewollt

Die massiven Stützungsmassnahmen dank Notenpresse und Staatsverschuldung haben andererseits weltweit zu Ängsten vor einer stark ansteigenden Inflation geführt. Diese Debatte ist ganz im Sinn der Zentralbanken. Inflationserwartungen machen das Horten von Geld weniger attraktiv - die Hauptursache des scharfen weltweiten Nachfrageeinbruchs. Wenn die Konsumenten umgekehrt eine anhaltende Deflation, das heisst sinkende Preise erwarten, lohnt sich das Horten, der Konsum bricht ein, der Realzins und die Schuldenlast steigt real an. Dies war bisher die grösste Gefahr für eine Erholung. Hildebrand und seine Kollegen haben sie vorläufig gebannt.Kann das Schlimmste abgewendet werden, dürfte die wahre Wucht der Krise mit der steigenden Arbeitslosigkeit erst in den nächsten Monaten spürbar werden: Deren Quote ist zwar im Mai von 3,5 auf 3,4% zurückgegangen. Doch das zeigt sich jeden Frühling, weil im Bau und im Gastgewerbe die Beschäftigung dann zulegt. Korrigiert um diesen Effekt ist die Arbeitslosigkeit angestiegen.

Auch neben dem Kof verweisen sämtliche Prognosen für das nächste Jahr auf deren weitere Zunahme, obwohl sie alle von einer deutlichen Verbesserung der Wirtschaftlage gegenüber 2009 ausgehen. «Die Arbeitslosigkeit wird noch bis Ende nächsten Jahres weiter ansteigen, mit einer Auslastung der Kapazitäten ist erst ab 2012 zu rechnen», sagt Jan Amrit Poser, Chefökonom der Bank Sarasin.

2010 beläuft sich die Arbeitslosigkeit laut Sarasin auf durchschnittlich 5%. Das ist die optimistischste Prognose, denn Poser erwartet für 2010 mit 1,7% ein deutlich höheres BIP-Wachstum als seine Kollegen - die Konsensprognose liegt heute bei 0,3%. Ausgelastet wäre die Schweizer Wirtschaft allerdings erst bei einem Wachstum von rund 2%. In einer Hinsicht vermag dies zu beruhigen. Bei der andauernden Unterauslastung wird von Inflation noch lange nichts zu spüren sein.

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