Naomi Kelman lenkt ihre einmoto­rige Beechcraft Bonanza am liebsten vom Flugplatz Teterboro bei New York aus den Hudson River entlang bis hin zur Freiheitsstatue. «Die Aussicht ist umwerfend», schwärmte die 52-jährige Managerin und Hobbypilotin einmal in ­einem Interview. Und sie sagte auch: «Als Pilotin habe ich immer einen Plan B, bevor ich abhebe. Entwickeln sich die Dinge nicht perfekt, weiss ich die Situation schnell einzuschätzen. Und ich weiss, wie ich mich subito aus der Problemzone bringe.» Ende Februar tat sie genau das. Kelman verliess die Geschäftsleitung von Novartis – nach nur rund einem Jahr.

Als Chefin des Bereichs der nicht­rezeptpflichtigen Medikamente des Pharmakonzerns (OTC-Geschäft) hatte die Amerikanerin wenig Fortüne. Konzernchef Joe Jimenez teilte den Mitarbeitenden in einem internen Memo mit, dass der Fokus auf der Produktion und der Lieferkette liegen müsse. Dafür sei Kelman nicht die Richtige.

Der Abgang der einzigen Frau in der Novartis-Geschäftsleitung erregte rund um den Erdball viel Aufmerksamkeit. Er ist aber nur die prominenteste Auswechslung in einer Reihe personeller Veränderungen. Unterhalb der obersten Führungsebene besetzte Novartis in den letzten ­Wochen mindestens neun Managementposten neu.

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Überall neue Leute

Alle Wechsel haben mit den Produktionsproblemen in mehreren nordamerikanischen Werken von Novartis und der Generika-Tochter Sandoz zu tun. Mit Ivan Moller hat der Gesamtkonzern einen neuen Chef Qualitätsmanagement und Produktionsstandards. Im OTC-Geschäft ist Didier Colombeen neu der globale Produktionschef, Rick Lloyd der neue Leiter Nord- und Südamerika und Thorsten Hartig der neue Produktionschef in den Vereinigten Staaten. Auch im Geschäft mit Tierarzneien, die teilweise auf denselben Anlagen hergestellt werden wie die rezeptfreien Medikamente des Konzerns, hat Novartis einen neuen USA-Chef sowie einen neuen Forschungs- und Marketingleiter. Schliesslich hat Sandoz mit Josef Egerbacher einen neuen Chef der Produktentwicklung erhalten. Alle Wechsel machte der renommierte Branchenblog «Pharmalot» publik. Er berichtet ­wöchentlich über das Sesselrücken in der Branche. Für die diversen Neubesetzungen bei Novartis hatte der Blog gar eine eigene Unterrubrik eingerichtet. «Die im April angekündigten Neubesetzungen stärken unser Unternehmen in Kernbereichen wie Produktion und Qualitätssicherung», kommentiert Novartis-Sprecher Satoshi Sugimoto.

Novartis’ Produktionsprobleme wurden im Januar dieses Jahres bekannt. Damals rief das Unternehmen diverse rezeptfreie Pillen wegen möglicher Verunreinigungen mit anderen Wirkstoffen zurück und legte ein Werk in den USA still. Praktisch gleichzeitig stellte die amerikanische Pharmaaufsichtsbehörde FDA in zwei weiteren Fabriken in den USA und einem Werk in Kanada Produktionsmängel fest. Zudem wurde bekannt, dass es auch im Bereich Tiermedizin zu falsch verpackten Wirkstoffen gekommen sein könnte. Novartis-Chef Jimenez persönlich erhielt von der FDA eine schriftliche Verwarnung. Die Behörde forderte ihn ultimativ auf, die Probleme umgehend zu ­lösen. «Auch wenn nur eine einzige Fabrik von uns ein Qualitätsproblem hat, beeinflusst das den ganzen Konzern. Wir müssen wachsam sein», bläute Jimenenz seinen Leuten damals ein.

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Auf die Frage der «Handelszeitung», was für Konsequenzen die Produktions­pannen auf Managementebene hätten, antwortete Novartis Mitte Januar noch ausweichend: «Wir analysieren die Situ­ation.» Kurz danach wurde Kelmans ­Abgang kommuniziert. Und die Novartis-Drehtür begann, die verantwortlichen ­Manager an die frische Luft zu spedieren.

Berater geholt

Neben den Auswechslungen im Qualitätsmanagement und in der Überwachung der Produktion hat Novartis zur Verbesserung der Qualitätskontrolle auch externe Berater ins Haus geholt. Es ist die auf die Pharmabranche spezialisierte Consultingfirma Quantic. Sie hat ihre Büros in Livingston, New Jersey, in unmittelbarer Nachbarschaft des OTC-Hauptquartiers von Novartis. Das Consulting-Unternehmen wird im Regelfall dann zurate gezogen, wenn es darum geht, von der FDA verlangte Massnahmen umzusetzen oder künftige Interventionen der Aufsichts­behörde zu verhindern. Zuletzt nahm die Sanofi-Tochter Genzyme die Dienste von Quantic in Anspruch, nachdem die FDA in einer Zellkultur-Fabrik diverse Mängel festgestellt hatte. Gegenüber «Pharmalot» bezeichnete Novartis das Mandat als «Routine», kommunizierte aber keine Details über die Aufgabe der Berater.

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Zu tun gibt es einiges, hinterlassen die Produktionsprobleme in Nordamerika doch deutliche Spuren in der Novartis-Rechnung. Der Umsatz mit rezeptfreien Medikamenten und Tierarzneien fiel im 1. Quartal 2011 um 20 Prozent auf 932 Millionen Dollar. «Ursache dafür war die Aussetzung der Produktion am Stand-ort in Lincoln, Nebraska», so Novartis im Kommentar zu den Resultaten. Auch die Tochter Sandoz erlitt ein Verkaufs­minus von 10 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar.