Grosser Bahnhof Ende April in Boston. An dem von Novartis gesponserten World Medical Innovation Forum diskutierten Wissenschaft und Industrie über die nächste Welle von Therapiedurchbrüchen bei der ­Bekämpfung von Krebs. Er sei begeistert von den Möglichkeiten von CRISPR und des Gene Editing und was sie für die Bekämpfung genetischer Krankheiten und von Krebs bedeuteten, twitterte Novartis-Konzernchef Joseph Jimenez im Anschluss.

Mehr als die beiden Technologien, ­deren kommerzielle Nutzung noch in den Sternen steht, beschäftigt Joe Jimenez aber womöglich ein anderes Thema: Der Verkauf der Roche-Aktien. Die 33,3-Prozent-Position am hochprofitablen Basler Rivalen spült jedes Jahr mehrere 100 Mil­lionen Dollar in die Kassen von Novartis. Das entspricht ein paar Prozent des Gewinns, die womöglich auf einen Schlag wegfallen würden. Sie müssten wettgemacht werden, sollte der Verkauf der zurzeit rund 13 Milliarden Franken schweren Beteiligung tatsächlich kurz ­bevorstehen, wie die «Sonntagszeitung» berichtete.

Genug kapitalintensive Baustellen

Gleichzeitig würde es Joe Jimenez nicht an Verwendungsmöglichkeiten für das Geld fehlen. Baustellen gibt es genug. Der vor sechs Jahren noch von Daniel Vasella eingesetzte Konzernchef durchlebt die wohl ungemütlichste Zeit seiner Karriere.

Bei Alcon steckt der Wurm drin. Das vor sechs Jahren für stolze 50 Milliarden Dollar bei Nestlé eingekaufte Geschäft mit der Augenheilkunde wurde wohl etwas zu sehr an der langen Leine gelassen.

Das Herzmedikament Entresto, einer der grossen Hoffnungsträger von Novartis, legt in den USA einen schwachen Start hin. Die Milliardenumsätze, die den Patentablauf des Krebsmedikaments Glivec in den USA kompensieren sollen, werden wohl noch einen Moment auf sich warten lassen. Zudem wird die Verschuldung des Unternehmens zum Thema.

Und dann gilt es auch, den Anschluss an die Immunonkologie nicht zu verpassen – die Immunonkologie gilt als Zukunftsfeld der Krebsbekämpfung. Sie setzt bei der Stärkung des körpereigenen Immunsystems an. Ihr Marktpotenzial: 100 Milliarden Dollar.

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Jimenez braucht einen Paukenschlag

«Novartis braucht einen Paukenschlag», sagt Michael Nawrath, Pharma-Analyst bei der ZKB. Das Unternehmen habe in den letzten Monaten viel an Vertrauen verloren.

Wie ein solcher aussehen könnte, zeigte dieser Tage ein Bericht der Nachrichtenagentur Bloomberg. Demnach soll sich Novartis zusammen mit Sanofi, Pfizer und AstraZeneca für den Kauf der 9,5 Mil­liarden Dollar schweren amerikanischen Medivation interessieren.

Das Unternehmen mit Sitz in San Francisco ist stark in der Krebsmedizin. ­Medivation verfügt über ein marktfähiges Medikament gegen Prostatakrebs mit dem Namen Xtandi. Zudem hat es ein Molekül gegen Blutkrebs und eines gegen Brustkrebs in der Pipeline.

«Investition in Krebsmedizin ist immer gut»

«Eine Investition in die Krebsmedizin ist immer gut», sagt Michael Nawrath von der ZKB. Das sieht auch Lorenzo Biasio, Analyst der Credit Suisse so. Allerdings müsse es kein Grosseinkauf wie Mediva­tion an. Als Alternative biete sich das Prinzip «Perlenkette» an. Das heisst: Mehrere Investitionen in kleinere Unternehmen oder auch der Aufkauf von Patenten oder die Lizenzierung einzelner Moleküle, wie das Novartis bereits in der Vergangenheit gemacht hat.

Verwendungsmöglichkeiten für die Roche-Milliarden gibt es möglicherweise auch bei Alcon. Analyst Michael Nawarth zweifelt, dass die Anfang Jahr von Joe ­Jimenez bereitgestellten 200 Millionen Dollar reichen werden, um das Ruder bei der kalifornischen Tochter herumzureis­sen. Alcon habe es verpasst, neue Pro­dukte zu entwickeln. Zudem sei die Kundenbetreuung vernachlässigt worden. Das lasse sich bei chirurgischen Produkten mit einer Amortisationszeit von zehn Jahren, wie sie Alcon vertreibe, nicht so schnell wieder ins Reine bringen.

Weitere Übernahmemöglichkeit

Der ZKB-Analyst bringt deshalb eine weitere mögliche Übernahmeoption ins Spiel: Bausch + Lomb, das Kontaktlinsengeschäft von Valeant. Das Timing würde stimmen. Der einstige Börsenliebling Valeant steht unter Verkaufsdruck. Dem ­kanadischen Unternehmen wird in den USA betrügerische Preisfestsetzung vorgeworfen. Die Aktie befindet sich zeitweise im freien Fall.

Gut möglich deshalb, dass ein poten­tieller Käufer weniger als die 8,7 Milliarden Dollar für Bausch + Lomb zahlen müsste, die Valeant vor drei Jahren auf den Tisch legte. Die Übernahme würde beiden Seiten etwas bringen.

Novartis, weil sie damit ihrer Pro­blemsparte wieder auf die Sprünge helfen könnte. «Bausch + Lomb ist eine gut eta­blierte Marke und die Synergien würden sofort zu Buche schlagen», sagt ZKB-Analyst Nawrath. Und Valeant, die mit dem Verkauf etwas zur Beruhigung ihrer durch den Preisskandal verärgerten Investoren machen könnte.

Bleibt der Schuldenabbau

Bleibt als weitere Möglichkeit, die durch den Verkauf der Roche-Position frei werdenden Mittel für den Abbau von Schulden zu verwenden. Der Spielraum ist beschränkt. Momentan hat Novartis, bedingt durch die Auszahlung der Dividenden, Schulden in der Höhe von 25,3 Milliarden Dollar. Bis Ende Jahr müssen sie auf 14 Milliarden Dollar sinken. Das sind 2,5 Milliarden weniger als Ende des letzten Jahres. Ansonsten bekommt das Unternehmen Probleme mit dem Kreditrating.

Anders sieht es in diesem Punkt auf der anderen Seite des Rheins aus. Roche hat gemäss Bloomberg eine Verschuldungskapazität von 27 Milliarden Dollar. Was also, wenn die Aktien zurück an Roche oder deren Besitzerfamilien gingen?

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Die Ironie der Geschichte in letzterem Fall: Was als Versuch von Daniel Vasella begann, Roche zu übernehmen, würde dann genau mit dem Gegenteil enden: Mit einer Stärkung der Besitzerfamilien, der Garanten der Unabhängigkeit.