Die Schockwellen der Subprime-Krise lassen auch den Schweizer Biotechsektor einbrechen – Arpida, Basilea und Cytos verloren in den letzten Monaten die Hälfte ihres Aktienwerts. Dass auch Speedel den Abwärtstrend mitmacht, erstaunt hingegen. Denn seit kurzem hat der Basler Medikamentenentwickler mit dem Blutdrucksenker Tekturna einen potenziellen Blockbuster auf dem Markt.

Der Absatz hinke allerdings den Erwartungen etwas hinterher, bilanziert Andrew Weiss, Pharmaanalyst bei der Bank Vontobel: «Es wird immer deutlicher, dass Lizenznehmerin Novartis das Marketing für Tekturna intensivieren sollte.» Insbesondere wird den Ärzten zu wenig vor Augen geführt, dass ihnen jetzt ein oraler Renin-Inhibitor zur Verfügung steht, dessen blutdrucksenkende Wirkung siebenmal länger anhält als bei bisherigen Medikamenten. Anstelle des innovativen Speedel-Präparats drückt Novartis zurzeit das herkömmliche Blutdruckmittel Exforge in den Markt, eine Kombination des hauseigenen Diovan mit Norvasc (Pfizer), dessen Patentschutz am Auslaufen ist. «Novartis versucht, die Norvasc-Patienten auf Exforge umzustellen», kommentiert Weiss. Dieses Ziel will man offenbar erreichen, bevor die Ärzte auf den Geschmack billiger Generika kommen. Entsprechend wird mit harten Bandagen gekämpft. Dem deutschen Magazin «Stern» zufolge ist Novartis-intern von «Bulldozer-Manier» und «Blitzkrieg» die Rede; zudem seien letztes Jahr in Deutschland in bloss zwei Monaten 50% mehr Exforge-Muster unter die Ärzteschaft gestreut worden, als gesetzlich für ein ganzes Jahr erlaubt sei. Analyst Samuel Stursberg von Adamant Invest glaubt zwar nicht, dass Novartis das Speedel-Präparat Tekturna absichtlich vernachlässigt, doch scheine Exforge zurzeit im Zentrum der Marketinganstrengungen zu stehen.

Die Gründe, dass Novartis das altbackene Exforge dem Zukunftsmedikament Tekturna vorzieht, könnten beim Deckungsbeitrag liegen: «Tekturna ist aufwendig in der Herstellung; die operative Marge wird wohl eher unter 60% zu liegen kommen. Damit ist das Speedel-Produkt weniger gewinnträchtig als Exforge», erklärt Andrew Weiss von Vontobel. Den Einfluss der günstigeren Marge hält UBS-Analyst Sven Zimmermann allerdings für zu gering: «Ein fünfprozentiger Abschlag auf die Bruttomarge ist für ein Produkt, das einmal Diovan als grössten Umsatzträger bei Novartis ablösen soll, absolut akzeptabel.» Allerdings scheint man davon auszugehen, dass andere Pharmafirmen noch Jahre brauchen, um einen mit Tekturna vergleichbaren Renin-Inhibitor auf den Markt zu bringen. «Doch gerade Konkurrentin Merck ist für speditive Phase-III-Studien und rasante Lancierungen bekannt», warnt Weiss. Dass solche später lancierten Konkurrenzprodukte Vorläufer rasch verdrängen können, zeigt die Geschichte der Cholesterinsenker. Dort mauserte sich Lipitor von Pfizer mit über 10 Mrd Dollar Jahresumsatz zum erfolgreichsten Medikament aller Zeiten und fegte die Vorgänger Lescol (Novartis) und Zocor (Merck) vom Markt.

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«Speedel sofort übernehmen»

Inwiefern sich die Markteinführung von Tekturna für Novartis auszahlt, hängt allerdings nicht nur vom Tempo der Konkurrenz ab, sondern auch davon, ob es gelingt, sich bei Speedel die Rechte am Nachfolgerpräparat SPP 635 zu sichern. Denn die nächste Generation von Renin-Inhibitoren verspricht dank besserer Bioverfügbarkeit eine deutlich höhere Marge als Tekturna.

Allerdings verfügt Lokalrivale Roche, aus dessen Küche der Wirkstoff ursprünglich stammt, über ein Rücklizenzierungsrecht. Hier solle Novartis eine Klärung anstreben, rät Andrew Weiss: «Am sichersten wäre für Novartis eine sofortige Übernahme von Speedel.» Denn falls der unbefriedigende Absatz von Tekturna die Speedel-Aktie weiter in den Keller drückt, könnte Speedel-CEO Alice Huxley eine Auslizenzierung von SPP 635 an Pfizer, GSK oder Sanofi-Aventis ins Auge fassen.