Sie betonen wiederholt, dass der Campus sehr wichtig sei, um Spitzenleuten ein gutes Arbeitsumfeld bieten zu können. Sonst kämen diese gar nicht in die Schweiz. Wie viele Kaderleute konnten Sie mit dem Campus für Novartis gewinnen?

Daniel Vasella: Das Wichtigste ist und bleibt das Profil der Arbeitsstelle. Ein angenehmes Arbeitsumfeld ist aber ebenso zentral. Bis jetzt habe ich zwar noch keine Kaderangehörigen ausschliesslich wegen des Campus gewinnen können. Allerdings gab es einige, die keinen Gefallen an der ehemaligen Umgebung hatten und deshalb nicht zu Novartis kamen.

Kritiker befürchten, dass diese Investitionen Sie trotzdem nicht davon abhalten würden, den Hauptsitz von Novartis zu verlegen, falls sich die Rahmenbedingungen für das Unternehmen signifikant verschlechtern würden. Trifft dies zu?

Vasella: Für uns ist der Campus ein klares Bekenntnis zur Schweiz. Insgesamt sind Standortkriterien wie die Infrastruktur, der flexible Arbeitsmarkt oder die Steuersituation immer noch gut. Aber theoretisch kann man den juristischen Hauptsitz jeder Firma in ein anderes Land verlegen. Es ist deshalb wichtig, dass die Schweiz steuerlich und vom Patentwesen her für innovativ tätige Firmen attraktiv bleibt.

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Was würde in diesem Fall mit dem Campus geschehen?

Vasella: Das ist eine hypothetische Frage. Denn ich gehe nicht davon aus, dass die Schweiz ein Interesse daran hat, sich in eine Richtung zu entwickeln, die uns zwingen würde, den Hauptsitz zu wechseln. Das wäre ja schrecklich. Käme es trotzdem dazu, würde Basel wohl weiterhin unser europäischer Forschungs- und Entwicklungsstandort bleiben. Dies war auch das ursprüngliche Ziel des Campus. Betroffen von einer Verlegung wären nämlich nur um die 200 Mitarbeiter, welche eigentliche globale Führungsfunktionen ausüben.

Andere Kritiker hegen die Vermutung, dass es Ihnen beim Campus eher um sich selber als das Unternehmen geht. Sie werfen Ihnen vor, dass Sie sich ein Denkmal setzen wollen. Wie stehen Sie dazu?

Vasella: Dies kam für mich nicht überraschend; ich habe diese Vorwürfe bereits in der Planungsphase antizipiert. Es gibt immer Leute, die sich gegen grosse Veränderungen wehren und auch stupide Argumente als Kritik vorbringen. Aber es trifft sicher zu, dass mir der Campus wichtig ist. Ohne die Unterstützung meiner Kolleginnen und Kollegen im Management und im Verwaltungsrat hätte Novartis solch ein Projekt nicht stemmen können. Aber schlussendlich muss jemand hinstehen und dafür sorgen, dass solch ein grosses Projekt auch umgesetzt werden kann.

Haben Sie manchmal an der Richtigkeit des Campus gezweifelt?

Vasella: Novartis hatte einen grossen Bedarf, seine Infrastruktur auszubauen. Es stellte sich also nie die Frage, ob man bauen müsse. Wir mussten nur darüber diskutieren, wie. Wir analysieren die Erstellung jedes Gebäudes, um für die Zukunft zu lernen. Und wir befragen die Mitarbeiter regelmässig über ihre Zufriedenheit mit dem Campus. Denn diese sind ja die grössten Benutzer der Gebäude. Prospektiv stelle ich mir immer wieder Fragen, retrospektiv bin ich von der Richtigkeit des Unterfangens überzeugt.

Ist es als grosses Unternehmen einfacher, Sonderbewilligungen zu erhalten? So haben Sie die Schweizer Luftfahrtbehörden um neue Anflugrouten für Basel gebeten, damit Novartis auf dem Campus auch einige Hochhäuser erstellen kann.

Vasella: Wegen Novartis mussten keine Anflugrouten auf den Basler Flughafen geändert werden, und Novartis hat auch nie darum gebeten. Hingegen ist richtig, dass Novartis eine Studie in Auftrag gegeben hat. Diese zeigte, dass die von Novartis geplanten Hochhäuser kein Risiko für den Luftverkehr bedeuten. Ich möchte auch festhalten, dass wir alle Auflagen, Regeln und Gesetze einhalten. Aber es ist sicher für die Stadt und die Region Basel von grossem ökonomischem Interesse, dass solche Projekte ermöglicht werden. Im Zuge der Erstellung des Campus wurde ja ein gesamtes Quartier städtebaulich aufgewertet, weil Strassen, Plätze und Brücken neu gebaut wurden.

Das heisst, es ist einfacher?

Vasella: Es ist sicher so, dass Behörden einen Antrag auf eine Ausnahmeregelung eher ablehnen, wenn diese Ablehnung keine grossen negativen wirtschaftlichen und architektonischen Auswirkungen für die Allgemeinheit haben.

Diesen Frühling haben Sie auf dem Novartis-Gelände in Basel ein Grosslabor eröffnet. Dies gilt als weiterer Meilenstein dieses kommenden Campus. Weshalb?

Vasella: Erstens handelt es sich dabei um den ersten von mehreren Laborbauten. Er wurde von Adolf Krischanitz entworfen. Zweitens wird damit sichtbar, dass sich dieses ehemalige Industriegelände in den nächsten Jahren definitiv zu einem Forschungsgelände entwickeln wird.

Was sind die nächsten Meilensteine?

Vasella: Im Moment befinden sich sechs Labor- und drei Bürogebäude im Bau. Von diesen neun Gebäuden sollten bis 2009 deren sechs eröffnet werden können. Bis 2012 wird die erste grosse Phase dieses Um- und Neubaus abgeschlossen werden. Als nächster Bau wird das Gebäude von Vittorio Magnago Lampugnani fertig sein; der ETH-Professor ist zugleich der Chefplaner des gesamten Campus.

Bis wann wird der Campus definitiv fertig gebaut sein?

Vasella: Mir war es von Anfang an wichtig, dass nicht einfach wild drauflosgebaut wurde, um kurzfristige Bedürfnisse befriedigen zu können. Ich wollte, dass jeder Neubau mit Rücksicht auf eine langfristige Planung realisiert wird. Lampugnani hat deshalb verschiedene Ausbaumöglichkeiten ausgearbeitet. Wie weit diese dann später tatsächlich realisiert werden, kann ich heute nicht abschätzen.

Wie sieht es mit dem Rückbau der Hafenanlage St. Johann aus, die parallel durchgeführt werden soll?

Vasella: Dies soll ebenfalls bis 2012 abgeschlossen werden können. In diesem Zeitplan sind ausserdem die damit verbundene Renaturierung des Geländes, die Beseitigung eventueller Bodenverunreinigungen sowie das Erstellen eines neuen, öffentlichen Weges für Fussgänger und Velofahrer direkt am Rheinufer enthalten. Danach müssen wir auch einmal eine Pause einschalten (schmunzelt).

Eine Diskussion besteht noch über eine öffentliche Strasse, die zur französischen Grenze führt und den Campus zweiteilt. Sie wünschen sich, dass die Strasse verlegt wird. Dies wird von einigen Anwohnern und auch Architekten bemängelt. Kann diese Verlegung immer noch Ende 2008 oder Anfang 2009 stattfinden?

Vasella: Davon gehe ich aus. Für uns ist die Strasse insofern ein Unding, weil sie den Campus tatsächlich halbiert. Damit stellt sie nicht zuletzt eine Gefahr dar, weil sie täglich von Hunderten unserer Mitarbeiter überquert werden muss. Die Anwohner und die Behörden haben deshalb Verständnis für unseren Wunsch. Die Architekten wehren sich nicht gegen die Strassenverlegung, vertreten aber die Meinung, dass man auf einer ehemaligen Strasse keine Gebäude erstellen sollte.

Wie viel Geld wird Novartis bis 2012 in den Campus investiert haben?

Vasella: Ich schätze, dass dies rund 2 Mrd Fr. sein werden.