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Erfolg
Novartis-Forscher schlagen drei Fliegen auf einen Schlag

Tsetse-Flieger: Überträgt die Schlafkrankheit. CC/Flickr

Volltreffer in der Novartis-Wirkstoffbibliothek: Forscher haben aus 1,6 Millionen Wirkstoffen den herausgefischt, der womöglich als Basis für die Behandlung von gleich drei Tropenkrankheiten dient.

Von Seraina Gross
am 19.08.2016

Es kommt nicht alle Tage vor, dass Forscher auf Wirkstoffe stossen, die möglicherweise für die Behandlung von gleich drei Krankheiten in Frage kommen. Und wenn, dann wissen sie im Moment der Entdeckung meist noch nichts von ihrem Glück und die unverhofften weiteren Indikationen kommen erst mit der Zeit dazu.

Doch genau das ist Novartis-Forschern in San Diego gelungen. Ein Team um den Wissenschafter Frantisek Supek ist in der Wirkstoffbibliothek des Basler Pharmakonzerns gleich dreifach fündig geworden. Es ist auf eine Verbindung gestossen, die womöglich das Zeug hat, gegen Chagas und Leishmaniose, zwei durch Parasiten verursachte Infektionskrankheiten, und gegen die Schlafkrankheit in einem Aufwisch zu wirken. Dieser Tage wurden die Erkenntnisse in einem Artikel der Wissenschaftszeitschrift «Nature» publiziert.

«Wir waren selbst überrascht»

Die vielversprechende Nachricht kommt aus dem Genomics Institute of the Novartis Research Foundation (GNF). Das Institut figuriert als Brücke zwischen der Grundlagenforschung und der weltweiten präklinischen Forschung, den von Neo-Forschungschef James Bradner geleiteten Novartis Institutes of Biomedical Research (NIBR).

«Wir waren selbst überrascht», sagt Frantisek Supek am Telefon. Kein Wunder, denn auf den ersten Blick haben die drei Krankheiten wenig gemeinsam.

Chagas, Leishmaniose und Schlafkrankheit

Chagas, auch bekannt als amerikanische Trypanosomiasis, kommt vor allem in Lateinamerika vor. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO sind 8 Millionen Menschen in 21 Ländern mit dem potentiell tödlichen Erreger, einem Parasiten, infiziert und 25 Millionen von einer Infektion bedroht. 10'000 Menschen sterben jährlich.

Auch Leishmaniose wird durch einen Parasiten versucht. Er wird durch den Biss einer weiblichen Sandfliege übertragen. Die Infektion verläuft in den meisten Fällen ohne Folgen. In Ostafrika kommt es aber immer wieder zu Epidemien mit vielen Krankheiten und Todesfällen.

50'000 Todesfälle pro Jahr

Die Schlafkrankheit oder afrikanische Trypanosomiasis kommt vor allem in der Subsahara vor. Sie wird durch die Tsetse-Fliege übertragen und ist deshalb überwiegend in ländlichen Regionen eine Bedrohung. Die Schlafkrankheit ist auf dem Rückzug. 2009 fiel die Zahl der Neuinfektionen erstmals in 50 Jahren unter 10'000, 2014 wurden noch knapp 4000 neue Erkrankungen registriert.

Die drei gefürchteten Tropenkrankheiten sind jährlich für weltweit 50'000 Todesfälle verantwortlich. Bei einer Million Menschen verursachen sie Beschwerden.

Gleiche Familie, gleiche Schwachstelle

Gemeinsam ist den drei Krankheiten, dass ihre Erreger alle zur gleichen Familie von Einzellern gehören, den sogenannten Kinetoplastiden. Deshalb haben sie auch alle drei die gleiche Schwachstelle, bei der die Forscher mit der zuvor gefundenen Verbindung ansetzen konnten.

Und so gelang der Volltreffer: Die Novartis-Forscher synthetisierten den Wirkstoff in mehr als 1000 Varianten – bis sie diejenige in der Hand hatten, welche dem Parasiten am ehesten das Leben schwer machen konnte. Und siehe da: Der Tierversuch war erfolgreich. Mit dem synthetisierten GNF5343, so die Bezeichnung des Alleskönners, behandelte Mäuse wurden wieder gesund.

Noch ein weiter Weg

Bis zum Medikament sind aber noch einige Hürden zu nehmen. In einem nächsten Schritt wird die Verbindung nun in präklinischen Tests auf ihre Giftigkeit für den Menschen untersucht. Dann kommen die klinischen Studien, bei denen erfahrungsgemäss auch noch eine Menge schiefgehen kann. «Im Idealfall haben wir am Schluss ein Medikament gegen drei Krankheiten», sagt Frantisek Supek. «Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg».

Noch ungewisser ist die kommerzielle Vermarktung eines entsprechenden Medikaments. Die drei Tropenkrankheiten Chagas, Leishmaniose und Schlafkrankheit zählen zur Gruppe der «neglected diseases, Krankheiten, die zu wenig erforscht sind, eben weil sie sich nicht ausreichend kommerzialisieren lassen. Trotzdem investiert Novartis in die Erforschung von Tropenkrankheiten. Seit 2004 betreibt der Konzern in Singapur das Novartis Institute for Tropical Diseases (NITD). Geleitet wird das NITD vom ehemaligen Forschungschef Paul Herrling.

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