An der heutigen Generalversammlung (GV) des Pharmakonzerns Novartis tritt Daniel Vasella als Präsident ab. Eine dezente Verabschiedung wird Vasella kaum erfahren: Nach dem Wirbel um eine geplante 72-Millionen-Franken-Zahlung dürften einige Aktionäre Zeter und Mordio schreien.

Vor einer Woche erst war bekannt geworden, dass der bestbezahlte Schweizer Manager der vergangenen Jahre dafür, dass er nach seinem Rücktritt sechs Jahre nicht für die Konkurrenz arbeiten darf, insgesamt 72 Millionen Franken erhalten sollte. Die Volksseele kochte, während Politik und Wirtschaft grosses Unverständnis über die hohe Summe äusserten.

Die Empörung dürfte trotz Vasellas aufsehenerregenden Verzicht auf die Zahlung am Dienstag noch nicht abgeebbt sein. Häufig schreiben sich an den GVs grosser Konzerne, die an ihre Chefs hohe Millionengehälter ausrichten, zahlreiche Kleinaktionäre in die Rednerlisten ein. Die Voten sind zum Teil gepfeffert.

Vasella wolle mit seinem Verzicht möglicherweise verhindern, dass es an der GV zu tumultartigen Szenen komme, sagte der Präsident der Aktionärsvereinigung Actares, Rudolf Meyer, am Dienstag der Nachrichtenagentur sda. Er könne sich vorstellen, dass dann die GV nicht mehr reibungslos hätte durchgeführt werden können.

Proteste geplant

Vasella wurde 1996 Chef und 1999 auch Präsident von Novartis. Den Posten des Konzernchefs gab er 2010 an Joseph Jimenez ab.

Die Millionenentschädigung für Vasella platzte vergangene Woche in die aufgeheizte Diskussion um Managerlöhne hinein, welche die Schweiz im Vorfeld der Abstimmung zur Abzockerinitiative führt. Der Urnengang dazu findet in wenigen Tagen am 3. März statt.

Die vom Novartis-Verwaltungsrat abgesegnete Zahlung machte möglicherweise sämtliche Bemühungen des Wirtschaftsdachverbands Economiesuisse zunichte, der mit einer bis zu 8 Millionen Franken schweren Kampagne die Initiative bekämpft. Initiant Thomas Minder selbst spricht nach Angaben seines Umfelds an der Novartis-GV allerdings nicht.

Vor der Basler St. Jakobshalle, wo die GV stattfinden wird, soll es zu Protesten kommen. Die Gewerkschaft Unia und die Juso wollen so ihre Ablehnung von Millionensalären zum Ausdruck bringen.

Umstrittene Décharge

Für viel Gesprächsstoff wird das Traktandum 2, die so genannte Décharge, sorgen. Ob die Handlungen des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung des vergangenen Jahres abgesegnet werden sollen, ist umstritten. Actares beispielsweise will wegen des Wirbels um die Vasella-Entschädigung Nein stimmen.

Da aber von den grossen Aktionärsvertretern niemand gegen die Décharge ist, werden Vasella und die anderen Konzernlenker die Entlastung wohl erhalten.

Auch das Traktandum 4 wird die Aktionäre beschäftigen: Das Vergütungssystem. Nicht-bindende Abstimmungen über die Vergütungen führt Novartis seit einigen Jahren durch, wobei diesmal zusätzlich Änderungen in den Salärregelungen enthalten sind.

Die ursprünglich geplante 72-Millionen-Zahlung an Vasella ist nicht Teil des Vergütungsberichts. Die Art und Weise, wie der Verwaltungsrat mit dem Plan umgegangen ist, stiess bei vielen Aktionären auf Ablehnung. Die Aktionäre um Actares verweigern die Décharge für 2012 auch deshalb, weil sie das Vorgehen des Verwaltungsrates für intransparent halten.

(tke/jev/sda)

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