Neigt sich die aufregende Reporting Season – also die Zeit der Präsentation der Jahresergebnisse – dem Ende, ist hie und da der nächste Aufreger angesagt. Nicht alle Generalversammlungen gehen geräuschlos über die Bühne – erst recht nicht dort, wo die Minder-Initiative gegen Abzockerei ihren eigentlichen Ursprung fand. Beispielsweise in Basel, bei Novartis.

Der Pharamriese eröffnet morgen Dienstag den GV-Reigen der Grossen. Vasella-Nachfolger Jörg Reinhardt ist in den vergangenen Wochen und Monaten nicht müde geworden, auf die «neue Ära» bei Novartis hinzuweisen. Mitunter erweckten seine Aussagen den Eindruck, dass der Konzern sich reu- und demütig gibt.

Minder-Initiative bis 2015 umsetzen

Für die Umsetzung der Minder-Initiative hat sich, das ist bereits bekannt, der Konzern Zeit bis zum Ende der Übergangsfrist 2015 gegeben. Trotzdem trägt der Volkswillen erste Früchtchen: In der Basler St. Jakobshalle wird (unverbindlich) über die Löhne des Novartis-Verwaltungsrats zur GV 2015 abgestimmt – ebenso wie über die Gesamtvergütung der Geschäftsleitung im abgelaufenen Jahr. Konsultativ, wohlgemerkt.

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Und hier regt sich bereits Widerstand: Es gebe keine Trennung zwischen fixen und variablen Lohnanteilen, bemängelte Dominique Biedermann, Chef der Anlagestiftung Ethos, vergangene Woche in einem Interview mit der «Neuen Luzerner Zeitung» – «das ist für uns inakzeptabel», so sein Fazit. Die 67 Millionen Franken, die Novartis im vergangenen Jahr in der obersten Teppichetage ausgeschüttet habe, sei laut Biedermann zu viel. Ethos werde auch deshalb den Vergütungsbericht an der GV ablehnen, weil bei Novartis-Chef Joe Jimenez der variable Teil des Einkommens heute fünf Mal so hoch sei wie das Fixsalär – «obwohl gute, aber keine herausragenden Unternehmensergebnisse vorliegen», so Biedermann.

Image-Offensive über die Medien

Die Offensive Reinhardts, das Image des Konzerns zu verbessern, trägt zumindest in der Region ganz offenbar Früchte. Unter dem Titel «Die neue Novartis» veröffentlichte die «Basler Zeitung» am vergangenen Wochenende gleich eine 12-seitige Sonderbeilage, in der auch Chefredaktor Markus Somm in einem Kommentar mit dem Titel «Novartis, Superstar» förmlich in Jubelgesang ausbrach: «Die Pharma-Unternehmen, auch Novartis, treten für meinen Geschmack viel zu defensiv auf, wenn es um Schweizer Politik geht», war zu lesen – es gebe keinen Anlass zur Zurückhaltung. «Wir alle in der Schweiz würden nur dann profitieren, wenn eine solch erstaunliche Firma wie Novartis mit mehr Mut und mehr Hartnäckigkeit für liberale Rahmenbedingungen einträte», schreibt Somm – und kommt zum Fazit: «Was gut ist für Novartis, ist gut für die Schweiz.»

Das Image von Novartis habe sich aufgrund verschiedener Vorkommnisse im letzten Jahr gelitten, wird Reinhardt in der Beilage zitiert. «Hier galt es, klare Korrekturen vorzunehmen.» Der Deutsche, der im März seinen 58. Geburtstag feiern wird, ist nach Alex Krauer und Daniel Vasella erst der dritte Präsident in der Geschichte von Novartis. Reinhardt wird laut «BaZ»-Porträt als gleichermassen ambitiös, loyal, versöhnlich und vorsichtig beschrieben – er wirke nahbar und unprätentiös.

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Justiz-Konflikte als Geschäftsmodell?

Nebst dem Thema der Vergütungen wird Reinhard an der Generalversammlung weitere Klippen zu umschiffen haben: Die Aktionärsvereinigung Actares verlangt von Novartis vollständige Transparenz über dessen Strafzahlungen in den letzten Jahren. Laut dem British Medical Journal habe das Pharmaunternehmen zwischen 1992 und 2012 allein in den USA Bussen in der Höhe von 800 Millionen Dollar bezahlt, erklärte Actares.

«Sind die Inkaufnahme von Konflikten mit der US-Justiz und das Bezahlen von Bussen in beträchtlicher Höhe Teil eines rentablen Geschäftsmodells?» Auf diese Frage verlangt Actares von Reinhardt & Co. klare Antworten. Von den Strafzahlungen sind 260 Millionen Dollar zwischen 2010 und 2012 angefallen.

Kritik waltet Actares auch an den klinischen Studien von Novartis. Im letzten September hatte die Erklärung von Bern erklärt, dass Medikamentenversuche am Menschen zunehmend in Länder ausgelagert würden, welche die ethischen Minimalstandards nicht erfüllten. Zwar habe Novartis versichert, dass bei den Studien weltweit höchste Standards gelten würden. Laut Actares konnte der Konzern diese Widersprüche noch nicht zufriedenstellend beantworten.

(mit Material der Agentur sda)