Das beste Drehbuch für eine Bollywood-Schnulze schreibt neuerdings die Wirklichkeit. Ein Richter weist im Namen von armen kranken Indern einen bösen Schweizer Pharmakonzern in die Schranken. Darauf verliebt sich die schöne Tochter seines Nachbarn unsterblich in ihn – und am Ende heiraten sie auf dem Titlis.

Zugegeben, die Sache mit der Liebe und dem Titlis ist frei erfunden. Der Rest spielte sich vor kurzem ungefähr so ab. Ganze sieben Jahre hat Novartis in Indien vor Gericht gegen die Aufhebung des Patentschutzes für sein Krebsmittel Glivec gekämpft. Nun hat der Konzern verloren. Am 1. April fällten indische Richter ihr Urteil. Die Überraschung hielt sich freilich in Grenzen. Schon zuvor mussten europäische Konzerne dort Federn lassen und auf ihren Patentschutz verzichten.

Eine echte Chance dürften die Schweizer nie gehabt haben. Ein Prozess gegen einen ausländischen Multi besitzt immer eine politische Dimension. Zudem geniesst die indische Justiz nicht den besten Ruf. Sie gilt mitunter als korrupt und unberechenbar.

Den Richtern war es etwa völlig egal, dass das Medikament in 40 anderen Staaten einen Patentschutz geniesst. Es war ihnen auch egal, dass ihr Urteil gegen Regeln der Welthandelsorganisation verstösst. Und die Richter ignorierten, dass Novartis Glivec an 95 Prozent der Patienten in Indien gratis verteilt.

Handfeste wirtschaftliche 
Interessen im Spiel

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Die Masche mit den geschenkten Medikamenten wirkte etwas durchsichtig, mag man zu Recht einwenden. Den Pillenpreisen in Entwicklungsländern haftet mitunter etwas Unanständiges an. Und manchmal lassen Pharmafirmen tatsächlich Innovationen patentieren, die gar keine sind. Derartiges Maximieren der Margen gilt inzwischen selbst hierzulande als verpönt.

Dennoch ist das Urteil kein Triumph der Armen, wie das Exponenten von Nichtregierungsorganisationen nun gerne behaupten. Médecins sans Frontières bezeichnet das Urteil etwa «als Sieg für Millionen von Menschen in Entwicklungsländern». Auch in der Schweiz herrscht Freude. Allen voran verkündet die Erklärung von Bern einen Erfolg für «die Apotheke der Armen». Die indische Justiz gebe der Gesundheit der Bevölkerung den Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen.

Diese Haltung ist ziemlich naiv. Bei dem Gerichtsentscheid sind handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel. Die indische Pharmaindustrie gehört zu den weltweit grössten Produzenten von sogenannten Nachahmerprodukten. Nach dem Urteil kletterten die Börsenkurse der grössten Generikahersteller. Und diese bekommen jetzt vom Staat auch noch einen Milliardenauftrag. In den nächsten Jahren will ihnen die Regierung für über 5 Milliarden Dollar Medikamente abkaufen und kostenlos an Arme verteilen. Das Geschäft lohnt sich ohne störende Patente von europäischen und amerikanischen Konzernen natürlich umso mehr.

Ohne Patentschutz fehlt der Motor für Innovationen

Zudem bleibt nach diesem Gerichtsurteil die Frage, wer in Zukunft innovative neue Medikamente entwickeln will, wenn der indische Entscheid Schule machen sollte. In der Pharmabranche tüfteln Forscher jahrelang an verschiedenen Heilmitteln. Am Schluss schaffen es nur wenige Produkte zum Verkaufsschlager.

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Mit einem Patentschutz lassen sich unter anderem auch die Forschungsmilliarden für die Flopprojekte wieder zurückverdienen. Fällt dieser Innovationsmotor weg, wird niemand mehr bessere Medikamente entwickeln, zumindest nicht im indischen Markt. Novartis kündigte bereits Schritte in diese Richtung an.

Das Happy End in der Bollywood-Schnulze fällt also nicht ganz so happy aus, wie viele derzeit glauben. Für die Liebesgeschichte kommt übrigens noch eine zweite Variante in Frage. Die schöne Tochter eines reichen Generikaproduzenten verliebt sich in den Richter.

 

Die Reaktionen auf das Novartis-Urteil:

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