Die Anfrage an den In­vestor kam in den letzten Monaten. Ob man Roche-Aktien kaufen wolle. Der Absender der Anfrage: Novartis. Seit April wissen wir: Novartis will seine 33,3-Prozent-Beteiligung an ­Roche an den Mann bringen. Seither ist es still geworden um den mög­lichen Grossverkauf. Doch die Ruhe täuscht. Laut Recherchen der «Handelszeitung» laufen die Vorbereitungen zur Platzierung der gut 13 Milliarden Franken schweren Position auf Hochtouren. «Wir haben unser Angebot abgegeben», sagt der Investor.

Novartis äussert sich nicht zum Stand der Dinge. Doch die Sache ist offenbar auf dem Schlitten. Es sei davon auszugehen, dass der Verkauf so weit vorbereitet sei, dass er jederzeit ausgelöst und in wenigen Wochen ­abgewickelt werden könne, heisst es in Investorenkreisen. Bedingung ist, dass eine gleichwertige Investitionsmöglichkeit vorhanden ist. Die Abwicklung des Verkaufs ergibt erst dann Sinn, wenn Novartis weiss, was sie mit dem Erlös machen will.

Ohne Schwergewichte geht es nicht

Klar ist, wie der Verkauf technisch abgewickelt wird. Die Platzierung erfolgt über ein Buchbildungsverfahren. Dabei werden grosse Anleger auf­gefordert, innerhalb einer bestimmten Frist ihr Angebot abzugeben.

Ein beschleunigtes Verfahren, bei dem eine Transaktion nach Börsenschluss zwischen zwei Handelstagen sozusagen über Nacht auf den Weg gebracht wird, kommt aufgrund der schieren Grösse des Pakets nicht in Frage. «Das ist viel zu gross für einen einzigen Schuss», erklärt ein Investmentbanker. Mehr als 1 Milliarde Franken liege bei einem Titel wie ­Roche für eine Transaktion nicht drin.

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Doch die institutionellen Anleger werden nicht reichen, um das Paket zu absorbieren. Eine Transaktion dieser Grössenordnung sei ohne neue Grossaktionäre, die ein paar Prozente auf einmal schultern, nicht zu machen, heisst es. Zu denken sei an internationale Grossinvestoren wie den ­katarischen oder den norwegischen Staatsfonds, an ganz grosse Family Offices oder an andere Schwergewichte.

Spielraum auch beim Rating

Verwaltungsratspräsident Jörg Reinhardt macht ernst mit der Besei­tigung der Restanz aus der Ära ­seines Vorgängers Daniel Vasella. Der Verkauf der mit dem Ziel aufgebauten ­Position, die beiden Konzerne zu ­fusionieren, ist eine Frage der Zeit.

Doch der neue Novartis-Lenker will womöglich noch höher hinaus. Es sieht danach aus, als ob auf dem Novartis-Campus derzeit die Stellschrauben für ein grösseres Manöver gestellt würden. Der Roche-Anteil ist nicht das einzige Tabu, das bei Novartis in den letzten Monaten gefallen ist.

Auch bei der Verschuldung gibt es offenbar Konzessionsbereitschaft. Das Unternehmen habe in den letzten Wochen verschiedentlich gesagt, dass es bereit sei, vorübergehend eine ­Herabstufung beim Rating in Kauf zu nehmen, sollte es sich für eine Übernahme weiter verschulden müssen, heisst es. Novartis ist zurzeit mit 22 Milliarden Dollar verschuldet und mit AA geratet.

Übernahmepläne möglich

Novartis bestätigt Informationen, ­wonach das Unternehmen bereit sei, eine Herabstufung in Kauf zu nehmen. Das sei aber rein hypothetisch und beziehe sich nicht auf ein konkretes M&A-Vorhaben.

Schliesslich: Auch das Portfolio ist nicht in Stein gemeisselt. Ein Verkauf der Augenheilsparte ist in der Konzernzentrale langfristig kein No-Go mehr. Dazu Joe Jimenez Ende Juli in der «Bilanz»: «Alcon ist ein grossartiges Geschäft, aber man kann sich ­natürlich die Frage stellen, ob wir auf lange Sicht der beste Eigentümer ­dafür sind.» Novartis hat Alcon 2008 für 39 Milliarden Dollar von Nestlé übernommen.

Grossfusion nicht ausgeschlossen

Mit anderen Worten: Bei Novartis ist in nächster Zeit vieles denkbar. Kein Wunder, schiessen die Spekulationen ins Kraut. Selbst die Übernahme eines Konkurrenten scheint denkbar. Ende Juli sorgten entsprechende Spekulationen für einen Kurssprung bei AstraZeneca. Auslöser war eine ­Bemerkung von Astra-Zeneca-Chef ­Pascal Soriot, wonach seine Pipeline womöglich nicht nur für seine Aktionäre, «sondern für jedermann» attraktiv sein könnte. AstraZeneca ist mit gut 80 Milliarden Franken bewertet.

Auch Bristol-Myers Squibb könnte ein Thema sein. BMS ist führend im Bereich Immunonkologie, derjenige Bereich, in dem medizinischer Bedarf und wissenschaftlicher Fortschritt zurzeit am besten zusammenpassen. BMS zählt zum erlauchten Kreis der Unternehmen, welche bereits einen Checkpoint-Inhibitor auf dem Markt haben. Checkpoint-Inhibitoren hemmen die Abwehrreaktion des Krebses gegen das Immunsystem. Sie gelten als Wunderwaffe gegen Krebs.

20 Prozent an Wert verloren

Die Gelegenheit wäre günstig. ­Anfang August ist BMS mit seinem Medikament Opdivo in einer Lungenkrebsstudie spektakulär gescheitert. Seither hat das Unternehmen fast 20 Prozent seines Wertes verloren.

Auf Investorenseite geht man aufgrund von Äusserungen des Unternehmens davon aus, dass Novartis ­einen Zukauf in der Grössenordnung von 10, 20 oder gar 40 Milliarden Dollar ins Auge fassen könnte. Novartis hält auf Anfrage fest, dass sich an der M&A-Strategie nichts geändert habe. Das Unternehmen werde weiterhin Akquisitionen in der Grössenordnung von 2 bis 5 Milliarden Dollar in Erwägung ziehen, «um die Innovation in unseren führenden Geschäftsbereichen zu stärken», wie die Pressestelle schreibt.

Das Problem dabei: Gute Ziele sind rar. Entsprechend hoch sind die Preise, vor allem, wenn es nicht um ein Versprechen in die Zukunft in Form einer Pipeline, sondern um gesicherte Umsätze und Gewinne geht. Das zeigt das Beispiel Medivation. Der kali­fornische Krebsspezialist ging dieser Tage nach einem monatelangen Übernahmepoker für das Doppelte seines anfänglichen Wertes an die Pfizer. Kostenpunkt: 14 Milliarden Dollar.

Die Messlatte liegt hoch

In dieser Grössenordnung ist vieles denkbar. Michael Nawrath, Arzt und Analyst bei der ZKB, bringt unter anderem die amerikanische Alexion ins Spiel. Die Biotechfirma ist auf seltene Krankheiten spezialisiert – ein potenziell erfolgversprechendes Tätigkeitsfeld, wie das Beispiel InterMune zeigt.

Das Unternehmen war in einem ­lamentablen Zustand, als es vor zwei Jahren für 8,3 Milliarden Dollar an ­Roche ging. Doch die Rechnung ging auf. Im ersten Quartal der laufenden Jahre setzte Roche mit Esbriet, einem Medikament gegen idiopathische Lungenfibrose, eine Krankheit, bei der es zu einer krankhaften Verhärtung des Lungengewebes kommt, 178 Millionen Franken um, 96 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Blockbuster ist in Griffweite.

Was auch immer Jörg Reinhardt mit dem Geldsegen aus der Roche-­Beteiligung macht: Die Messlatte ist hoch. Die Position am hochprofitablen Krebsspezialisten auf der anderen Seite des Rheins spülte im vergan­genen Jahr 429 Millionen Dollar an Dividenden in die Konzernkasse von ­Novartis-Finanzchef Harry Kirsch. Das muss die Neuerwerbung erst mal wieder einspielen.