Novartis und Bayer haben in einem Streit wegen eines billigeren Roche-Medikaments verloren. Die Pharmariesen wollten in England Ärzte davon abhalten, ein billigeres Medikament gegen eine Netzhauterkrankung zu empfehlen. Denn die Ärztevereinigung bevorzugt für die sogenannte altersbedingte Makuladegeneration (AMD) das eigentlich für die Krebstherapie vorgesehene Medikament Avastin von Roche – obwohl es für die Heilung der Augenerkrankung nicht zugelassen ist.

Mit dem Vorgehen schossen die Pharmakonzerne jedoch ein Eigentor: Denn der britische High Court hat nicht nur das Verfahren abgewiesen. Ärzte dürfen nun offiziell das viel günstigere Medikament von Roche verschreiben, wie die Nachrichtenagentur «Reuters» schreibt.

Roches Avastin wirkt ähnlich wie die Medikamente Eylea von Bayer und Lucentis von Roche und NovartisMedikamente, die speziell für das Auge hergestellt werden. Avastin kostet laut Urteil rund 37 Franken pro Injektion, während Eylea etwa 816 Franken pro Injektion und Lucentis gut 551 Franken pro Injektion kostet. Die tatsächlichen Preise variieren aufgrund von vertraulichen Rabatten.

Verwendung aus Kostengründen

«Behandelnde Ärzte können Avastin aus Kostengründen rechtmässig zur Verwendung in der Augenheilkunde wählen», so das Urteil. Zudem heisst es, dass NICE, die britische Agentur für Arzneimittelkosten-Effizienz, zu dem Schluss gekommen sei, dass die Verwendung von Avastin für AMD sicher sei.

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Bayer zeigte sich enttäuscht und sagte: Das Urteil blockiere Unternehmen, die versuchen, neue Medikamente zu entwickeln. «Bayer prüft derzeit alle seine Optionen, einschliesslich der Möglichkeit einer Berufung», sagt der Konzern.

Während Roche Avastin herstellt, möchte der Konzern jedoch lieber das teurere Lucentis für Augenpatienten verkaufen: «Wir glauben, dass die nicht genehmigte Verwendung von Medikamenten aus rein wirtschaftlichen Gründen gegen geltendes Recht über die nicht genehmigte oder unlizenzierte Verwendung von Medikamenten verstösst», sagt das Basler Unternehmens.  

«Ausserordentliches Urteil»

Die britische Lobby der Pharmaindustrie ABPI sagte, sie werde das Urteil sorgfältig prüfen. «Dieses ausserordentliche Urteil untergräbt möglicherweise die Regulierung aller Medikamente, und dadurch haben weder Patienten noch Ärzte Klarheit darüber, welchen Informationen sie vertrauen können.»

Die Ärztevereinigung argumentierte jedoch, dass dank der Verwendung von Avastin anstelle von Eylea oder Lucentis der regionale National Health Service (NHS) jährlich 13,5 Millionen Pfund sparen könnte. In ganz England könnten die Einsparungen durch die Verwendung von Avastin mehr als 500 Millionen Pfund betragen, berichtet das «British Medical Journal».

(bsh)