Da wurde gespottet, gerätselt, eine neue Philosophie als Marketinggag voreilig abgetan - und dennoch: In St. Gallen erhoben vor kurzem 41 Teilnehmer des Executive MBA erstmals die Finger zum Schwur. Sie begannen mit den Worten: «As a manager, my purpose is to serve the greater good.» Was am 24. August 2009 an der HSG geschah, soll erst der Anfang sein. Auch die Vollzeit-Studenten sind eingeladen, diesen Eid zu leisten.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Hinter der in Harvard gestarteten Aktion steht Max Anderson, selbst ein MBA-Student - und natürlich die Wirtschaftskrise. Die aktuellen Schüler wollen sich vor allem von den früheren Genera- tionen der MBA-Absolventen distanzieren, die mitverantwortlich gemacht werden für das gegenwärtige, noch immer nicht ausgestandene Desaster an der Wall Street, dem grössten Arbeitgeber von Harvard-Abgängern in den vergangenen Jahren.

Eid mit WEF mehr Biss verleihen

Von anderer Seite kommen Einwände, dass so ein Schwur entweder unnötig oder gar schädlich ist. Betrug sei sowieso schon gegen das Gesetz. Kapitalgeber, die sich von Managern nicht gut behandelt fühlen, können immer klagen.

Daneben stellt sich die Frage, ob das Versprechen der künftigen Industriekapitäne, die Interessen von Freundschaft, Kundschaft und Gesellschaft zu schützen, nicht dazu führt, dass ihre Shareholder zu kurz kommen. Gegenwärtig arbeiten Vertreter von Harvard mit dem Aspen Institute in Washington DC und dem World Economic Forum (WEF) in Davos zusammen, um dem Eid mehr Biss zu verleihen.

Ob ein solcher Schwur aus zukünftigen Managern bessere Menschen machen wird, kann nicht beantwortet werden. Auch nicht, ob nach der Krise die Bedeutung des Schwurs nachlässt - und Business as usual einkehrt. Vielleicht aber irren sich die Skeptiker und der Eid bedeutet der jungen Manager- generation viel mehr und man wird sich später bei vielen Gelegenheiten daran erinnern, wenn es um Fragen der Ethik, Ökologie, Nachhaltigkeit sowie den Umgang mit Menschen geht.

Für HSG eine ernsthafte Sache

Für Rob Straw vom Weiterbildungszentrum der Universität St. Gallen ist das Ganze allen Unkenrufen von Mitbewerbern, Hard- linern sowie Besserwissern zum Trotz eine ernsthafte Sache. Nur einen Tag vor dem Schwur hatte Straw mit den Studenten über Partnerschaft untereinander und der Universität St. Gallen diskutiert. Alle Anwesenden signierten danach einen Code of Conduct, worin es primär um ihr Verhalten als Studenten geht.

Anschliessend präsentierte Rob Straw den Studenten den Harvard-Schwur. Als Team habe man das Dokument sehr sorgfältig gelesen und glaube fest an seine Inhalte. Die Studenten aus 16 Ländern wurden gebeten, das Dokument ebenfalls zu lesen und dann dazu eingeladen, es zu unterschreiben, was nicht zwingend, sondern eine Option war. Alle 41 neu ins Programm eintretenden Studenten, darunter 14 Frauen, haben unterschrieben und mit den Worten signiert: «This oath I make freely, and upon my honor.»

Ihre berufliche Herkunft: Acht Banking, fünf Dienstleistungen, fünf Ingenieure, vier Consulting, drei Gesundheitswesen, drei Automobil, zwei Human Resources, zwei Information Technology, zwei Telekom und vier weitere.

Nur ein Gag oder gute Strategie?

«Der Schwur ist für mich ein Marketinggag», gibt Petra Jörg von Bern-Rochester unumwunden zu. «Im Falle von Harvard glaube ich, dass das angeschlagene Image der Schule der wirkliche Grund ist. Das Menschenbild, das ich vertrete, ist, dass jeder Manager, jede Managerin, eigentlich jeder Mensch ein Interesse daran haben sollte, dass sein Handeln weder dem Unternehmen noch der Gesellschaft schadet. Es wird immer Leute geben, die sich nicht an solche Grundregeln halten - mit oder ohne Schwur. Es gibt auch Ärzte, die Fehler machen - und die wandern nicht ins Gefängnis, nämlich deshalb, weil sie sich gegenseitig schützen. Genau so würden es die Manager tun.»

Auch John Wells, seit eineinhalb Jahren Präsident der IMD in Lausanne, zieht eher eine clevere Marketingstrategie in Betracht.

An der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) ist das Thema offenbar noch nicht angekommen. Uta Milow, Dozentin für Volkswirtschaftslehre sowie Leiterin des Executive MBA, kann sich einen Eid in ihrem Studiengang nicht vorstellen. «Unsere EMBA-Studenten machen diese Ausbildung nach einem bereits abgeschlossenen, nichtökonomischen Studium und einigen Jahren Berufserfahrung - im Gegensatz zu vielen MBA-Studenten. Unsere Absolventen stehen bereits mitten im Berufsleben. Solch ein Eid käme damit eher spät.»

 

 

Nachgefragt


«Die Schwüre sind ein Resultat der Skandale»

Bjørn Johansson (62) ist Headhunter sowie Founder & Chairman der Dr. Bjørn Johansson Associates in Zürich

Sie sind Absolvent der Universität St. Gallen und von Harvard. Was halten Sie von den Schwüren, welche die neuen Studenten dort seit kurzem abgeben?

Bjørn Johansson: Die Welt war beim Enron-Skandal 2001/02 geschockt, der nur vom aktuellen Banken-Crash noch übertroffen wurde. Dass Top-Manager ganz bewusst betrügen, das sass tief. Die Schwüre von Harvard und St. Gallen sind ein Resultat dieser Skandale.

Kritiker und Spötter sprechen von einem Marketing-Gag. Was meinen Sie?

Johansson: Der Schwur liegt zwar im Trend. Aber genauso scheint es mir ein Marketingschachzug zu sein.

Kann man überhaupt kontrollieren, ob sich die zukünftigen Manager daran halten?

Johansson: Das kann man nicht. Business-Moral ist in China oder Russland etwas anderes als in den USA oder in Europa. Korruption ist in einzelnen Teilen der Welt noch immer Fakt.

Als Headhunter wissen Sie auch nicht immer, wie viele Leichen ein Bewerber im Keller hat. Was tun Sie dagegen?

Johansson: Wir recherchieren mehr als früher, ob die Westen wirklich so weiss sind, wie sie aussehen. Wir checken den Leumund von Führungskräften, ob sie im Gefängnis waren oder betrunken am Steuer sassen oder ihre Frau geschlagen haben. Heute kann es sich kein Unternehmen mehr leisten, einen CEO oder VR-Präsidenten einzustel-len, dessen beruflicher Background vielleicht stimmen mag, seine privaten Exzesse jedoch nicht tolerierbar sind.