Laut einem Branchenexperten verhalten sich viele Manager derzeit wie Tiere auf der Flucht: Sie jagen wild herum, schlagen Haken und suchen verzweifelt den rettenden Unterschlupf. Im offiziellen Jargon tönt es natürlich nicht so dramatisch. So erklärt Victor Aerni, Partner und Managing-Berater der Boston Consulting Group (BCG): «Die Nervosität in vielen Geschäftsleitungen ist hoch, vor allem bei den börsenkotierten Firmen. Es werden im Vergleich zu ruhigeren Zeiten häufiger Aufträge und Projekte annulliert, aber wir gewinnen auch mehr Neukunden.»

Hektik an der Beratungsfront

Auch Thomas Lustgarten, Managing Partner von Bain & Company Schweiz, registriert Unterschiede im Kundenverhalten und spricht von einer zunehmenden Hektik an der Akquisitionsfront. «Einerseits sollen Projekte beschleunigt werden, andererseits tun sich Kunden unter dem Eindruck immer wieder neuer Situationen schwer mit Entscheiden. Ich habe schon erlebt, wie bei einem Projekt zugesagt, abgesagt und wieder zugesagt wurde.» Solches Hin und Her dürfte in der Beratungsbranche kaum für höhere Umsätze sorgen. Christoph Lechner, Professor für strategisches Management an der Universität St. Gallen, erinnert daran, dass in schlechten Zeiten die meisten Firmen ihre Budgets für externe Beratung kürzten, so etwa in den Rezessionsjahren 2002 und 2003: «Damals war der Beratungsmarkt stagnierend bis rückläufig, und es gibt heute keine Anzeichen, dass dies jetzt anders abläuft.»Abrupt verändert hat sich hingegen in den letzten Monaten der Beratungsprozess. Statt um Themen wie Innovation, Wachstum und neue Märkte drehen sich die Inhalte nun um Kostensenkung und Restrukturierung. «Viele unserer Kunden stehen unter enormem Druck, die Handlungsfähigkeit überhaupt noch am Leben zu halten. Denn wenn die Umsätze abrupt um 30 bis 50% einbrechen, fallen die Firmen in eine Restrukturierungskrise, und sie kämpfen ums Überleben», sagt Carsten Henkel, Managing Partner von Roland Berger Schweiz. Angesichts der einschlägig bekannten Rezepte für solche Krisensituationen drängt sich die Frage auf, warum sich die Manager nicht selber zu helfen wissen. «Es ist eben enorm wichtig, intelligent Kosten zu senken, und nicht mit blinder Panik zu reagieren», betont Henkel. Dabei könne der externe Strategieberater entscheidend helfen und die richtige Balance zwischen kurzfristigen Massnahmen und einer mittelfristigen Perspektive aufzeigen. «Die Gefahr besteht nämlich, dass die Firmen zu viel wegschneiden, sodass ihnen die Ressourcen und Fähigkeiten fehlen, wenn es wieder aufwärts geht.»Die Devise heisst also: Gesundschrumpfen, ohne die Chancen auf späteres Wachstum zu zerstören. «Wer von uns einfach nur Sparprogramme verlangt, ist an der falschen Adresse. Die Hand, die das Skalpell führt, muss von einer klaren Strategie geleitet sein», verdeutlicht Lustgarten.

Schnelle Erfolge gefragt

Viele Firmen brauchen zudem die externen Strategieberater, um die beschlossenen Kostensenkungs- und Transformationsprozesse wirksam umsetzen zu können. «Es geht aktuell weniger darum, langfristige Strategien anzupacken, sondern Projekte mit rasch messbaren, operativen Resultaten voranzutreiben», betont Lechner.Aerni beobachtet immer wieder, wie schwer sich Geschäftsleitungen gerade in schwierigen Zeiten damit tun, die Fakten offen auf den Tisch zu legen. «Keiner gibt gerne zu, dass es ausgerechnet in seinem Bereich schlecht läuft.» In diesem Punkt könne ein Externer seine Stärken ausspielen und viel schneller für Transparenz in einem Unternehmen sorgen. Der Beratungsprozess ist in der Krise aufwendiger geworden. Gleichzeitig nimmt auch das Enttäuschungspotenzial zu. Denn je schlechter es um eine Firma bestellt ist, desto grössere Wunder werden in der Regel vom Berater erwartet. «Damit keine falschen Hoffnungen geweckt werden, müssen vorgängig im intensiven Dialog die Rollen der Unternehmung und des Strategieberaters bei der Problemlösung geklärt werden», stellt Henkel klar. So oder so dürfte die Rechnung in der aktuellen Situation nicht für alle Beteiligten aufgehen. «Insgesamt steht wohl auch der Beratungsmarkt selber vor härteren Zeiten», schätzt Lechner.

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