Viele Studiengänge sind keine Berufsausbildungen. Ihre Absolventen haben zwar gelernt, sich Wissen anzueignen und Wissenschaft im studierten Fach zu betreiben. Im Stellenanzeiger finden sich aber keine Inserate, die nach Philosophen, Medienwissenschaftern, Geophysikern oder Romanisten suchen. Das studierte Fach muss also zunächst in eine bestimmte berufliche Tätigkeit umgesetzt werden. Dies geschieht über verschiedenste Berufe in den Medien, in den Bereichen Kultur und Gesundheitswesen, in Behörden oder im privaten Dienstleistungsbereich.

Nur, wie kommen Hochschulabsolventen an diese Stellen heran? Ein viel gehörter Tipp lautet, man solle sich Zusatzqualifikationen erwerben. Also werden die Weiterbildungsangebote studiert. Aber bringt ein Nachdiplomstudium die Hochschulabsolventen ihrem angestrebten Berufseinstieg wirklich näher? Welche Rolle spielt der Erwerb von Zusatzqualifikationen beim Berufseinstieg?

Bildungsmarkt Bildungswesen

Das Bildungswesen ist dabei, sich in einen Bildungsmarkt zu verwandeln. Die Hochschulen geraten untereinander in Konkurrenz. Die ist gut und belebt das Geschäft. Die Hochschulen stehen unter Druck, Reformen zu unternehmen, sie verbessern die Dienstleistungen für Studierende oder die Betreuungsverhältnisse in besonders beliebten Fächern.

Anzeige

Gleichzeitig beginnen die Universitäten, ihr Angebot, die Studiengänge, extern anzupreisen. «Bei uns legen Sie den Grundstein für Ihre Karriere» ist zum Beispiel in der Image-Broschüre einer Universität zu lesen. Dabei hat sich in Mitteleuropa bis vor kurzem selten eine Hochschule wirklich dafür interessiert, wie es um die Arbeitsmarktchancen ihrer Absolventinnen und Absolventen steht.

Vor allem eine Traumfabrik

Nicht nur das Hochschulsystem beginnt, sich gemäss den Gesetzen von Angebot und Nachfrage zu organisieren. In noch viel stärkerem Mass gilt dies für die Weiterbildung, da die Studierenden sich dort in vollem Umfang an den Kosten beteiligen – also zahlende Kunden sind. Die Konkurrenz unter den Anbietern ist hart. Davon zeugen die Werbeflächen voll mit Bildungsangeboten. Es finden sich Flyer über Nachdiplomstudiengänge wie Coaching, Mediation und vieles mehr. Vor allem Managementausbildungen sind en vogue: Management in Non-Profit-Organisationen, Projektmanagement, Management im Gesundheitswesen, Ausbildung zum Europa-Manager usw.

Beim Studium dieses inflationären Bildungsangebots vergessen Hochschulabsolventen gerne, dass Nachdiplomausbildungen nicht geradewegs zu einer ausbildungsadäquaten Stelle führen – es sei denn, die Person ist vor bzw. während der Ausbildung bereits in einem mit dem Nachdiplomstudium verbundenen Praxisgebiet tätig.

In der Studienberatung ist der Autor dieses Artikels beispielsweise mit der Primarlehrerin konfrontiert, die mit zwei Prospekten einer Mediationsausbildung in die Beratung kommt und fragt: «Mediatorin ist schon lange mein Traumberuf. Welche der beiden Ausbildungen ist die bessere für eine Stelle in diesem Arbeitsgebiet?» Die Frage der Beschäftigungsmöglichkeiten stellt sie sich kaum. Dabei hat sich der Beruf der Mediatorin noch nicht etabliert. Es ist daher keineswegs klar, wie die Chancen stehen, dass die Lehrerin dereinst als Mediatorin ihren Lebensunterhalt verdienen kann. Hier klaffen das Angebot auf dem Bildungsmarkt und die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt völlig auseinander. Der Bildungsmarkt verkommt zu einer Traumfabrik.

Anzeige

Als Studienberater kommt man in die Rolle des Konsumentenschützers, der die schlechte Nachricht überbringen muss, dass man sich mit einer Weiterbildung nicht den Berufseinstieg kaufen kann. Den Weiterbildungswilligen ist zu sagen, dass sie beim Vergleich der Angebote zu einem ähnlichen Verhalten übergehen müssen wie beim Autokauf. Natürlich preist ein Autoverkäufer seinen Wagen an. Wer aber als Käufer den Argumenten vorbehaltlos glaubt, kann leicht über den Tisch gezogen werden.

Was im Zusammenhang mit dem Autokauf jedem klar ist, scheint vielen Studenten im Zusammenhang mit der Ausbildung nicht selbstverständlich zu sein, sondern sie verknüpfen mit dem Abschluss die Erwartung, einer bestimmten Beschäftigung nachgehen zu können. So erwarten zum Beispiel Psychologen, die eine Psychotherapieausbildung für 50000 bis 100000 Fr. absolvieren, dass sie nachher als Therapeuten ihren Lebensunterhalt verdienen können.

Anzeige

Deshalb sollte für Hochschulabsolventen die Regel gelten, sich zuerst eine Stelle zu suchen und dann die Weiterbildung zu planen. Ausbildung haben die Hochschulabsolventen fürs erste eigentlich schon genug. Es fehlt die berufliche Erfahrung. Fallstudien über den Berufseinstieg von Hochschulabsolventen könnte man immer mit dem Titel überschreiben: «Eigentlich ist es Zufall, dass ich hier gelandet bin.» In dem Praxisfeld, in das jemand einen Fuss hineinbekommt, hat die Person später die grössten Berufschancen. So kann es sich erweisen, dass man eine Weiterbildung in Energietechnik absolviert, man aber dann doch in einem Gebiet landet, wo eine aufs Gesundheitswesen bezogene Managementausbildung besser gewesen wäre.

Nur mit konkreten Zielen

Damit sei nicht gesagt, dass sich eine Weiterbildung nicht lohnt. Aber bevor man sich für sie entscheidet, sollte man ihren Wert am Arbeitsmarkt evaluieren. Dazu sollte man sich zum Beispiel auf alle in Frage kommenden Stelleninserate bewerben. Ein Erhalt einer Stelle ist dabei nicht oberstes Ziel, sondern es werden Informationen gesammelt und Eindrücke gewonnen. Wenn sich herausstellt, dass der Weg zur richtigen Stelle tatsächlich über eine Weiterbildung führt, so liefert die Konfrontation mit dem Arbeitsmarkt die besten Hinweise dafür, welche Weiterbildung die richtige ist.

Anzeige

Die Antwort auf die Frage nach der Rolle der Weiterbildung beim Berufseinstieg nach dem Studienabschluss kann so zusammengefasst werden: Hochschulabsolventinnen und -absolventen sollen ein solches Angebot nur mit konkreten Zielen vor Augen wahrnehmen – wenn ganz klar ist, was damit erreicht werden soll und wie gross die Chancen sind, dies zu realisieren.