Unternehmensabschlüsse gehören zu den bedeutendsten Informationen, welche eine kotierte Gesellschaft ihren Anlegern zur Verfügung stellen muss. Während die dafür relevanten nationalen wie internationalen Rechnungslegungsstandards laufend perfektioniert werden, stellt sich die Frage, wie weit diese Regelungen von Nichtspezialisten überhaupt noch nachvollzogen werden können.

Die Finanzberichterstattung von an der SIX Swiss Exchange kotierten Gesellschaften basiert grundsätzlich auf den zu veröffentlichenden Jahres- und Zwischenabschlüssen, welche in Übereinstimmung mit einem anerkannten Rechnungslegungsstandard wie IFRS, US GAAP oder Swiss GAAP FER zu erstellen sind. Für den Anleger entscheidend ist dabei die Konzernsicht, welche die wirtschaftliche Lage der rechtlich selbstständigen Konzerngesellschaften so darstellt, als ob es sich um ein einziges wirtschaftliches Gebilde handelt. Durch diese technisch gesehen anspruchsvolle Aggregierung werden die relevanten Finanzinformationen massiv komprimiert. Die Aufbereitung der Daten in einem konsolidierten Abschluss führt aber dazu, dass viele relevante Informationen verloren gehen. Zum besseren Verständnis der Zahlen müssen deshalb im Anhang der Konzernrechnung Angaben zu den angewandten Erfassungs- und Bewertungsmethoden sowie Erläuterungen zu wichtigen Bilanzpositionen und Geschäftsvorfällen vorgenommen werden. Der Umfang dieser offenlegungspflichtigen Detailinformationen hat aufgrund mannigfaltiger Änderungen der Rechnungslegungsstandards in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Immer weniger Anleger nehmen dieses «Kleingedruckte» noch wahr oder sehen gar vor lauter Angaben zu aktienbasierten Vergütungen, Vorsorgeplänen oder Finanzinstrumenten den Wald nicht mehr.

Vereinheitlichung angestrebt

Die für die Überwachung und Durchsetzung der Rechnungslegungsvorschriften von Publikumsgesellschaften verantwortlichen Regulatoren versuchen die in den Rechnungslegungsstandards historisch gewachsene Komplexität zu entschärfen. Die vorgeschlagenen Massnahmen gehen unter anderem von folgenden Ansätzen aus:

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1. Ein globales Rechnungslegungsnormenwerk soll die unterschiedlichen nationalen Vorschriften ablösen.

2. Ausnahmen und branchen-orientierte Sonderregeln sollen vermieden werden.

3. Alternative Rechnungslegungsgrundsätze und Wahlmöglichkeiten sollen abgeschafft werden.

4. Die Standards müssen grundlegende Prinzipien festhalten (Principle based standards) und nicht genaue Detailregelungen festlegen (Ruled based standards).

5. Die national organisierten Regulatoren (insbesondere Börsen- und Revisionsaufsichtsbehörden) müssen sich gegenseitig zu einer globalen Überwachung durchringen.

6. Die Verbreitung von Finanzinformationen muss vereinheitlicht werden.

7. Die Anleger bzw. eigentlichen Benützer von Finanzinformationen sind besser in den Regelsetzungsprozess einzubeziehen.

Keine rasche Lösung

Obwohl die zentralen Treiber des Spezialistentums erkannt und effektive Gegenmassnahmen greifbar sind, erscheint eine rasche Lösung leider nicht realistisch. Totzdem gibt es Hoffung, dass sich bei IFRS eine gemeinsame Sprache durchsetzt. Aus schweizerischer Sicht stimmt dies insbesondere deshalb positiv, als dass die einheimischen Publikumsgesellschaften schon sehr früh auf die Karte IFRS gesetzt haben. Die SIX Swiss Exchange wiederum verfolgt im Rahmen ihrer Überwachungs- und Durchsetzungstätigkeit die Umsetzung der IFRS-Vorschriften durch die Emittenten und greift wo nötig korrigierend ein. Insbesondere entspricht es einem der Ziele, durch Abstimmung mit anderen Regulatoren eine konsistente Anwendung und Durchsetzung zu ermöglichen.

Ob aber grössere Vereinfachungen von IFRS möglich sind, ist eine andere Frage. Realistischerweise muss hier der Hebel wohl so angesetzt werden, dass die Komplexität von IFRS durch weitere Detailregelungen, Ausnahmen und Wahlrechte nicht weiter zunimmt. So entspricht es wohl der heutigen vielschichtigen betrieblichen Realität, dass sich ein aussagekräftiger Abschluss nicht mehr sachgerecht auf einer A4-Seite darstellen lässt.