Ab dem 1. Januar 2009 sind in der Schweiz alle Grosskunden ab einer Mindestabnahmemenge von 100 MWh/Jahr berechtigt, ihren Stromlieferanten frei zu wählen. Im Unterschied zur gescheiterten EMG-Vorlage vom September 2002 ist kein automatischer Übergang zur vollen Marktöffnung geplant, sondern eine Übergangsfrist von fünf Jahren, in der entsprechende Erfahrungen für die vollständige Öffnung des Strommarktes gesammelt werden sollen.

Nach Ablauf der fünfjährigen Zwischenphase soll die vollständige Liberalisierung durch einen Beschluss der Bundesversammlung erfolgen, dieser untersteht erneut dem fakultativen Referendum. Spätestens dann können auch Haushaltskunden ihren Lieferanten nicht nur frei wählen, sondern sind im Rahmen des Wahlmodells «Abgesicherte Stromversorgung (WAS)» auch berechtigt, ihren Strom weiterhin vom bisherigen, lokalen Versorgungsunternehmen mit definierter Versorgungsverpflichtung zu beziehen.

Wandel trifft die Versorger

Dieser bevorstehende Wandel der schweizerischen Marktstruktur trifft alle Versorger in gleichem Masse, unabhängig von Grösse, Leistungsangebot und Kundenstruktur. Die zweistufige Marktöffnung und ihre unterschiedliche zeitliche Relevanz für die Kundensegmente der EVU sollten nicht über die notwendige Anpassungsdringlichkeit der Aufbau- und Ablauforganisation hinwegtäuschen. Die Einführung angepasster Kosten- und Leistungsrechnungssysteme sowie neuer Ansätze für ein effektives Kundenbeziehungsmanagement können nicht segmentweise, sondern müssen unternehmensweit eingeführt werden. Die vom Bundesrat formulierte Neuausrichtung der Energiepolitik und die daraus abzuleitenden Zielsetzungen in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien, Bau von Grosskraftwerken und Energieaussenpolitik erzeugen zudem weiteren Handlungsbedarf, dem sich kein Stromversorger entziehen kann.

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Neu wird mit der ElCom ein sektorspezifischer Regulator für die Regulierung der Netznutzungsentgelte eingesetzt, die in einer ersten Phase kostenbasiert erfolgen wird. Die Stromnetzbetreiber dürfen folglich ihre entstandenen Kosten auf die Netztarife überwälzen, zuzüglich einer angemessenen Rendite auf das eingesetzte Kapital. Die Verteilnetzbetreiber sehen sich hiermit nicht nur mit einer Einschränkung ihrer Rentabilität konfrontiert, sondern müssen ihre Organisationsstrukturen und -prozesse auf die neuen regulatorischen Vorgaben ausrichten. Die angekündigte Einführung einer Anreizregulierung gibt den Verteilnetzgesellschaften die Möglichkeit, über Effizienzsteigerungen zusätzliche Gewinne zu erwirtschaften. Die Identifizierung und Nutzung von Kostensenkungspotenzialen erhält im Netzbetrieb deshalb eine übergeordnete Bedeutung.

Das finanzielle Ergebnis der betroffenen Marktteilnehmer wird durch den offenen Wettbewerb einem grösseren Risiko ausgesetzt. Steigende Energie- und Rohstoffpreise, zunehmender Investitionsbedarf sowie die beständige Gefahr von Kundenverlusten intensivieren den Druck auf die Rendite der Stromversorger und steigern den Bedarf nach effizienten Lösungsvorschlägen ebenfalls. Die wirksame Bewältigung dieser Marktveränderungen setzt jedoch das richtige Know-how und eine kritische Grösse voraus und überfordert vielfach die kommunalen Energieversorger. Schlimmstenfalls droht ihnen als endgültige Konsequenz der Ausverkauf.

Erzeugung von Synergien

Bei zunehmendem Markt- und Regulierungsdruck stellt ein strategisches Kooperationsmanagement einen wirkungsvollen Schutz gegen die risikointensiveren Marktgegebenheiten nach der Liberalisierung dar. Kerngedanke ist die Erzeugung von Kostensynergien und Marktvorteilen durch die gemeinsame Nutzung bzw. komplementäre Verbindung von Kompetenzen und Ressourcen, während die unternehmerische Nähe zum eigenen, lokalen Versorgungsgebiet aufgrund ihrer grossen Bedeutung für die Wettbewerbsfähigkeit beibehalten wird und die Betriebe ihren kommunalen Einfluss bewahren können.

Ein erstes Kooperationsfeld eröffnet sich im Hinblick auf die neuen gesetzlichen Anforderungen: Durch eine vernetzte Zusammenarbeit der Versorger und die Bündelung der Kompetenzen können über die Standardisierung von Prozessen und Leistungskatalogen zusätzliche Kostensynergien geschöpft werden. Im Netzbereich können über verschiedene Kooperationsgrade (gemeinsame Netznutzungstarife bis zur Fusion der Versorgungsgebiete) die Betriebs- und Unterhaltskosten sowie Vertriebs- und Verwaltungskosten des Netzbetriebs entscheidend gesenkt und – in Vorbereitung auf die Anreizregulierung – Effizienzpotenziale besser genutzt werden. Durch die Vergrösserung des Netzgebietes werden indessen die Kosten gleichmässiger auf die Endverbraucher verteilt.

Kooperationsmodelle zur gemeinsamen Aufgabenerledigung sind zudem auch in den Bereichen Backoffice, Informationstechnologie und Energiebeschaffung gut geeignet, die Nutzung von Kosteneinsparungspotenzialen zu ermöglichen, eine verbesserte Handlungsfähigkeit bei Marktveränderungen zu schaffen und Risiken aussichtsreich zu minimieren. Längerfristig kann die Unabhängigkeit der kommunalen Energieversorger durch den Aufbau gemeinsamer, kostengünstiger Erzeugungskapazitäten oder durch eine strategische Beteiligung eines Stromproduzenten sichergestellt werden. Diese Massnahme reduziert den Einfluss der Lieferanten bei der Strombeschaffung, senkt die Abhängigkeit von unvorteilhaften Marktpreisentwicklungen und erhöht nachhaltig die Versorgungssicherheit.

Gehemmte Umsetzung

Ungeachtet der neuen regulatorischen Anforderungen und Marktbedingungen werden die sich bietenden Kooperationschancen durch die schweizerischen Verteilerwerke nur zurückhaltend genutzt. Die Befürchtung, Eigenständigkeit, regionalen Einfluss und lokale Arbeitsplätze zu verlieren, hemmt die Umsetzung von Kooperationsprozessen und lässt wertvolle Zeit ungenutzt verstreichen. Während Kooperationsformen für die gemeinsame Bündelung des Energieeinkaufs zunehmend genutzt werden, fällt die Zusammenarbeit im Netzbereich mit dem Ziel, Kosten zu senken, eher gering aus. Aufgrund mangelhafter Weitsicht und Antizipation im Hinblick auf die Anreizregulierung der Netzentgelte stehen die kommunalen Betriebe in den nächsten Jahren umso mehr in der Pflicht, mit entsprechend harten Massnahmen Effizienzpotenziale zu entwickeln und nachhaltig zu nutzen.

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Trotz der abwertenden Haltung vieler kommunaler Energieversorger wird zu diesem Zeitpunkt eine Integration der kleinen EVU in Unternehmen von nationaler Bedeutung als wahrscheinlichste Reaktion auf die veränderte Marktsituation erwartet. Für die optimale Entwicklung der regionalen Wirtschaft muss deshalb der Verlust der heutigen lokalen Verankerung der Netzaktivitäten in Kauf genommen werden.