Wir müssen uns auf eine schwierige Situation einstellen», warnte Johann Schneider-Ammann. Das war Ende Februar, als der Unternehmer und Präsident des Industrieverbands Swissmem die Branchenzahlen 2008 vorlegte - vor allem das 4. Quartal bot ein Bild des Schreckens (siehe Tabelle). Nun hat sich die Situation erneut verschärft: Der deutsche Anlagen- und Maschinenbauerverband meldete für Januar 2009 einen Auftragsrückgang von 42% - ein Albtraum, auch für Schweizer Industriefirmen. Denn Deutschland ist ihr wichtigster Handelspartner und Grossabnehmer von Investitionsgütern.

Firmen diversifizierten Risiken

Die Schweizer Firmen haben bereits scharf gegengelenkt, um die Kosten möglichst rasch und massiv zu kappen. Für mehr als 1000 Unternehmen liegen Anträge zur Kurzarbeit für insgesamt 30000 Beschäftigte vor (siehe auch «Handelszeitung» Nr. 4 vom 21. Januar 2009). Darüber hinaus haben die meisten Firmen Massnahmen eingeleitet. Von Kurzarbeit, Stellenabbau über Produktionsverlagerung bis zu Devestitionen und Werkschliessungen - fast jede Firma gab in den vergangenen Wochen solche Massnahmen bekannt.

Die Mehrheit der Firmen wird die Krise aus eigener Kraft meistern. Denn sie hat gegenüber ausländischen Mitbewerbern einen entscheidenden Vorteil: Die Firmen verfügen über mehrere Standbeine, sind also in mehreren Märkten tätig und haben damit die Risiken diversifiziert. «Die breite Abstützung hilft nun, die Krise zu bewältigen», bestätigt Jan Dannenberg, Partner bei der internationalen Beratungsgesellschaft Oliver Wyman. So leidet etwa der Hersteller von Bearbeitungs- und Montagesystemen Mikron zwar unter dem Abschwung im Automobilgeschäft, konnte aber laut CEO Eduard Rikli in den vergangenen Jahren die Kundenbasis verbreitern und in den Bereichen Medizinaltechnik, Pharma und Präzisionstechnik wichtige Aufträge akquirieren. Nur in Einzelfällen greift die Diversifikationsstrategie nicht: Rieters Divisionen, Textilmaschinenbau und Automobilgeschäft, leiden gleichermassen unter dem Konjunktureinbruch.

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Ein weiterer Wettbewerbsvorteil der Schweizer ist die solide Finanzierung: Eigenkapitalquoten von 50% und mehr sowie tiefe Nettoverschuldungen sind keine Seltenheit. Nur vereinzelt könnte eine Kapitalerhöhung nötig werden - etwa beim Bauausrüster AFG, der binnen vier Jahren 26 Firmen kaufte und heute gut 70% in der Schweiz und Deutschland umsetzt; ein veritables Klumpenrisiko.

Fast alle börsenkotierten Industrieunternehmen verfügen zudem über mittlerweile mindestens einen Ankeraktionär, der angesichts historisch tiefer Aktienkurse vor feindlichen Übernahmen schützt.

Jüngstes Beispiel ist Rieter: Die Winterthurer holten den Unternehmer Peter Spuhler als Grossaktionär an Bord. Jahrelang hatte Rieter ein breit gestreutes Aktionariat propagiert. Nun, da der Abschwung den Umsatz einbrechen liess und der Liquiditätsengpass zunehmend grösser wurde, verkaufte Rieter die eigenen Aktien an Spuhler - der hält nun über seine Beteiligungsfirma PCS seit Mitte Februar 17,04% an Rieter.

Trotz der relativ guten Ausgangslage werden nicht alle Firmen die Rezession in ihrer heutigen Form überleben, mit einer Konsolidierung ist zu rechnen - sagt Fred Kindle, bis Februar 2008 CEO des Elektro- und Automationskonzerns ABB und heute Partner bei der Private-Equity-Gesellschaft Clayton, Dubilier & Rice mit Sitz in New York (siehe auch «Nachgefragt»).

Während kleine, fokussierte Unternehmen - darunter auch kleine Konzerntöchter - vermehrt den Weg unter ein grösseres Dach suchen werden, dürfte es bei mittelgrossen Industriekonglomeraten verstärkt zu Teilverkäufen kommen. Zwar betonen Experten wie Kindle, dass Transaktionen wegen der Kreditkrise derzeit schwer zu finanzieren sind. Trotzdem sei das Interesse an attraktiven Firmen ungebrochen.

Teilverkäufe werden zunehmen

Teildevestitionen werden in nächster Zeit beim Industriekonzern OC Oerlikon erwartet - als «Nicht-Kerngeschäft» wurde zuletzt das Raumfahrt- und das Textilmaschinengeschäft definiert. Die defizitäre Halbleitersparte hat Oerlikon bereits abgestossen. Auch ein Zusammengehen mit dem Industriezulieferer Sulzer gilt als möglich, seit die russische Beteiligungsfirma Renova je rund einen Drittel an Oerlikon und Sulzer hält und einen Schulterschluss der beiden Firmen nie kategorisch ausgeschlossen hat.

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Beim Komponentenhersteller Feintool steht die Sparte Kunststoff-Metallkomponenten auf der Verkaufsliste. Die Führung sucht für diesen Unternehmensteil, der über 80% des Umsatzes allein mit dem deutschen Grosszulieferer Bosch erzielt, seit geraumer Zeit einen Interessenten. Veränderungen könnten auch bei Mikron anstehen. CEO Rikli hält sich zum heutigen Zeitpunkt alle Optionen offen: «Die gegenwärtige Lage verlangt eine laufende Beurteilung.»

Die Konsolidierung der Schweizer Industriebasis hängt von Dauer und Tiefe der Rezession ab. Der Branchenverband Swissmem meint im Hinblick auf 2009: «Die Prognosen sind durch grosse Unsicherheiten und wenig Optimismus geprägt.» Experten wie Kindle rechnen erst in zwei bis drei Jahren mit einer Trendwende.