Die Patienten in der ruhig gelegenen Klinik Gais im Appenzell können sich wie in einem Viersternehotel mit Wellness-Luxus und traumhaftem Blick auf die Alpenkette fühlen. Zum Angebot gehören Hallenbad, Sauna, Kraft- und Egometerraum sowie eine Physiotherapie. Fast könnte einer in dieser Wohlfühl-atmosphäre vergessen, dass er hier nicht in den Ferien weilt. «Wir sind ein Spezialist für die kardiale und psychosomatische Rehabilitation», stellt aber Direktor Georg Stoffels klar. Patienten, die sich von einem Herzinfarkt oder einem Burnout erholen wollen, finden in Gais die optimale medizinische Betreuung. Die Spezialklinik deckt damit in der medizinischen Versorgung eine wichtige Nische ab, und zwar überregional.

Wichtige Grundversorger

Natürlich kann es dem Klinikdirektor nur recht sein, wenn ein Wiedergenesener den Aufenthalt in der Spezialklinik im Nachhinein als «Ferienerlebnis» bezeichnet. «Noch wichtiger ist uns allerdings der nachhaltige Behandlungserfolg», betont Stoffels. Diese Aussage würden wohl alle Direktoren der 120 Privatkliniken in der Schweiz unterschreiben. Besonderes Gewicht hat sie an den privaten Allgemeinspitälern, die jeweils in ihrer Region helfen, die medizinische Grundversorgung abzudecken.

Beispiel Sonnenhof Bern: Das Privatspital ist ein Komplettanbieter, und nach dem Universitätsspital gar der grösste Notfallversorger der Region. «Die Notfallstation betreiben wir seit 50 Jahren rund um die Uhr, und zwar für jedermann, unabhängig von der Versicherungsdeckung», erklärt Klinikdirektor Peter Kappert. Nebst der Grundversorgung gehören zum Sonnenhof Spezialitäten wie Radiologie, Kardiologie und Orthopädie sowie die Frauenklinik Engeried. Rund 1000 Babys erblicken hier jährlich das Licht der Welt.

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Die Sonnenhof AG, deren Aktionäre durchwegs aus der Region Bern stammen, ist mit ihrem gesamten Leistungsangebot auf der kantonalen Spitalliste, erhält aber keine staatlichen Subventionen.Um sich im harten Wettbewerb im Raum Bern mit anderen privaten und öffentlichen Spitälern behaupten zu können, muss sie in jeder Beziehung höchsten medizinischen Standard bieten.

Hohe Infrastruktur ein Muss

Von ähnlicher Grösse und in vergleichbarer Ausgangslage wie der Sonnenhof in Bern befindet sich das Claraspital in Basel. Auch es verfügt über einen 24-Stunden-Notfall - nebst demjenigen des Universitätsspital der einzige in der Stadt -, und es ist im Rahmen eines kantonalen Leistungsvertrags in die Grundversorgung eingebunden. «Unsere Klinik steht mit ihrem gesamten Leistungsspektrum allen Menschen offen, in Basel-Stadt auch den grundversicherten Patienten», erklärt Sprecherin Trix Sonderegger.

Rechtlich handelt es sich beim gemeinnützigen Privatspital um eine Aktiengesellschaft, die hundertprozentig den Schwestern des Klosters Ingenbohl gehört. Mit 229 Betten, über 850 Beschäftigten und einem Umsatz von annähernd 130 Mio Fr. ist es ein stattliches mittleres Unternehmen.

Das Claraspital funktioniert auch als Schwerpunktspital für Magen-Darm-Leiden, für Onkologie und Stoffwechselerkrankungen, und es verfügt mit Pneumologie, Kardiologie, Urologie und Orthopädie/Traumatologie über weitere Spezialitäten. Dieses Krankenhaus holt seine Patienten primär über die medizinischen Leistungen, auch wenn es sich bezüglich pflegerischer Betreuung und nichtmedizinischer Zusatzleistungen nicht zu verstecken braucht. «Das gehobene Niveau der Hotellerie erfüllt höchste Ansprüche und unterliegt einer sorgfältigen, durch die Stiftung sanaCERT kontrollierten Qualitätssicherung», sagt Sonderegger.

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Im Gegensatz zum Sonnenhof gehört aber das Claraspital nicht zur Gruppe der von Peter Kappert präsidierten Swiss Leading Hospitals (SLH), deren 18 Mitglieder den Patienten Viersterne-Hotellerie-Komfort garantieren. Beat Huber, Direktor der Klinik Pyramide am See in Zürich und vor Jahren Initiant des SLH-Labels, ist vom damals eingeschlagenen Weg nach wie vor überzeugt. «Für Kliniken, die vor allem auf Zusatzversicherte ausgerichtet sind, ist ein hoher Hotellerie- und Infrastrukturstandard ein Must», betont er.

Allerdings lässt sich dieses Argument marketingmässig nicht mehr so gut ausschlachten wie noch vor zehn Jahren. Denn in der Zwischenzeit haben auch viele öffentliche Spitäler kräftig aufgerüstet und bezüglich Hotelleriekomfort nachgezogen. Also entscheidet im aktuellen Wettbewerb wieder stärker das medizinische Angebot. Huber räumt denn auch ein, dass es bei einem Klinikaufenthalt nicht einfach nur um Zusatzkomfort gehe, sondern zuerst um die optimale ärztliche Betreuung. Hier hat sich die Klinik Pyramide als Nischenanbieter in bestimmten chirurgischen Fachgebieten wie der Plastischen Chirurgie etabliert.

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Stets mit medizinischen Leistungen positioniert hat sich die Schulthess-Klinik in Zürich. Sie gilt als erste Adresse für Orthopädie-Patienten aus der ganzen Schweiz. Auch bei der Venenklinik Kreuzlingen - der Name verrät es - ist die medizinische Spezialisierung Programm. Die Privatklinik am Bodensee ist in der Schweiz führend in der Behandlung von Gefässerkrankungen der Beine. Bei allem medizinischen Höchstniveau brauchen sich weder die Venenklinik Kreuzlingen noch die Schulthess-Klinik bezüglich nichtmedizinischer Zusatzleistungen zu verstecken, auch wenn Schulthess-Direktor Matthias Spielmann dazu eher nüchtern meint: «Wir verfügen über eine moderne Atmosphäre mit zeitgemässer Hotellerie.»

Immer mehr Kooperationen

Die Schulthess-Klinik gehört zudem zu den am stärksten international ausgerichteten Spitälern der Schweiz, nebst denen der Hirslanden-Gruppe und einigen Spezialkliniken in der Westschweiz. Ein grösserer Patientenanteil stammt aus Deutschland, Italien sowie Osteuropa. «Mit dem Staat Ungarn haben wir gar einen Leistungsauftrag für Wirbelsäulenchirurgie abgeschlossen», verrät Spielmann. Die fünf Westschweizer Kliniken, die zum börsenkotierten Verbund Genolier Swiss Medical Network SA»(GSMN) gehören, rekrutieren 5% ihrer Patienten in Osteuropa sowie im Mittleren und Fernen Osten.

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Die Privatspitäler sind stolz auf komfortable Patientenzimmer und eine erstklassige Verpflegung. Entscheidend für den Patienten ist aber, dass ihm die gesamte Palette neuster medizinisch-technischer Einrichtungen zur Verfügung steht, und alle Spitäler - private und öffentliche - zusammenarbeiten. Die Sonnenhof Klinik etwa kooperiert mittels Vertrag mit dem Universitätsspital Bern. Die beiden Kliniken betreiben drei gemeinsame Tochtergesellschaften, die PET Diagnostik, die City Notfall und die SWAN Isotopen.

Die Rezession bereitet Privatkliniken weniger Sorgen, dafür aber die gesundheitspolitische Grosswetterlage

Unterschiedlich stark macht sich die Wirtschaftskrise an den Privatspitälern be-merkbar. «Wir sind eine krisenresistente Institution, und in schwierigen Zeiten profitieren wir insofern, als sich mehr Leute auf die ausgeschriebenen Stellen bewerben», sagt Claraspital-Sprecherin Trix Sonderegger. Auch bei den GSMN-Kliniken wird darauf verwiesen, dass der Gesundheitssektor grundsätzlich krisenimmun sei. Das bestätigen auch die Zahlen fürs 1. Halbjahr 2009, während dem GSMN den Umsatz um 11% auf 71 Mio Fr. steigern sowie auch den Gewinn markant verbessern konnte. Allerdings räumt Generalsekretärin Séverine Van der Schueren ein, dass man in den letzten Monaten mehr Mittel eingesetzt habe, um weiterhin Privatpatienten aus dem Ausland in die Schweiz lotsen zu können. In der Klinik Gais beobachtet Direktor Georg Stoffels, dass die Krankenkassen in diesem Jahr mit Kostengutsprachen auch deutlich zurückhaltender geworden sind.

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«Nicht die aktuelle Wirtschaftkrise, sondern die gesundheitspolitische Grosswetterlage macht sich bei uns bemerkbar», erklärt Peter Kappert. Gemeint sind damit offene Fragen, die alle Privatkliniken mehr oder weniger beschäftigen. Die Prämienexplosion etwa führt dazu, dass es tendenziell immer weniger Zusatzversicherte und damit weniger Leute gibt, die sich einen Aufenthalt in einem Privatspital überhaupt leisten können. Zudem ist noch vieles unklar im Zusammenhang mit der geplanten Einführung der Fallpauschalen und der künftigen Spitallisten. (ps)