Der nationale Rechnungslegungsstandard Swiss GAAP FER hat mit den im letzten Sommer veröffentlichen IFRS-Richtlinien für kleinere und mittlere Unternehmen internationale Konkurrenz erhalten. Wird das neue Regelwerk IFRS-SME schon bald zum Standard für alle nicht kotierten Firmen in der Schweiz?

Conrad Meyer: Konkurrenz ist grundsätzlich gut und fordert, dass man fit bleibt. Dies gilt auch für Accountingstandards. Deshalb ist es für uns von den Swiss GAAP FER sehr interessant, die zukünftigen Entwicklungen zu verfolgen. Dabei darf sicher gesagt werden, dass die Anwendung der neuen IFRS for SMEs, auch wenn es sich um eine klar reduzierte Form des Full IFRS handelt, komplex sein wird und entsprechendes Fachwissen benötigt. Zusätzlich wird für bestimmte Problemstellungen auf die Full IFRS verwiesen, was eine Auseinandersetzung mit diesen voraussetzt. Ein solches spezifisches Fachwissen kann von vielen kleinen und mittleren Unternehmen nicht erwartet werden. Eine kürzlich durchgeführte Studie zur «Rechnungslegung kleiner und mittelgrosser Unternehmen in der Schweiz» (www.fer.ch) zeigt denn auch, dass bei KMU ein vernünftiges Kosten-Nutzen-Verhältnis zentral ist. Fast drei Viertel der befragten Swiss-GAAP-FER-Anwender betonen, dass die geringere Komplexität für die Swiss GAAP FER spricht.

In der EU sind die Reaktionen auf den neuen Standard unterschiedlich ausgefallen. Deutschland und Frankreich lehnen ihn ab. Verhindert das eine rasche flächendeckende Ausbreitung?

Meyer: Die IFRS haben wie die Swiss GAAP FER keinen zwingenden Charakter, sondern stellen Empfehlungen dar, die erst durch den Gesetzgeber verpflichtend werden. Eine ablehnende Haltung von wichtigen europäischen Ländern hat deshalb einen sehr grossen Einfluss auf eine flächendeckende Ausbreitung des neuen Standards. Die Europäische Kommission hat im November 2009 ein Konsultationspapier zu den IFRS for SMEs publiziert, um bis im März 2010 die Meinungen der unterschiedlichen Anspruchsgruppen zu erfahren. Dabei steht insbesondere der Nutzen einer Anwendung von IFRS for SMEs im Vordergrund.

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Mit Bossard, Gurit, Cham Paper, Hügli und Sunstar haben sich jüngst gleich fünf Firmen vom kompletten IFRS verabschiedet und sind auf Swiss GAAP FER umgestiegen. Was waren die Beweggründe?

Meyer: Neben diesen Firmen haben sich noch andere Unternehmen zu einem Wechsel auf Swiss GAAP FER entschieden: Mikron, Datacolor, Elma Electronic oder Crealogix. In den entsprechenden Medienmitteilungen sind die Gründe für den Wechsel nahezu deckungsgleich. So wird die zunehmende Komplexität der Offenlegungserfordernisse genannt, welche für die betroffenen Unternehmen zu einer problematischen Kosten-Nutzen-Relation führt und keine zusätzliche Transparenz schafft. Interessanterweise findet dieser Wechsel zeitgleich mit der Einführung von IFRS 8 «Operating Segments» statt. Die Befürchtung, dass mit der geforderten umfangreichen Offenlegung von Segmentdaten viel Aufwand verbunden ist und erst noch sensible Informationen zu publizieren sind, betrifft vor allem auch kleinere Unternehmen. Im Gegensatz dazu werden die Swiss GAAP FER von den Unternehmen als geschlossener und umfassender Rechnungslegungsstandard empfunden, der die geforderte Transparenz mit einem vernünftigen Kosten-Nutzen-Verhältnis erreicht und die schweizerischen Gegebenheiten wie etwa Vorsorgeeinrichtungen respektiert.

Könnte im Domestic Standard der SIX Swiss Exchange demnächst nebst Swiss GAAP FER auch der IFRS-SME zur Anwendung kommen?

Meyer: Das IASB schliesst dieses Szenario mit der Definition des Anwenderkreises explizit aus. Der neue Standard richtet sich ausdrücklich an Unternehmen, die keiner öffentlichen Auskunftspflicht unterliegen, das heisst keine Fremd- oder Eigenkapitalinstrumente an einer Börse platziert oder ein entsprechendes Verfahren eingeleitet haben. Verwendet ein börsenkotiertes Unternehmen für die Erstellung der Jahresrechnung dennoch die IFRS for SMEs, darf dies nicht mit dem entsprechenden Prädikat versehen werden. Diese Limitierung gilt unabhängig von den Regelungen der einzelnen Börsen.

Was spricht nebst den niedrigen Kosten für Swiss GAAP FER?

Meyer: Für Swiss GAAP FER ist die Bereitstellung eines konsistenten Accountingkonzepts mit vertretbaren Kosten sehr wichtig. Gemäss der Studie zur «Rechnungslegung kleiner und mittelgrosser Unternehmen in der Schweiz» liegen die Kosten einer Umstellung auf Swiss GAAP FER für 81% der teilnehmenden Unternehmen in einer Bandbreite von bis zu maximal 50000 Fr. Als Grund für eine Umstellung auf Swiss GAAP FER nennen die Unternehmen die Verbesserung der Vergleichbarkeit der Rechnungslegung, die erhöhte Qualität des Abschlusses und die realistische Darstellung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage. Ein weiterer Vorteil von Swiss GAAP FER ist der modulare Aufbau, der sowohl kleinen wie auch mittelgrossen Unternehmen ein massgeschneidertes Konzept für die Erstellung der Jahresrechnung bereitstellt. Kleine Unternehmen können sich auf die Anwendung der Kern-FER beschränken. Zusätzlich bietet Swiss GAAP FER mit verschiedenen Branchenstandards spezifische Lösungen für die unterschiedlichen Anspruchsgruppen.

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Für mittlere Unternehmen, die später eine Internationalisierung ihrer Geschäfte anstreben, dürfte der IFRS-SME eine interessante Vorstufe im Hinblick auf die Übernahme des Full-IFRS sein?

Meyer: Für Organisationen, die insbesondere aus der Sicht der Kapitalbeschaffung international aktiv sein wollen, ist die freiwillige Anwendung der IFRS for SMEs eine prüfenswerte Option. Obwohl der IFRS for SMEs als eigenständiges Regelwerk gilt, liegt ihm das gleiche Framework wie dem Full IFRS zugrunde. Auch wird für ausgewählte Problemstellungen auf die Full IFRS verwiesen. Eine frühe Anwendung der IFRS for SMEs reduziert die Barrieren für eine Umstellung auf die Full IFRS. Allerdings sind die mit den IFRS for SMEs entstehenden Kosten zu beurteilen.

Wird Swiss GAAP FER im Zuge der Rechnungslegungsvorschriften im revidierten Aktienrecht zum zwingenden oder empfohlenen Standard?

Meyer: Die Rechnungslegungsvorschriften im revidierten Aktienrecht sehen gemäss heutigem Stand für bestimmte Unternehmen die Anwendung eines anerkannten Rechnungslegungsstandards vor. Dadurch haben die Unternehmen die Möglichkeit, denjenigen Standard anzuwenden, der ihren Bedürfnissen am besten entspricht. Dazu gehören vor allem die Swiss GAAP FER oder die IFRS.

Der Ständerat will kleinere Firmen mit weniger als 250000 Fr. Umsatz von der Rechnungslegung dispensieren. Was halten Sie davon?

Meyer: Dieser vom Ständerat vorgeschlagene Schwellenwert gilt für Einzelunternehmen und Personengesellschaften. Juristische Unternehmen sind davon nicht betroffen. Eine Erhöhung des Schwellenwerts von 100000 Fr. auf 250000 Fr. stellt für die betroffenen Unternehmen eine Erleichterung dar und ist in Anbetracht der knappen personellen Ressourcen durchaus nachvollziehbar. Bei diesen Unternehmen ist auch die Problematik der Checks and Balances weniger zentral, da sie in der Regel von den Eigentümern geführt werden und somit jederzeit ein umfassender Einblick in die finanziellen Verhältnisse des Unternehmens gewährleistet ist. Eine Senkung der Schwellenwerte für juristische Personen ist wohl kaum sinnvoll, weil es dort in vielen Fällen bereits bei kleineren Unternehmen zu einer Trennung von Management und Eigentum kommen kann und damit die obige Problematik in den Vordergrund rückt.

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