Fast alles spricht dafür, dass der nächste US-Präsident Barack Obama heisst. In Amerika herrscht Wechselstimmung, der demokratische Kandidat liegt in den Umfragen weit vorn. Doch nagt da ein Zweifel an seinen Anhängern: Was, wenn Obamas Hautfarbe doch eine grössere Rolle spielt, als die befragten Bürger gegenüber den einschlägigen Instituten angeben?

Schon in den Vorwahlen war Obama in Meinungserhebungen mancherorts vor Hillary Clinton gelegen und hatte am Wahltag dennoch deutlich verloren. Dieses Phänomen hat auch einen Namen, man nennt es den «Bradley effect». Der Afroamerikaner Thomas Bradley führte 1982 vor den Gouverneurswahlen in Kalifornien in den Umfragen, verlor dann aber gegen seinen weissen Kontrahenten. Die plausibelste Erklärung: So mancher möchte vorher nicht sagen, dass er gegen einen farbigen Kandidaten stimmt – aus Angst, das könnte als Rassismus ausgelegt werden.

Der grosse Unbekannte

Ein Indikator dafür, dass es ein Problem mit dem Kandidaten geben könnte, zeigt sich in den meisten Umfragen. Wenn es allgemein heisst, «möchten Sie einen demokratischen oder einen republikanischen Präsidenten im Weissen Haus», fällt der Vorsprung der Demokraten in der Regel um fünf Prozent höher aus, als wenn konkret nach Obama gegen McCain gefragt wird.

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Selbst wenn die Hautfarbe die Umfragen verzerren sollte, so liegt es doch nicht unbedingt an den hergebrachten Vorbehalten gegen Schwarze, wenn mancher trotz Enttäuschung über die Republikaner sein Kreuz am Ende doch bei McCain machen sollte. Es liegt eher darin begründet, dass Obama der grosse Unbekannte ist. Er ist nett, charmant, lässig und offensichtlich intelligent. Aber, so hört man seit geraumer Zeit selbst von manch professionellem Politikbeobachter in Washington: «Ich weiss schlicht nicht, wofür er steht.»

Viele Amerikaner verstehen auch nicht, aus welchem Milieu Obama stammt. Das Multiethnische, Kosmopolitische an jenem Sohn eines Kenianers und einer Weissen aus Kansas, der in Hawaii und Indonesien aufwuchs, macht ihn einerseits interessant. Er ist der erste «metrosexuelle», postmoderne amerikanische Präsidentschaftskandidat, der gerade in Europa für das Beste steht, was Amerika hervorgebracht hat: Eine bunt gemischte, multikulturelle Gesellschaft. Doch das Exotische, Unbestimmte und Wurzellose macht es eben auch vielen Amerikanern schwer, ihn zuzuordnen. Das ist wichtig, weil man sich immer auch fragt, ob man dem Präsidenten auch in Krisen vertrauen kann. Bei McCain, der in dritter Generation aus einer Familie hoher Militärs stammt, ist die Frage nach der Prägung relativ leicht zu beantworten. Bei Obama nicht.

Suche nach Identität

Noch hat Obama die Wahlen nicht gewonnen. In seiner frühen Autobiografie «Dreams from my Father» beschreibt sich Obama als Entwurzelten, der mühsam nach einer eigenen Identität sucht. Die meisten Amerikaner können weder etwas mit Obamas langjähriger Zugehörigkeit zur Gemeinde des gegen Amerika hetzenden Pastors Jeremiah Wright anfangen, noch sagen ihnen Obamas kenianische Verwandte etwas oder seine Zeit in Indonesien. Das ist für die meisten zu exotisch, als dass es ihnen Rückschlüsse auf Obamas Charakter erlaubte.

Genau das macht sich McCain zunutze. Nun wird Obama als «unamerikanischer» Kosmopolit dargestellt, der eher in der weiten Welt zu Hause ist als in «Middle America». Nicht Obamas Hautfarbe wird so zum Problem, sondern seine «Fremdheit».

Die Sympathien sind zwar auf Obamas Seite. Dennoch bleibt er für manche ein Risikokandidat. Sollten ihm mehr Amerikaner als erwartet am 4. November die Stimme verweigern, dann nicht wegen seiner Hautfarbe, sondern weil sie den grossen Sprung ins Ungewisse scheuen.

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