Die ausserordentlichen Auktionsresultate für zeitgenössische Design-Objekte von Ron Arad und Zaha Hadid veranlassten nun auch Sotheby’s, Mitte Oktober in London erstmals eine Auktion mit «Modern and Contemporary Design» durchzuführen. Die 1993 entworfene «Orgone Stretch Lounge» des australischen Designers Marc Newson war das Spitzenobjekt der Auktion. Auf 400000 bis 600000 Pfund geschätzt, erreichte die futuristische Couch, einer von zwei Prototypen, mit 421250 Pfund (802220 Fr.) das erwartete Resultat nur knapp. Überhaupt wurde lediglich etwas mehr als die Hälfte der angebotenen 43 Design-Stücke höchster Qualität verkauft. Nur fünf Objekte übertrafen den oberen Schätzpreis. Bei einem Gesamtergebnis von knapp 2,3 Mio Fr. blieb die Auktion rund 500000 Fr. unter den Erwartungen. Und dabei hatte bis vor kurzem alles noch ganz anders ausgesehen. Denn als in Mai 2007 ein anderes Objekt von Newson auf der «Post-War and Contemporary Art»-Auktion von Christie’s in New York das Spitzenresultat von 1,048 Mio Dollar (1,3 Mio Fr.) erreichte, schien die magische Millionengrenze für zeitgenössisches Design definitiv geknackt.

Eigenständige Kultobjekte

Die Frage, wann zeitgenössisches Design zur Kunst wird, beschäftigte in den letzten Jahren nicht nur die Designer selbst, sondern vor allem Galeristen, Museumsdirektoren, Messeverantwortliche, Auktionäre und last but not least die Sammler. Die Definition von Design als Kombination von Funktion und Form wird zunehmend aufgelöst. «Vom Utilitarismus losgelöst, werden Design-Objekte immer häufiger als eigenständige Werke der Bildenden Kunst angesehen und bewegen sich als ‹Design Art› in einem Spannungsfeld zwischen Skulpturen, angewandter Kunst und reinen Gebrauchsobjekten, aber auch von Architektur und Konstruktionsmodellen», meint Dirk Boll, Managing Director von Christie’s Schweiz. Auch für Christian Brändle, Direktor des Museums für Gestaltung in Zürich, ist es eine Tatsache, dass die klassischen Trennlinien ihre Gültigkeit verloren haben. Der Gebrauchszweck ist nicht mehr massgebend dafür, ob etwas unter den Begriff Design fällt. Ein gutes Beispiel ist die Zitronenpresse «Juicy Salif», die Philippe Starck 1990 für das Haus Alessi entwarf. Anfänglich als Gebrauchsgegenstand angepriesen, mutierte sie – da für das Pressen von Zitronen eher ungeeignet – zum Kunst- und Kultobjekt und wird heute, zumindest was ihre Form betrifft, eher den «Spinnenskulpturen» von Louise Bourgeois zugeordnet. Zu haben ist die Zitronenpresse – anders als Bourgeois Kunst – immer noch zu einem erschwinglichen Preis. Dass man trotz der Verwischung der Grenzen das Bedürfnis hat, zwischen Kunst und Design zu unterscheiden, meint Brändle, sei wohl ein Zeichen der Zeit. Da heute alles zeitgleich präsent und alles in Fluss geraten ist, manifestiert sich dieses Bedürfnis nach klaren Abgrenzungen umso deutlicher. Brändle deutet die derzeitige Entwicklung als eine Emanzipation der Designer, die heute unabhängig von Form und Funktion nicht mehr für den Massenmarkt produzieren müssen, sondern es sich leisten können, Unikate, Prototypen und limitierte Auflagen anzufertigen. Diese beanspruchen für sich dann die Exklusivität eines Kunstwerks.

Design-Objekte als Ergänzung

Vor allem in den USA und in Europa startete vor einigen Jahren der Trend, in «Design Art» – ein von Phillips de Pury lancierter Begriff – zu investieren. Als dann 2005 die Design-Messe «Design Miami/Basel» ihre Pforten öffnete und auf Anhieb ein Erfolg war, kam der Run auf zeitgenössisches Design der Spitzenklasse erst recht in Gang. Auf die Frage, wer diese hochkarätigen Design-Objekte sammelt, erwähnt Claudia Steinfels, Managing Director von Sotheby’s Schweiz, dass es sich im Allgemeinen um Persönlichkeiten handelt, die bereits grössere Kunstsammlungen haben. Dass der englische Zeitungsmagnat Peter Braun, der Chairman von Christie’s, François Pinault, und auch Bernard Arnault, Konzernchef der LVMH-Gruppe, dazu gehören, ist mittlerweile ein offenes Geheimnis. Hat man eine beachtliche Kunstsammlung, dann ist exklusive zeitgenössische Möbelkunst eine willkommene Ergänzung zu den bereits vorhandenen Bildern, Fotografien und Skulpturen. Allerdings ist Design Art nicht gleich Design Art: So gelten Art-déco-Objekte bereits als «arriviert». Diese Objekte und Möbel, wie etwa die kleine, am 14. Juni 2008 bei Sotheby’s in New York für 932500 Dollar verkaufte Tiffany-Lampe, passen durchaus auch in kleinere Räume. Zeitgenössisches Design verlangt hingegen – wie die Kunst – räumliche Grosszügigkeit. Als Beispiel sei hier «Miss Blanche» erwähnt, ein 1988 vom Japaner Shiro Kuramata in limitierter Auflage angefertigter und mit Rosen geschmückter Acryl-Stuhl. Ein solches Exemplar wurde am 18.10.2008 bei Sotheby’s London für 145000 Pfund (261500 Fr.) verkauft. Ein solches Stück sollte aus gebührender Distanz betrachtet werden können.

Anzeige

Erfolgreich: Limitierte Editionen

Die Zusammenarbeit von Design-Stars wie Marc Newson mit renommierten Galerien wie der New Yorker Galerie Gagosian lässt auf einen Trend hin zur Exklusivität schliessen. Indessen gibt es aber viele junge Designer, die eigentlich in erster Linie eine Kooperation mit einem Industrieunternehmen anstreben, es jedoch schätzen, dank der Unterstützung einer Galerie auch Neues ausprobieren zu können. Diese Zweigleisigkeit erscheint auch im Hinblick auf die unsichere wirtschaftliche Entwicklung als ein gangbarer Weg. Eckard Maise, Leiter des Bereiches Wohnen von Vitra, erwähnt in diesem Zusammenhang auch die Vitra-Edition als wichtige experimentelle Plattform für Designer. «Stühle zu machen, ohne an Funktionelles denken zu müssen, kann höchst innovativ sein und der industriellen Fertigung neue Impulse geben.» Ein Beispiel für eine solche Innovation sind die Entwürfe und Objekte des jungen niederländischen Designers Joris Laarman. Sein «bone chair» war auf Anhieb ein Renner und die Limited Edition, erstmals an der Design Miami/Basel 2006 präsentiert, innert kürzester Zeit ausverkauft. Der Stuhl, der – wie ein Knochengerüst – an jenen Stellen verstärkt ist, wo dies aufgrund der Belastung nötig ist, während sich dort, wo es unnötig ist, eine fast filigrane Struktur findet, hat bereits Museumsreife erlangt. Gezeigt wurde er in Februar 2008 in der Ausstellung «Design and the Elastic Mind» im Museum of Modern Art, New York. Mittlerweile experimentiert Laarman mit verschiedenen Materialien und hat 2008 eine weitere limitierte Serie angefertigt. Die industrielle Fertigung des «Knochenstuhls» lässt indessen noch auf sich warten. Laarman finanziert seine Design-Experimente mittels einer festen Zusammenarbeit mit Design-Giganten wie dem holländischen Unternehmen Flos und Droog. Mit seiner sprudelnden Kreativität gilt er bereits heute als Star. Kein Wunder, dass die renommierte New Yorker Galerie Friedman Benda neben Ron Arad, Shiro Kuramata und dem 2007 verstorbenen Ettore Sottsass auch den 28-jährigen Joris Laarman zu ihren Künstlern zählt.