Freude herrschte, als Zerotracer am 24. Februaur 2011 am Uno-Hauptsitz in Genf eintraf. Das Kabinenmotorrad für zwei Personen, das nur mit Sonnenenergie angetrieben wird, hatte in nur 80 Tagen über 30000 Kilometer zurückgelegt und damit das Null-Emissions-Rennen gewonnen. Hauptsponsor des Siegers war OC Oerlikon Solar. Entsprechend gross war die Freude bei Geschäftsführer Helmut Frankenberger, der damals seit drei Monaten im Amt war. Er sagte: «Der Zerotracer ist ein Meilenstein auf dem Weg, Sonnenenergie in Form von Kraftstoff wirtschaftlich nutzbar zu machen.»

Weltweit berichteten Medien davon, dass das Siegerfahrzeug nun serienmässig hergestellt werde. Noch vor Ende 2011 sollten die ersten Kunden mit dem Zweiplätzer auf den Strassen herumfahren. Doch heute ist von einer Serienproduktion des Zerotracers keine Rede mehr. Die baldige Aussicht auf einen Solarroller für die breite Masse war nicht die einzige vollmundige Ansage der Solarbranche und des Schweizer Wettbewerbers OC Oerlikon Solar. Kaum eine davon erfüllte sich.

Die Solarbranche übt sich allgemein in Schadensbegrenzung. Fallende Rohstoffpreise und Billigkonkurrenz aus China haben die Branche in einen ruinösen Preiskampf gerissen, laufend korrigieren die Solarunternehmen ihre Umsatzziele nach unten (siehe Kasten). Für eine noch düsterere Zukunft sorgt der drohende Wegfall üppiger Subventionen europäischer Staaten. Mitte Dezember musste mit dem Berliner Solarmodulhersteller Solon ein prominenter Branchenvertreter Konkurs anmelden – er war laut eigenen Angaben 1998 der erste, der an die Börse ging. Bereits im Juli hatte CSG Solar aus Deutschland ihre Tätigkeit eingestellt. Auch in den USA sind 2011 mehrere Solarfirmen pleitegegangen. Die Basler Privatbank Sarasin untersuchte im November 24 Solarunternehmen aus dem Bereich der Zellen- und Modulproduktion. Das Resultat: Zehn davon seien «akut gefährdet». Experten rechnen allgemein mit einer Marktbereinigung, die nur internationale, breit aufgestellte Unternehmen überleben, etwa die deutsche Solarworld oder auch die amerikanische First Solar.

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Das Desaster in der Solarwirtschaft trifft auch OC Oerlikon. Die Solarsparte des Schweizer Industriekonzerns stellt Maschinen her, die der Produktion von Solarpanels dienen – ein Verlustgeschäft. Statt des Umsatzes von einer Milliarde, die ein früherer Geschäftsführer von OC Oerlikon Solar 2008 in Aussicht gestellt hatte, muss sich der Konzern im laufenden Jahr mit weniger als der Hälfte zufriedengeben. Und mit einem Verlust.

Wachstum ohne Neubestellungen

Zwar konnte die Solarsparte ihren Umsatz zwischen Mitte Jahr und Ende September um 106 Millionen Franken erhöhen. Allerdings sind über 90 Prozent dieser Steigerung allein auf den Abbau der Vorbestellungen zurückzuführen. Neue Order gab es im 3. Quartal hingegen nur für 8 Millionen Franken. Dazu sagt OC-Solar-Chef Frankenberger: «Die Investitionsbereitschaft potenzieller Kunden war und ist aufgrund der Überkapazitäten im Markt zurzeit verständlicherweise eher gering.» Für das Jahr 2011 hatte OC Oerlikon Solar das Ziel, die Gewinnschwelle zu erreichen. Ob man das doch noch schafft, will Frankenberger nicht sagen: Als börsenkotiertes Unternehmen gebe man zwischen den offiziellen Berichten keine Einschätzungen ab.

Der gnadenlose Verdrängungskampf in der Branche lässt sich am Beispiel des deutschen Fussballs zeigen. Im Sommer buhlten Solarunternehmen aus Deutschland, China, Japan, Korea, Kanada und den USA um Partnerschaften mit den Spitzenvereinen der Profiliga. 14 der 16 Mannschaften aus der ersten Bundesliga haben heute ein Solarunternehmen als Trikotsponsor, Namensgeber ihres Stadions oder als sonstigen Partner unter Vertrag. Inzwischen ist fraglich, wie lange diese Verträge halten werden.

Für OC Oerlikon entscheidet sich das Rennen in China. Anfang Dezember teilte die Solarsparte mit, dass man eine Kooperation mit dem International Cooperation Center for China Renewable Energy Society eingehen wolle. Das Reich der Mitte hat viel Potenzial. Laut einer Studie der Bank Sarasin stammen vier der grössten zehn Unternehmen der Solarbranche aus China. Keines davon ist bis jetzt Kunde von OC Oerlikon. Die zwei grössten Abnehmer der Schweizer liegen auf den Rängen 17 und 20 der Weltrangliste. Der Rest folgt noch weiter hinten.

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Wachstum ohne Neubestellungen

Zu den Oerlikon-Kunden zählt zum Beispiel das deutsche Unternehmen Schott Solar, das allerdings vermehrt auf die sogenannte kristalline Silicium-Technologie setzt. OC Oerlikon hingegen stellt Maschinen zur Produktion von Solarpanels der sogenannten Dünnschichttechnologie her. Diese hat laut der Bank Sarasin derzeit einen Marktanteil von 13 Prozent, nachdem dieser 2009 noch 18 Prozent betragen hatte. Das kristalline Silicium deckt den Rest ab. Schott-Solar-Geschäftsführer Martin Heming glaubt nicht, dass sich dies bald ändern werde: «Nach unserer Einschätzung wird die kristalline Technologie auch mittelfristig den überwiegenden Anteil der Anwendungen bedienen», sagt er. Für Dünnschicht-Solarpanels werde es «Nischen» geben mit «auch wirtschaftlichen Vorteilen».

Die Probleme dieser Technologie sind zweierlei. Sie verlor ihren Preisvorteil, weil Silicium billiger wurde. Und die Dünnschichttechnologie erreicht nicht die Effizienz der kristallinen. Bisher habe sie «höhere Herstellungskosten bei tieferem Wirkungsgrad», sagt Sarasin-Experte Matthias Fawer.

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Nun soll eine neue Produktionslinie angeblich die Herstellungskosten senken, muss sich aber in der Praxis erst noch beweisen. Fawer sieht Schwierigkeiten für die Zukunft von OC Oerlikon. Viele Solarunternehmen hätten Überkapazitäten aufgebaut und seien nur zu 40 bis 60 Prozent ausgelastet. Das bedeutet, dass sie zuwarten mit Investitionen in neue Produktionsmaschinen. Zudem würden die vielen Wechsel an der Spitze der Solarsparte von OC Oerlikon nicht gerade das Vertrauen in das Unternehmen stärken.

Exemplarisch dafür ist das Null-Emissions-Rennen. Als das von OC Oerlikon gesponserte Kabinenmotorrad zu seiner Reise um die Welt startete, winkte Ex-Chef Jürg Lenz zum Abschied. Bei der Ankunft 80 Tage später begrüsste sie der jetzige Chef Frankenberger.

 

Schweizer Solarwirtschaft: Pleiten, Pech und Pannen: Eine Branche im Kriechgang

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Stabiles Wachstum
Während im deutschen Bundesland Bayern 6 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus Sonnenenergie stammen, sind es in der Schweiz erst 0,15 Prozent. Das zeigen Zahlen von Swissolar, dem Fachverband für Sonnenenergie. Doch die Tendenz ist steigend. Laut einer Studie der Privatbank Sarasin über die Solarwirtschaft gehöre die Schweiz zu einer Handvoll Ländern mit «stabilem, stetigem Wachstum». Auch habe die Schweiz das «attraktivste Risikoprofil » aller für die Studie untersuchten Länder. Die Studienautoren kommen zum Schluss: «Modulhersteller, die mit einem kleinen Marktvolumen zufrieden sind, finden in der Schweiz ideale Bedingungen.»

Meyer Burger
Für die Unternehmen ist das Marktumfeld nicht rosig. Das Thuner Technologieunternehmen musste im N ovember eine Wertberichtigung von 50 Millionen Euro bekannt geben. Hintergrund war eine Gewinnwarnung des deutschen Solarunternehmens Roth & Rau, das die Berner Oberländer rund 80 Prozent übernommen hatten. Die Bayern hatten im 3.Quartal 2011 einen Betriebsverlust (Stufe Ebit) von 52 Millionen Euro ausgewiesen wegen «Sondereffekten und dem aktuell schwierigen Marktumfeld in der Solarindustrie».

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Edisun
Zu den Lieblingen der Schweizer Medien gehört die Zürcher Solartechfirma Edisun. Die Aktien des börsenkotierten Unternehmens schnellten kurz nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima nach oben. Doch im 1. Halbjahr 2011 resultierte ein Verlust – so wie permanent zuvor in den Geschäftsjahren von 2008 bis 2010.

Sputnik Engineering
Ende November 2010 teilte das Bieler Unternehmen mit, es werde in Biel einen neuen Hauptsitz bauen und die Anzahl Mitarbeiter um 70 erhöhen. Im März kündigte Sputnik an, bis Ende 2011 Wechselrichter mit einer Kapazität von 1200 Megawatt zu produzieren. Inzwischen ist die Prognose auf das Niveau von 2010 korrigiert: Nun sollen es noch 800 Megawatt werden.

Suntech
Der weltweit grösste Hersteller von Photovoltaikmodulen mit Hauptsitz in China hat seinen Europa-Sitz in Schaffhausen. Auch Suntech leidet mit der Branche mit. Im 3. Quartal resultierte ein Verlust von 16 Millionen Dollar. Damit kumuliert sich der aufgelaufene Verlust aus dem Geschäftsjahr 2011 auf über 123 Millionen Dollar.

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