Die Stromkonzerne wissen, womit sich Umsätze steigern lassen. Das Billigste ist dabei höchstens zweite Wahl. Diesen Sommer hat das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich (EWZ) seinen Kunden vorgeschlagen, auf Tarifrabatte zu verzichten und stattdessen mehr Solarstrom zu kaufen. Zuletzt sind die Kosten für die Produktion gesunken, weshalb das EWZ die Nachfrage ankurbeln und gegen Aufpreis Energie aus der Sonne absetzen will. Ob der Aufruf gehört wurde, kann EWZ-Sprecher Harry Graf noch nicht beantworten. Doch zu erwarten ist, dass das Stadtwerk an seine bisherigen Erfolge mit der Ökostrom-Vermarktung anknüpfen kann. Heute schon beliefern 280 Produzenten aus der ganzen Schweiz die Stadt mit Ökostrom.

Die grösste Solarbörse der Schweiz deckt zusammengenommen den Bedarf von 5000 Haushalten ab. Im Umland ist die Sonne ebenfalls aufgegangen und sind erneuerbare Energie ein stärker nachgefragtes Produkt. Mitte Oktober haben die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) eine Internetbörse aufgeschaltet, um Produzenten mit neuen Anlagen anzulocken: Die Absatzmenge für EKZ-Naturstrom-Solar soll nun um einen Viertel erhöht werden, sagt Firmensprecherin Priska Laïaïda. Denn Ökostrom ist begehrt; im letzten Jahr ist der EKZ-Kundenstamm um beinahe einen Zehntel gewachsen. Bemerkenswert an der aktuellen Ökostromoffensive der beiden Zürcher Werke ist zudem: Die Strombezüger sind bereit, das Doppelte bis Dreifache für Strom aus Sonne, Wind, Biomasse oder Wasserkraft zu bezahlen. Und als Nachweis für die Ökoqualität wird auf das Naturemade-Zertifikat verwiesen.

Aber nicht nur die Bevölkerung aus der grössten Metropole der Schweiz scheint an umweltfreundlicher Energie interessiert. So hat der Verein für umweltgerechte Energie (VUE), der die Zertifikate für Naturemade-Strom verleiht, mit Freude konstatiert, wie das Interesse sprunghaft angestiegen ist (siehe auch Seite 65).

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Im letzten Jahr haben die Versorger rund 30 Prozent mehr Ökostrom an private Haushalte und das Gewerbe verkauft. Zuvor hatte der Zuwachs durchschnittlich 5 bis 10 Prozent betragen. «Die aktuelle Steigerung beweist, dass die Kunden endlich Bescheid wissen. Zudem ist das Potenzial der Erneuerbaren noch nicht ausgereizt», freut sich Naturemade-Sprecherin Ursula Stocker.

Anbieter reagieren sehr unterschiedlich

Wie in der EU ist auch die Schweiz bemüht, diesen Anteil auf Kosten konventioneller und umweltschädlicher Ressourcen deutlich zu erhöhen. Im Gegensatz zu den Nachbarn ist die Ausgangslage bei der Stromversorgung hierzulande jedoch weitaus günstiger: Jetzt schon konsumiert die Schweizer Bevölkerung im Durchschnitt rund 35 Prozent Strom aus erneuerbaren Quellen. Die regionalen Unterschiede sind allerdings beträchtlich: Im Thurgau liegt der Anteil unter 20 Prozent; die Centralschweizerischen Kraftwerke (CKW) geben sich mit weniger als 25 Prozent zufrieden. Dagegen konsumieren Stadtzürcher Strombezüger über zwei Drittel davon und in einzelnen Bündner Gemeinden sind es sogar bis zu 90 Prozent. Doch mit deklariertem Ökostrom hat das wenig zu tun. Denn zur Hauptsache wird dafür einheimischer Wasserstrom vertrieben - ohne Aufpreis, aber auch ohne Label.

Trotzdem ist am Markt auch diese Botschaft angekommen: Wer ökologischen Strom beziehen will, schaut am besten auf das Produktionszertifikat. Die letzten Eindrücke bestätigten nur den bisherigen Trend. «Der Wille, Ökostrom zu beziehen und zu vertreiben, ist bei Anbietern und Konsumenten weiter gestiegen», gibt sich VUE-Sprecherin Stocker optimistisch. Vor allem das Naturemade-Label hat sich - trotz strenger Auflagen für die Betreiber - klare Vorteile verschafft.

Namhafte Werke, die bis anhin Strom ohne oder nur mit einem Konkurrenzlabel angeboten haben, sind inzwischen auf Naturemade Basic respektive Naturemade Star umgestiegen. Gemäss den für 2008 letztmals erhobenen Zahlen hatte sich jeder siebte Strombezüger - Haushalte und Gewerbebetriebe - mit deklariertem Ökostrom eingedeckt; derweil jedes zweite Stromwerk entsprechende Angebote platziert hat. Die Zukunft wird zeigen, wie nachhaltig die Nachfrage zulegen wird. Genaueres lässt sich aber erst sagen, wenn die Marktstatistik über die letzten beiden Jahre vorliegen wird. Gemäss VUE-Sprecherin Stocker ist der Verein im Auftrag des Bundes daran, diese Erhebungslücke bis Ende Jahr zu schliessen.

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Label dient ganz klar als Fördermittel

Doch das Steigerungspotenzial ist weiterhin beträchtlich, zumal drei Viertel des zertifizierten Ökostroms bislang unter Wert verkauft werden. Es kann nämlich nur ein Bruchteil dessen verkauft werden, was unter hohen ökologischen Auflagen tatsächlich produziert wird. «Das Marketing muss daher sicher verbessert werden», meint VUE-Sprecherin Stocker. Anderseits scheuen sich die Anbieter nicht, die Produktionskapazitäten für den teuren Ökostrom vorerst hochzufahren. Landauf und landab sind regionale und nationale Stromversorger daran, viel Geld in die Erzeugung von erneuerbarem und auch ökologisch deklariertem Strom zu investieren. Im Mittelland ist die Axpo fleissig daran, den Park an Kleinwasserkraftwerken auszubauen.

Auf dem Mont-Soleil hat die Juvent SA, eine Tochterfirma der BKW, acht neue Windturbinen erstellt. Der erste Grosswindpark der Schweiz wird ab diesem Herbst jährlich 40 Millionen Kilowattstunden Strom liefern - genug für eine Kleinstadt von knapp 15 000 Einwohnern. Doch damit nicht genug: Immer mehr Bauern erzeugen Ökostrom aus hofeigenem Dünger. Und bei Gemeinden ist beliebt, die Trinkwasserfassungen mit einer Kleinturbine auszurüsten.

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Schweizweit wird bereits Ökostrom für über 4000 Privathaushalte produziert. Und noch stecken fast 10 000 weitere umweltfreundliche Projekte in der Pipeline. Obwohl inzwischen auch Anlagen mit der kostendeckenden Einspeisevergütung gefördert werden, zeigt sich der Markt eindeutig dynamischer: Mit dem Ökolabel wird viermal mehr Strom aus erneuerbaren Quellen erzeugt als dank dem staatlichen Vergütungssystem.