Als Hiroshi Takenaka vor einem halben Jahr in der Schweiz auf Einkaufstour ging, war er optimistisch. «Wir haben uns von der technologischen Stärke von Oerlikon Solar überzeugt», sagte der Chef von Tokyo Electron. Dann machte der Japaner den beherzten Schritt und besiegelte den Kauf der Solarsparte von Oerlikon für 250 Millionen Franken. Man sei für die Zukunft zuversichtlich, sagte Takenaka zurückhaltend.

Acht Monate später ist die Transaktion noch immer nicht definitiv unter Dach und Fach. Und statt Freude herrscht bei den Japanern Ernüchterung. Der Solarmarkt brach weltweit ein. Mehrere wichtige Kunden von Oerlikon Solar gingen pleite, Grossaufträge sind heute reines Wunschdenken. «Die Japaner sind unglücklich», berichtet eine Person mit Einblick in die Transaktion. Und aus Finanzkreisen heisst es, Tokyo Electron wolle sich für die Zukunft absichern und verlange, dass Oerlikon gewisse Garantien abgebe.

Oerlikon ist zuversichtlich

Die wirtschaftliche Lage von Oerlikon Solar verschlechterte sich seit Frühling deutlich. Der Auftragseingang brach im ersten Halbjahr um über 80 Prozent ein. Die teuren Maschinen konnten kaum noch abgesetzt werden. Statt 133 Millionen Franken betrug der Umsatz laut Halbjahresbericht noch 15 Millionen. Unter dem Strich resultierte ein Verlust von 60 Millionen – vor Abschreibungen.

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Derzeit finden hinter den Kulissen Gespräche mit den Japanern statt. «Tokyo Electron und Oerlikon leiteten in vollem Einvernehmen den formellen Abschluss des Closing-Prozesses ein», so Burkhard Böndel, Sprecher des Konzerns mit Sitz in Pfäffikon SZ. Dieser schreite planmässig voran. Das japanische Unternehmen teilte seinen Aktionären vor drei Wochen mit, man habe Verhandlungen für das «final closing» aufgenommen.

Nicht alle Beobachter sind davon überzeugt, dass wirklich alles so planmässig verläuft. Seit mehr als einem Monat liegt die letzte nötige Bewilligung für den Deal vor, als auch die chinesischen Kartellbehörden grünes Licht für die Übernahme gaben. «Wenn sonst alles im Reinen ist, dann erfolgt die Unterschrift unter den definitiven Vertrag meist umgehend», sagt ein Transaktionsspezialist.

Alternative Energien  in Japan gefragt

Am grundsätzlichen Interesse von Tokyo Electron am Solargeschäft dürfte sich nichts geändert haben. Die Japaner reagierten mit dem Einkauf in der Schweiz schliesslich auf die veränderte politische Lage nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima. Alternative Energien sind in Japan in den nächsten Jahren gefragt. Vor kurzem beschloss die Regierung hohe Einspeisevergütungen für Solarstrom. «Tokyo Electron dachte in grossen Zeiträumen, als die Gespräche über den Kauf erstmals aufgenommen wurden», sagt ein Kenner der Situation.

Der Milliarden-Konzern liess sich dabei von kurzfristigen Widerwärtigkeiten nicht abschrecken. Denn bereits letzten Frühling standen die Zeichen für die Solarbranche auf Sturm. Wegen der klammen Staatshaushalte kürzten verschiedene Regierungen – allen voran jene in Deutschland – ihre Subventionen für Solarstrom. Hinzu kam, dass sich der Wettbewerb für Anlagen verstärkte, die Solarmodule herstellten. Die Chinesen preschten mit Dumpingpreisen vor. Geld war so kaum noch zu verdienen.

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Doch gerade die Lage für Oerlikon Solar verschlechterte sich nach den Kaufabsichten von Tokyo Electron nochmals. Wichtige Kunden, die mit den Oerlikon-Maschinen Solarmodule herstellten, überlebten nicht, so etwa die Tessiner Pramac oder die spanische Gadir Solar. In Taiwan fuhr Oerlikon-Kunde Auria Solar die Produktion herunter. Dabei geht es schnell um grosse Summen. Oerlikons Maschinen kosten Dutzende von Millionen, nicht selten über 100 Millionen.

Vor allem der Niedergang der Pramac ist für Oerlikon Solar schmerzhaft. Die Fabrik in Riazzino TI galt quasi als Showroom für potenzielle Neukunden. «Die Firma war die Visitenkarte von Oerlikon Solar», sagt ein ehemaliger Pramac-Mann. Heute steht in der grossen Halle alles still. Rettungsversuche scheiterten, auch weil die kreditgebenden Banken nicht auf Forderungen verzichten wollten. Zurzeit läuft das Konkursverfahren. In den nächsten Wochen werden die Oerlikon-Maschinen versteigert. Werbung für Oerlikon Solar ist das nicht.

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Keine Freude in Tokio

In der Branche spekuliert man bereits über mögliche Zahlungsausstände von ehemaligen Kunden oder Garantieforderungen, die auf Oerlikon zurückfallen könnten. Der Konzern selber will dazu zum jetzigen Zeitpunkt keinen Kommentar abgeben.

An dieser Entwicklung dürften die Tokyo-Electron-Manager auch mit ihrem Langzeitfokus keine Freude haben. Kenner der Verhältnisse berichten, dass die Japaner nun auf Gewährleistung pochen. Offenbar liegt ihnen am Herzen, dass Oerlikon auch künftig für die Folgen von früher abgeschlossenen Kundenverträgen geradestehen muss.

Die verschärfte Gangart der Führung von Tokyo Electron hat ihre Ursache allerdings auch in Japan selber. Dort stehen die Manager selber unter massivem Druck. Vor drei Wochen musste die Zentrale in Japan die Gewinnaussichten deutlich nach unten korrigieren. Der Absatz von Maschinen für die Produktion von Halbleitern und Flachbildschirmen – das Kerngeschäft von Tokyo Electron – hapert. Innerhalb von nur drei Monaten schmolz der erwartete Reingewinn für das laufende Geschäftsjahr um die Hälfte auf umgerechnet noch 80 Millionen Franken.

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In den nun laufenden Gesprächen für das definitive Abschliessen des Geschäfts kann Oerlikons Verhandlungsdelegation die Japaner nicht komplett vor den Kopf stossen. Die Schweizer sind weiterhin auf den guten Willen der anderen Seite angewiesen. Tokyo Electron soll Oerlikon in Zukunft als Türöffner für den chinesischen Markt dienen, wo die Japaner über exzellente Kontakte verfügen.

Solche Überlegungen habe man sich in Pfäffikon gemacht, als der Deal im Frühling eingefädelt wurde, berichten Eingeweihte. In der Zentrale bleibt man optimistisch. Es sei zu erwarten, dass Tokyo Electron und Oerlikon in Kürze offiziell Stellung nehmen, sagt Sprecher Böndel.

 

Solarindustrie: Nach dem Boom die grosse Flaute

Industriekrieg
Die weltweite Solarindustrie steckt in einer schweren Krise. Die Aktien von Solarfirmen gehörten nach der AKW-Katastrophe in Fukushima im März 2011 zu den Lieblingen der Börsianer. Mittlerweile aber ist die Euphorie verflogen. Die Hersteller von Anlagen und Modulen sitzen auf ihren Überkapazitäten, die Produktepreise sind im Keller – ebenso die Aktienkurse. Die Ursache wird bei chinesischen Firmen gesehen, die den Weltmarkt mit Solarmodulen zu Dumpingpreisen überschwemmen. Experten sprechen gar von einem Wirtschaftskrieg. Laut der EU-Kommission ist China für 65 Prozent der weltweiten Produktion von Solarpaneelen verantwortlich. Der Marktanteil der Chinesen in Europa liegt trotz grosszügigen Subventionen der europäischen Länder für die eigene Industrie bei bis zu 80 Prozent.

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Exportmarkt
Die Krise reisst auch die Schweizer Solarbranche in die Tiefe. Kosteneinsparungen und Stellenabbau sind die Folgen. So musste die Firma Genesis Solartec ihr 100-Millionen- Franken-Projekt für eine Solarpanelfabrik aufgeben. Die Solar Industries stoppte ebenfalls den Bau einer Solarmodulfabrik. 2011 generierte die hiesige Solarbranche einen Umsatz von 2,4 Milliarden Franken. Rund 90 Prozent der Produkte wurden exportiert. Betroffen ist auch der Zulieferer Meyer Burger aus Thun. Im ersten Halbjahr schrieb das Unternehmen rote Zahlen.