Die Kantonalbanken sind als Vermittler von Hypotheken und Krediten gross geworden. Bei der ZKB steuert dieses Zinsgeschäft heute gerade noch die Hälfte zum Ertrag bei. Verringert sich der Anteil weiter?

Martin Scholl: Diese Grösse wird stark durch das Umfeld bestimmt. Wegen des tiefen Zinsniveaus ist der Gewinnbeitrag kleiner. Das erklärt die momentane Abnahme. Umso wichtiger ist eine breite Ertragsdiversifikation. Mit dem Zins-, Kommissions- und Handelsgeschäft steht die ZKB heute auf drei stabilen Ertragspfeilern. Entsprechend haben wir das Handelsgeschäft in den letzten zehn Jahren sukzessive erweitert und auch das Kommissionsgeschäft forciert.

Die Bank will als Vermögensverwalter expandieren?

Scholl: Ja, das Private Banking ist weniger kapitalintensiv. Weil Kapital ein knappes Gut ist, erachten wir den Ausbau des Private Banking als besonders wichtig.

Wird auf organisches Wachstum gesetzt oder sind auch Akquisitionen geplant?

Scholl: Mit verwalteten Vermögen von 157 Mrd Fr. sind wir in der Schweiz die Nummer sechs. Die Marke ZKB hat eine hohe Anziehungskraft. Deshalb steht das organische Wachstum im Vordergrund.

Was sind die Kriterien für einen Zukauf?

Scholl: Die Akquisition muss mit unseren strategischen Zielen übereinstimmen und auch vom Einzugsgebiet der Kunden her zu uns passen. Zudem müsste der Kauf beim Kommissionsertrag einen grossen Sprung nach vorn bedeuten. Eine spektakuläre Akquisition ist von unserer Seite im Moment eher nicht zu erwarten.

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Gibt es Pläne, die Vermögensverwaltung wegen des Reputationsrisikos zu verselbstständigen?

Scholl: Risiken gehören zum Bankgeschäft. Wir glauben an das integrierte Geschäftsmodell. Das Private Banking ist bei uns vor allem auf vermögende Schweizer Kunden mit Schwergewicht im Wirtschaftsraum Zürich ausgerichtet. Das risikoreichere Geschäft mit ausländischen Kunden hat bei der ZKB eine untergeordnete Bedeutung.

Das Engagement in Österreich zeigt aber, dass Sie auch im Ausland vermehrt aktiv werden. Will man das Onshore-Geschäft konsequent weiterverfolgen, oder handelt es sich um ein Pilotprojekt?

Scholl: Aus unserer Sicht wird der Finanzplatz Schweiz gestärkt aus der Krise hervorgehen. Wir gehen davon aus, dass die Europäer künftig noch mehr Interesse haben, ihr Geld einer Schweizer Bank oder einer ihrer Tochtergesellschaften anzuvertrauen. Das hat uns darin bestärkt, auch im Ausland eine - wenn auch bescheidene - Rolle zu spielen. Durch ihre Onshore-Präsenz in Österreich öffnet sich der ZKB ein Fenster zu Europa.

Kann man sich im benachbarten Ausland zusätzliche Stützpunkte vorstellen?

Scholl: Grundsätzlich schon. In erster Priorität wollen wir aber die Integration unserer neuen österreichischen Private-Banking-Tochter gut über die Bühne bringen.

Der Zukauf in Österreich, mit den unliebsamen Überraschungen, war für Sie auch ein Lehrstück.

Scholl: Es gibt bei einer Expansion über die Landesgrenzen hinweg zwei Möglichkeiten: Auf der grünen Wiese selbst eine Niederlassung aufbauen oder eine Bank zukaufen. Stolpersteine bringt jeder Weg. In fünf bis sieben Jahren ziehen wir Bilanz, ob unser Entscheid der richtige war. Ich bin zuversichtlich.

Wie setzen Sie die Weissgeldstrategie um?

Scholl: Wir haben bereits vor einem Jahr darüber informiert, dass die ZKB nur noch steuertransparente Gelder entgegennimmt. Bestehen Indizien für unversteuerte Gelder, weisen wir den Kunden ab. Das hat unsere Bank auch schon Opportunitäten gekostet.

Ein anderes Problem sind unversteuerte Gelder, die schon jahrelang auf ihren Konten sind.

Scholl: Die Sensitivität bei den Kunden bezüglich Steuerfragen hat stark zugenommen. Dieses Thema wird von ihnen heute vielfach selber aufgenommen. Wir empfehlen unseren Kunden, die Situation mit einem Steuerberater zu analysieren und - auf welchem Wege auch immer - Steuerkonformität anzustreben.

Das Anlagegeschäft soll forciert werden. Geschieht das vermehrt über strukturierte Produkte?

Scholl: Nein. Eine einseitige Forcierung des Anlagegeschäfts über strukturierte Produkte steht nicht im Vordergrund. Mit einer Verstärkung des Anlagegeschäfts meinen wir generell die Fähigkeit, selber eine attraktive Anbieterin von Produkten zu sein, die vom Kunden stark nachgefragt werden. Dazu gehören auch strukturierte Produkte, die zu einem wesentlichen Teil an andere Banken verkauft werden. Der Anteil an solchen Produkten in unseren Kundendepots hält sich in der Grössenordnung von knapp 5% und liegt damit in ähnlicher Höhe, wie er in einer Monatsbilanz der Nationalbank für alle Banken ermittelt wurde.

Zurück zum traditionellen Hypothekargeschäft. Welche Bedeutung kommt ihm heute zu?

Scholl: Praktisch jede zweite Wohnliegenschaft im Wirtschaftsraum Zürich ist durch die ZKB finanziert. Das Hypothekargeschäft ist für die ZKB zentral.

Haben Sie Ambitionen, dieses Geschäft auch schweizweit zu intensivieren?

Scholl: Im Firmenkundengeschäft laufen solche Initiativen schon seit 2002. Im Private Banking wiederum, wo wir ebenfalls gesamtschweizerisch tätig sind, haben Hypothekarfinanzierungen vielfach den Charakter von Türöffnern.

Die tiefen Hypothekarzinsen heizen die Immobilienwirtschaft an. Sehen Sie keine Gefahr einer Blasenbildung?

Scholl: Tiefe Zinsen, ein hoher Wettbewerb und der aktuelle Anlagenotstand der Banken bilden grundsätzlich einen idealen Nährboden für eine Blase. Wir haben aber derzeit keinerlei Anzeichen für eine Überhitzung des Immobilienmarktes. Der durchschnittliche Belehnungsgrad der Liegenschaften liegt im Neugeschäft noch immer um 65%. Allenfalls kann es bei einzelnen Objekten zu Übertreibungen kommen. Bei einem Hypothekarbestand von 60,3 Mrd Fr. ist das jedoch nicht alarmierend.

Für die Nationalbank besteht in einem überhitzten Hypothekarmarkt speziell auch ein Risiko für die Staatsbanken.

Scholl: Natürlich besteht dieses Risiko für die Kantonalbanken bei Marktanteilen in ihrem Einzugsgebiet von 40% und mehr. Die Kantonalbanken haben jedoch wie die anderen Schweizer Banken auch die Lehren aus der Hypothekarkrise der 90er-Jahre gezogen.

Wie überprüfen Sie, dass die Ausleihungen nicht zu grosszügig erfolgen?

Scholl: Wir vertrauen auf das Know-how unserer Mitarbeitenden, die diesbezüglich permanent geschult werden. Sie müssen sich an die Finanzierungsregeln halten und die von der Bank vorgegebene Kreditpolitik umsetzen. Das wird von unabhängigen Stellen in der Bank periodisch überprüft.

Welche Konsequenzen hätte ein Zinsanstieg von 2 bis 3%?

Scholl: Keine. Ein Kreditnehmer muss seine Hypothekarschuld auch auf der Basis von 5% tragen können. Damit ist ein Zinsanstieg von 3% aufgefangen.

Der Neugeldzufluss hat sich im Vergleich zu 2008 verlangsamt. Was sind die Gründe?

Scholl: 2008 und 2009 hat die ZKB insgesamt 20 Mrd Fr. an Neugeldern gewonnen. Damals wurde uns prophezeit, dieses Geld sei nur parkiert und wir würden es schnell wieder verlieren. Das Gegenteil ist der Fall. Der Neugeldzufluss konnte weiterhin gesteigert werden. 2009 wurden 3 Mrd Fr. Neugeld hinzugewonnen. Allein im 1. Semester des laufenden Jahres waren es weitere 5,3 Mrd Fr. Das ist gegenüber der Vorperiode eine markante Erhöhung.

UBS-Chef Oswald Grübel meinte, die abgezogenen Gelder würden wieder zurücktransferiert, sobald die Krise ausgestanden sei. Spüren Sie das?

Scholl: Höchstens in Einzelfällen.

Wie wollen Sie die dazugewonnenen Marktanteile verteidigen?

Scholl: Die Devise der ZBK lautet: Banking mit Bodenhaftung. Damit wollen wir uns von anderen Mitbewerbern unterscheiden.

Sind die bereits wieder hohen Bonuszahlungen der Grossbanken nicht ein Anreiz für abgeworbene Spezialisten, wieder zu ihrem früheren Arbeitgeber zurückzukehren?

Scholl: Wir hatten jetzt zwei Jahre Zeit, um unsere neuen Mitarbeitenden für die ZKB zu begeistern. Das ist uns sehr gut gelungen. Wenn es gegebenenfalls dennoch vereinzelte Abgänge geben wird, dann haben diese Mitarbeitenden einfach nicht zu unserer Bank gepasst.

Die Kantonalbanken setzen sich für eine differenzierte Regulierung ein. Was heisst das konkret?

Scholl: Wir wehren uns gegen eine Flut von Vorschriften, bevor die Regulierungen im Rahmen der G-20 und von «Basel III» klar erkennbar sind. Man kann mit uns nicht über die Eigenkapital-Ratio sprechen, solange nicht klar ist, welches Kapital man meint. Ebenso ist es nicht sinnvoll, isoliert eine Leverage-Ratio oder neue Regeln zur Liquidität und Refinanzierung festlegen zu wollen. Es braucht eine koordinierte Sicht sämtlicher Steuerungsgrössen. Für die inlandorientierten Banken besteht kein Grund zur Hektik.

Mit schärferen Eigenkapital-Vorschriften erhält der Kunde mehr Sicherheit.

Scholl: Ja, durchaus. Die ZKB kennt auch gar keine Berührungsängste, was das Thema Kapitalausstattung angeht. Aber es gilt das volkswirtschaftlich richtige Mass zu finden.

Die Eigenkapital-Rendite lag vor vier Jahren bei 15%. Jetzt ist sie auf 10% gesunken. Was ist mittelfristig die Zielgrösse?

Scholl: Unser strategisches Zielband liegt seit Jahren zwischen 10 und 13%. Je nach Umfeld können diese Werte über- oder unterschritten werden. Es ist aber offensichtlich, dass die EK-Renditen unter Druck geraten, was irgendwann zu einer Anpassung des Zielbandes führen kann.

Was macht die ZKB mit den hohen Kapitalreserven?

Scholl: Die exzellente Bonität der Bank muss in guten wie in schlechten Zeiten gewährleistet bleiben. Gleichzeitig geben solide Eigenmittelpolster auch einen gewissen Spielraum für Akquisitionen.

Die IT-Fusion mit der Waadtländer Kantonalbank ist vor zwei Jahren gescheitert. Verfolgt die ZKB nun den Alleingang?

Scholl: In der Informatik ist die ZKB seit 140 Jahren im Alleingang unterwegs. Die Bank verfügt über eine leistungsfähige Plattform, auf einer angemessenen Kostenbasis. Diese Plattform wird beständig weiterentwickelt.

Wie viel wird investiert?

Scholl: Das IT-Budget beläuft sich auf jährlich rund 320 Mio Fr. und beinhaltet Betrieb, Unterhalt und Weiterentwicklung.

Sind Offshoring und Outsourcing auch ein Thema?

Scholl: Das Offshoring, etwa die Abwicklung der Personaladministration im Ausland, ist für uns undenkbar. Das punktuelle Outsourcing wird regelmässig geprüft. Dabei stellen wir immer wieder fest, dass die interne Leistungsfähigkeit absolut konkurrenzfähig ist.