Rail Cargo Austria (RCA), der Güterverkehrsbereich der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), hat zu Beginn dieses Jahres seine Vertriebsstruktur angepasst, weil «wir profitabel wachsen und den Modal-Split zugunsten der Schiene verbessern wollen», betont RCA-Vorstandssprecher Friedrich Macher gegenüber der «Handelszeitung». Den vier bisherigen Geschäftsbereichen Cargo & Logistik, Intermodal, Universalspedition und Kontraktlogistik assistieren drei neu geschaffene Positionen, nämlich Busi-ness Development, Partnervertrieb Spedition und Order Fulfillment und Customer Service. «Diese drei Bereiche dienen als Klammer über alle Länder, wo wir als RCA tätig sind», so Macher. Damit würden ein einheitlicher Marktauftritt und transparente Verantwortungen geschaffen.

RCA sieht sich derzeit als Akteur im Bereich Second (2PL) und Third Party Logistics (3PL) und sei auf dem besten Weg zum Fourth-Party-Logistics-Anbieter (4PL). Zumal sich RCA als Gesamtlogistiker definiert und künftig mit einem neuen Vertriebstool auf Kunden mit einer umfassenden Logistikberatung zugehen will. Als Zielgruppe hat man dabei jene Verlader im Auge, die schon jetzt im 3PL- und 4PL-Segment tätig sind und für die RCA als externer Logistikdienstleister in Frage kommt. Das vergangene Jahr war für RCA nicht übel. Mit annähernd 100 Mio t Cargo in ganz Europa konnten Volumen und Umsatz gegenüber 2007 auf rund 2,5 Mrd Euro gesteigert werden.

RCA agiert antizyklisch

Die derzeit flaue Wirtschaftsentwicklung sehen die österreichischen Eisenbahner als Chance, Neues anzuschieben. Antizyklisch agieren hält man für den derzeit richtigen Weg. Mit der Vertriebsoffensive rüstet man sich für wieder bessere Zeiten. «Wir spüren einen Rückenwind durch die Krise», sagt Macher. Der Manager kennt das Geschäft: Er war vor seinem Wechsel Chef von Kühne + Nagel Zentraleuropa und Präsident des Österreichischen Zentralverbandes Spedition & Logistik und in dieser Zeit ein heftiger Kritiker der RCA und deren Diversifikationsstrategie. RCA hat früh erkannt, dass mit dem Eisenbahntransport allein keine Konkurrenzschlachten zu gewinnen sind. Daher hat man eine Speditionsholding aufgebaut, in der zahlreiche Beteiligungen und bahneigene Unternehmen in ganz Europa zusammengefasst sind. Besonders in Südosteuropa hat RCA traditionell ein starkes Standing. Markant gestärkt wurde dieses durch den Kauf der ungarischen Güterbahn MAV Cargo. Dieser Deal ging im Dezember des Vorjahres offiziell über die Bühne und machte RCA mit einem Schlag zur grössten Bahngesellschaft in Südosteuropa.

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Nummer eins als Vorgabe

«Wir sind jetzt die Nummer eins in Südosteuropa und wollen die Nummer zwei in Europa werden», lässt Macher keine Zweifel aufkommen. Österreich und Ungarn sind schienenmässig wieder vereint, und das lässt Erinnerungen an die einstige Donaumonarchie hochkommen. RCA rangiert auf Platz zwei nach der Deutschen Bahn. Bei Qualität und Leistung will man sogar Primus in Europa werden. RCA als Teil der ÖBB Holding AG hat für den Kauf 102,5 Mrd Forint (rund 400 Mio Euro) auf den Tisch gelegt und sich gleichzeitig verpflichtet, in den kommenden fünf Jahren 45 Mrd Euro in MAV Cargo zu investieren. Die Finanzierung erfolgte zu drei Viertel aus dem Eigenkapital und zu einem Viertel über Fremdfinanzierung. Macher sieht den Deal nicht als Übernahme, sondern vielmehr als «Aufziehen eines Babys», dessen Eltern mit dem Sprössling wahrlich Grosses vorhaben. Neben einen Markt mit einem Volumen von 45 Mio Gütertonnen haben die österreichischen Eisenbahner 13000 Güterwagen aus dem MAV-Bestand erhalten. MAV Cargo betreibt im ungarischen Miskolc eine eigene Waggonfabrik, die RCA künftig für eigene Bau- und In- standhaltungsarbeiten nutzen wird, blickt Produktionsvorstand Ferdinand Schmidt schon hoffnungsvoll in die Zukunft. Mit dem Take-over in Ungarn dokumentiere man Nachhaltigkeit, nämlich ein Investment in die Zukunft. Denn: «Nachhaltigkeit findet in unse- rer gesamten unternehmerischen Verantwortung ihren Niederschlag», betont Schmidt.

Drei Korridore im Fokus

Mit der Übernahme der MAV Cargo kann RCA in europäischen Dimensionen operieren. «Wir haben drei grosse Korridore im Fokus», sagt Macher, «nämlich Konstanza-Rotterdam sowie Sopron-Thessaloniki und natürlich die Ost-West-Achse via Zahony - mit Umladung zwischen Breit- und Normalspur - mit Anschluss an die russische Transsibirische Eisenbahn und damit den offenen Weg bis weit hinein nach China.»

Die gegenwärtig schwächere Wirtschaftsentwicklung sei die grosse Chance für die Bahn. Allerdings: «Die Frachtkunden sind nicht bereit, für den Bahntransport aus ökologischen Gründen mehr zu bezahlen.» Aber wenn Qualität und Leistung passen, dann kommen die Verlader auf die Bahn, ist Macher überzeugt. Zum RCA-eigenen Umsatz von 2,5 Mrd Euro kommt jetzt noch der MAV-Umsatz von 352 Mio Euro (2007). Unterm Strich hat RCA 2007 ein Betriebsergebnis (Ebit) von 24,7 Mio Euro erzielt; dasjenige von MAV Cargo lag bei 1,9 Mio Euro.

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Kunden erwarten Qualität

Vereinbarungen über die Transport- und Leistungsqualität zwischen Verlader und Logistikdienstleister werden immer wichtiger. Stärkere Vernetzung mit Kunden und Partnern bei Planung und Abwicklung sowie ein gesteigerter Verbindlichkeitsgrad sind für RCA eine der künftigen Herausforderungen. Es geht darum, ein Preis-Leistungs-Verhältnis herzustellen, «das eine hohe Qualität im Verhältnis zu wirtschaftlich darstellbaren Kosten ermöglicht», kommt Schmidt auf den Punkt. Durch die Ausweitung der Produktionsaktivitäten über Österreich hinaus können «wir auch im Kundeninteresse eine durchgehend hohe Qualität sicherstellen. Bei gleichzeitig wettbewerbsfähigen Preisen, wohlgemerkt», präzisiert der Manager. Bei RCA kann man sich durchaus vorstellen, dass es in Zukunft mit den Kunden verstärkt Qualitätsvereinbarungen bis hin zu Bonus-Malus-Systemen geben wird.

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Für eine gute Qualität gerade steht RCA schon jetzt bei Transporten für die Automotive-Industrie. Transporte von Österreich nach Deutschland etwa sind mit Pünktlichkeits-Pönalen hinterlegt. Geht bei einem Transport etwas schief und die Ursachen liegen im Einflussbereich der beteiligten Eisenbahnverkehrsunternehmen, dann wird eine Bussenzahlung fällig. «Bis jetzt allerdings war für RCA noch nie eine Pönalezahlung fällig», heisst es aus Wien mit etwelchem Stolz.