Der Wertanteil der Luftfracht macht 33% des schweizerischen Exportvolumens aus, nach Gewicht sind das 0,7%. Somit wird vor allem teure Fracht per Flugzeug ausgeführt. Was bedingte es, um auch Massengüter vermehrt auf dem Luftweg zu befördern, wie dies in anderen Ländern der Fall ist?

Wolfgang Stölzle: Unsere Studie bezweckt sicher nicht, den Luftfracht-Akteuren zu mehr Aufkommen zu verhelfen. Luftfracht macht generell nur für hochwertige, eilbedürftige Güter mit vergleichsweise geringem Volumen und Gewicht Sinn. Die Studie verfolgt das Ziel, den Beitrag der Luftfracht für die Stärke der Schweizer Wirtschaft und die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Schweiz aufzuzeigen.

Aus der Studie geht klar hervor, dass das Gros alle Befragten - immerhin 217 Industrie-, Handels- und Logistikfirmen - von einer Zunahme des Luftfrachtverkehrs ausgehen, aber gleichzeitig mit der jetzt zur Verfügung stehenden Infrastruktur mehrheitlich zufrieden sind. Geht das zusammen, wenn zukunftsbezogen überlegt wird?

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Stölzle: Eine wesentliche Aussage der Studie ist, dass die Schweizer Wirtschaft von einer leistungsstarken Luftfracht abhängt. Grössere Einschnitte für die Luftfracht in der Zukunft, sei es im Bereich der Infrastruktur oder auch im ordnungspolitischen Zusammenhang, würden die schweizerische Wirtschaft empfindlich treffen.

Die wohl erstaunlichste Erkenntnis aus dieser Studie ist der enge Zusammenhang zwischen dem Passagieraufkommen und dem Luftfrachtvolumen.

Stölzle: Die Schweizer Luftfracht wird fast ausschliesslich auf Passagierflugzeugen mittransportiert. Ihr Betrieb wäre ohne diese ausreichende Grundlast oft nicht rentabel. Die beiden Transportformen sind deshalb auch wirtschaftlich direkt miteinander verknüpft.

Können Sie das noch näher erklären?

Stölzle: Ganz einfach: In der Schweiz hängt das Angebot an Passagierflügen direkt vom Luftfrachtaufkommen ab. Ohne Frachtzuladung wären bis zu 90% der in diesem Land angebotenen Passagierflüge auf Lang- und Mittelstrecken nicht kostendeckend durchführbar. Damit ermöglicht die Schweizer Luftfracht erst ein breites und dicht gewobenes Angebot für Passagiere in diesem Bereich. Und anders herum: Einschnitte im Passagier-Angebot treffen auch direkt den Cargo-Bereich.

Das wird ja durch Zahlenmaterial abgesichert. Wie aber steht es mit der Feststellung, dass - falls das Effizienz- und Angebotsspektrum für die Luftfracht demjenigen der europäischen Konkurrenz künftig hinterherhinken werde - à la longue 25000 hochwertige Arbeitsplätze in der Industrie und der Logistik sowie im Handel verloren gingen. Ist das nicht etwas hochgegriffen?

Stölzle: Die Konsequenzen würden in der Tat erheblich sein, wie wir aufgrund der Studiendaten feststellen konnten. Zu den genannten 25000 käme eine Gefährdung von weiteren 163000 Arbeitsplätzen in der Industrie und im Handel als Folge eines drohenden Verlagerungsdrucks hinzu.

Aber nochmals: Ist das nicht etwas übertrieben?

Stölzle: Nein. Aufgrund der hohen Beteiligung aller relevanten Luftfracht-Akteure an unserer Erhebung liegen belastbare Daten vor. Oftmals werden die Ausstrahlungseffekte von Veränderungen in einer Branche auf andere Wirtschaftszweige unterschätzt. Zudem hängt, wie oben erwähnt, das Exportgeschäft der Schweiz massgeblich an der Luftfracht.

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Leichter nachvollziehbar ist, dass es aufgrund der engen Beziehung zwischen Passagier- und Frachtaufkommen bei einer Verschlechterung der Bedingungen für Letztere auch die Ersteren trifft. Müsste das nicht noch viel breiter kommuniziert werden?

Stölzle: Das wollen wir mit dieser Studie bezwecken. Sie ist Entscheidungsgrundlage für die Wirtschaft, insbesondere aber auch für die Politik. Zudem soll die Studie allen Anspruchsgruppen der Luftfracht als Expertise dienen.

Was würden Sie als Quintessenz dieser weit abgesteckten Recherche Ihres Lehrstuhls bezeichnen?

Stölzle: In der Schweiz gibt es kaum reine Frachtflüge. Die Fracht fliegt mit den Passagieren mit. Das Gros der hierzulande angebotenen Passagierflüge wäre ohne Fracht wirtschaftlich nicht attraktiv. Das ist vielen zu wenig bewusst. So hätte etwa eine Ausdünnung von Direktflügen eine direkte Auswirkung auf unsere Exportindustrie.

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Wie wäre es mit dem Tourismus?

Stölzle: Auch hier wären aufgrund der eingeschränkten Erreichbarkeit der Schweiz Einbussen zu erwarten. Denn viele ausländische Touristen schätzen auch deshalb Ferien in der Schweiz, weil sie gut an das internationale Flugnetz angebunden ist.

Welche Rahmenbedingungen müssten für die Beförderung von Luftfrachtgütern geschaffen werden, damit sie auch künftig mit der europäischen Konkurrenz Schritt halten kann?

Stölzle: Wie eingangs erwähnt, sind die befragten Unternehmen mit der aktuellen Infrastruktur und den angebotenen Dienstleistungen sowie mit den regulatorischen Rahmenbedingungen mehrheitlich zufrieden. Das betrifft etwa das Nachtflug- und Nachtfahrverbot, aber auch das Verhältnis von Leistungen zu Entgelten an den Schweizer Flughäfen. Das gilt auch für die Geschwindigkeit der Warenübergabe, die Möglichkeit kurzfristiger Buchungen, die Erreichbarkeit und die Öffnungszeiten der Abfertiger, das Zusammenspiel in der Luftfrachtkette, das Angebot an Direktflügen und die Verfügbarkeit von reinen Frachtflügen. Einige dieser Leistungskriterien werden im Vergleich mit dem europäischen Ausland sogar als besser eingestuft.

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Wo sehen die Befragten denn - angesichts dieser guten Beurteilung - trotzdem noch Verbesserungsmöglichkeiten?

Stölzle: Gewünscht wird eine Weiterentwicklung der Infrastruktur.

Inwiefern?

Stölzle: Dies gilt etwa für eine Verbesserung der Abfertigungskapazitäten in Spitzenzeiten sowie eine Erweiterung der Kapazitäten für den Import von temperaturgeführter Fracht.

Beim letzten Punkt gibt es tatsächlich ein Problem. Grosse Unternehmen wie etwa Roche haben ihre eigenen, gut funktionierenden Systeme entwickelt, aber KMU dürften es schwieriger haben.

Stölzle: Kleinere Industrie- und Handelsunternehmen profitieren von der Kompetenz der Luftfracht-Dienstleister, die zudem geringe Sendungsgrössen von mehreren Auftraggebern bündeln und deshalb zu attraktiven Konditionen eine hochentwickelte Luftfracht-Leistung anbieten können.

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Haben Sie schon Reaktionen auf diese erstmals erstellte Studie zu diesem Thema?

Stölzle: Die Studie hat bereits eine beachtliche Aufmerksamkeit in der Politik und in den Medien erfahren. Deshalb hoffen wir auf eine fruchtbare und sachbezogene Diskussion zur Zukunft der Schweizer Luftfracht.