Als Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen sind Sie in der aktuellen Trendence-Studie der beliebtesten Arbeitgeber in der Schweiz wieder auf Platz vier gelandet ? macht Sie das bei PricewaterhouseCoopers (PwC) stolz?

Stephan Peterhans: Das macht uns stolz. Wir sind darauf angewiesen, dass unser Brand im Markt positiv wahrgenommen wird. Mit Platz vier sind wir bestens positioniert, denn nach den grossen Schweizer Namen wie UBS*, Credit Suisse* und Nestlé liegen wir unter den nicht traditionellen Schweizer Unternehmen auf Platz eins. Doch holen auch junge dynamische Firmen wie Google auf, die viel in Employer Branding investieren.

Ihre Mitbewerber präsentieren sich gegenüber den Hochschul-Absolventen oft mit ähnlichen Argumenten und Karriereaussichten. Ist es da nicht schwierig, sich zu differenzieren?

Peterhans: Als Nummer eins der Branche haben wir einen klaren Vorteil. Wir haben das attraktivste Kundenportfolio und können dank unserer Grösse in neue Geschäftsfelder investieren. Zudem steckt PwC sehr viel in die Aus- und Weiterbildung, etwa 12% vom jährlichen Umsatz. Das ist ein sehr hoher Richtwert, besonders, wenn man das mit anderen Branchen vergleicht. Zur Aus- und Weiterbildung gehört auch der internationale Austausch von Mitarbeitenden, sogenannte Secondments, die zusätzliche Karrieremöglichkeiten eröffnen können. Weiter haben Mitarbeitende mit Talent und Ideen die Möglichkeit, eine eigene Geschäftsidee innerhalb von PwC zu entwickeln, eine einmalige Perspektive.

Anzeige

Eine der grossen Herausforderungen ist die demografische Entwicklung. Wie geht PwC damit um?

Peterhans: Neue Studien sagen aus, dass wir in der Schweiz bis 2015 rund 15000 Arbeitskräfte zu wenig haben. Um Mitarbeitende zu erhalten, braucht es neue Arbeitsmodelle. Mitarbeitende lassen sich in drei Ebenen einteilen: Junge Mitarbeitende, die mehr Zeit für ihr Hobbys beziehungsweise ihre Leidenschaften einsetzen; Mitarbeitende mittleren Alters, die ihre Zeit mit Familie und Partner verbringen; und ältere Mitarbeitende, die nicht mehr 110% arbeiten möchten. Für diese drei Ebenen haben wir entsprechende Arbeitszeitmodelle wie Jahresarbeitszeit, Teilzeit, Langzeit- oder unbezahlte Urlaube.

Responsible Leadership ? wie sieht das bei PwC aus?

Peterhans: Unter Responsible Leadership verstehen wir, dass leitende Mitarbeitende Verantwortung übernehmen, nicht nur im geschäftlichen, sondern auch im sozialen Bereich. Unterstützende Programme sind beispielsweise Ausbildungen in sozialen Institutionen. Oder Aufenthalte in Afrika, wo Mitarbeitende Businesspläne für Wasserpipelines erstellen oder einen Schulhausbau. Wir nehmen diese Leute aus dem Tagesgeschäft heraus und bringen sie in eine komplett neue Umgebung, damit sie erfahren, dass es noch andere Dinge im Leben gibt als reines Business.

Aus den «soft skills» sind inzwischen harte Faktoren geworden. Wie ist es zu dieser Entwicklung gekommen?

Peterhans: Historisch gesehen gab es harte Faktoren, das heisst technische Komponenten und weiche Faktoren. In der heutigen Zeit stelle ich fest, dass die «soft skills» zu geschäftskritischen Faktoren geworden sind. Im Klartext: Wie tritt jemand auf, wie kann er kommunizieren, wie kann er eine Beziehung zum Kunden und den Mitarbeitenden aufbauen, wie Leute führen und entwickeln.

PwC erhält in der Schweiz jährlich mehr als 11000 Bewerbungsschreiben. Da sollte man meinen, dass Ihr Bedarf von 450 Mitarbeitenden problemlos zu decken ist.

Peterhans: Die grosse Herausforderung besteht darin, die Geeignetsten auszuwählen. Die Anforderungen der Kunden sind in diesem kompetitiven Umfeld in den letzten Jahren enorm gestiegen. Daher ist die Suche nach den künftigen Mitarbeitenden zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor und damit zu einer der grössten Herausforderungen für PwC geworden.

Ihr grösster Bedarf besteht nach wie vor bei den Betriebswirtschaftslehre-Absolventen (BWL) und Juristen. Doch gibt es zunehmend Abgänger anderer Fakultäten, die das Bild neu aufmischen. Was kann jemand, der Internationale Beziehungen oder Geschichte studiert hat, überhaupt bei PwC tun?

Peterhans: Wir haben verschiedene Beispiele von Mitarbeitenden, die Karriere machen, obwohl sie nicht Betriebswirtschaftlehre- oder Jus-Absolventen sind. Ich kann diesen Studierenden nur empfehlen, sich im Nebenfach mit ökonomischen Themen frühzeitig auseinanderzusetzen. Ebenfalls sind Praktika nötig, um in der Wirtschaft Erfahrungen zu sammeln.

Ihr Fokus liegt auf Hochschul-Absolventen. Spüren Sie einen Unterschied zu Fachhochschul-Absolventen?

Peterhans: Der Unterschied ist kleiner geworden als noch vor zehn Jahren. Heute sind die Abschlüsse vergleichbar. Fachhochschul-Absolventen bringen Praxis mit, und die theoretische Ausbildung findet mittlerweile auch auf sehr hohem Niveau statt. Hochschul-Absolventen haben hier vielleicht noch einige Vorteile, umgekehrt müssen sie Berufserfahrung sammeln.

Sie erwarten bereits bei sehr jungen Mitarbeitenden Führungsqualitäten. Kann man diese so früh haben ? oder erlernen?

Peterhans: Meine eigene Erfahrung ist, dass Führungsqualitäten schon in den Grundzügen einer Persönlichkeit verankert sind. Wer sie nicht hat, den kann man viele Jahre in Führungsseminare schicken, er wird es auch dann nicht lernen. Bei ihm wird Führung immer etwas aufgesetzt und nicht authentisch wirken.

Sind Bestnoten eine Garantie für einen Job?

Peterhans: Noten sind nur ein Teil der Bewertung im Auswahlverfahren. Wir überprüfen die Kompetenz eines künftigen Mitarbeitenden in einem mehrstufigen Prozess. Zusätzliche Faktoren wie Auslanderfahrung, Praktika und Sprachkenntnisse runden das ideale Profil ab. Auf die Noten hat zudem die Tatsache Einfluss, ob ein Absolvent sich sein Studium selbst erarbeitet hat oder ihm alles bezahlt wurde und er sich somit voll auf sein Studium konzentrieren konnte.

Wie wirkt sich das gegenwärtige Bebender Finanzmärkte auf die Bewerbungen aus?

Peterhans: Wir registrieren eine Zunahme von Bewerbungen aus dem Finanzsektor.

Die Beraterbranche hat eine relativ hohe Fluktuation. Warum?

Peterhans: Mitarbeitende mit fünf, sechs Jahren Beratererfahrung bei PwC sind auf dem Arbeitsmarkt sehr gefragt. Ein grosser Teil wird aktiv abgeworben. Andere Mitarbeitende wollen neue Erfahrungen sammeln, ein neues Umfeld kennenlernen. Und doch kommen manche zurück.

PwC hat sehr viele deutsche Zuwanderer, was zu reden gibt. Wie gehen Sie damit um?

Peterhans: Gäbe es nicht so viele deutsche und übrigens auch französische Zuwanderer, hätten wir heute schon massive Probleme, um den Rekrutierungsbedarf zu decken. Die Integration in die Schweizer Kultur ist ein entscheidender Erfolgsfaktor, um das Gleichgewicht nicht zu gefährden. Es gibt nun einmal kulturelle Unterschiede, wobei unsere Mitarbeitenden gewöhnt sind, im internationalen Umfeld zu arbeiten. Bei PwC arbeiten über 40 Nationalitäten. Es gibt Teams mit 15 Mitarbeitenden, die aus 15 verschiedenen Nationalitäten zusammengesetzt sind.