RUSSLAND. Ein russischer Geschäftsmann, nennen wir ihn N., hat zum Kamingespräch in ein Moskauer Restaurant gebeten. Holzscheite knistern, während an diesem tristen Novembertag schon Schnee auf der Strasse liegt. Kellner tragen in gusseisernen Pfannen Oladji, Pfannkuchen, und Schälchen mit rotem Kaviar in den Saal. N. nimmt in der «Forbes»-Geldrangliste der «100 reichsten Unternehmer Russlands» einen Stammplatz ein. Seinen Namen will er trotzdem nicht genannt wissen.

N. hat ein Problem. Ihm gehört etwas, was Top-Beamte aus dem Kreml gerne hätten: Seine Milliardenanteile an Unternehmen. «Falls der Staat uns nachdrücklich empfehlen würde zu verkaufen, würden wir wohl seinen Worten gehorchen», sagt N. Aber verkaufen wolle er eigentlich nicht – zumal wohl in diesem Falle der Käufer den Preis festlegen würde. N. philosophiert also über die richtige Balance zwischen staatlichem und privatem Eigentum, die es immer wieder auszutarieren gelte. Das Treffen beendet er mit dem Satz: «Wir hätten mehr über mein Geschäft und weniger über Politik reden sollen.» Als wäre das eine vom anderen noch zu trennen.

Ölfirmen zum Spottpreis

N. hat in den 90er Jahren, als er durch Sibirien streifte auf der Suche nach Staatskombinaten, die es zu privatisieren galt, die Anfänge von Russlands Marktwirtschaft erlebt. Er kann sich noch gut daran erinnern, als das Fass Öl für neun Dollar zu haben war und Präsident Boris Jelzin den «Oligarchen», Wirtschaftskapitänen noch mächtiger als N., weit unter Wert Firmen verkaufte. Öl- und Metallurgiekonzerne, die damals für einen dreistelligen Millionenbetrag zu haben waren, sind heute Dutzende Milliarden von Dollar wert. Die «Oligarchen» und ihre Helfershelfer hätten den Staat ausgeplündert, sagt Putin heute. Er habe deren Macht gebrochen, für Ordnung gesorgt und lasse eine «oligarchische Revanche» nicht zu.

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Putins Bilanz wirkt nach acht Jahren Regierungszeit tadellos. Die Russen huldigten ihm am vergangenen Sonntag, indem sie der Kremlpartei «Einiges Russland» zu einer Zweidrittelmehrheit verhalfen. Putin hat tatsächlich Erfolge zu verbuchen: Betrug 2001 das durchschnittliche Monatsgehalt noch 112,4 Dollar, liegt es inzwischen bei vergleichsweise stattlichen 520 Dollar. Der Staat hat sich mit Gold- und Devisenreserven von 450 Mrd Dollar und 150 Mrd Dollar im Stabilitätsfonds Polster geschaffen. Lautete zu Jelzins Zeiten die grosse Frage, ob Russland seine Schulden beim Pariser Club bezahlen könne, ist der Staat heute weitgehend schuldenfrei. Und erst der Rubel: Er ist stärker als der Dollar.

Putin hat das Glück, Russland mit einem Ölpreis von fast 100 Dollar regieren zu können. Er hat den Verkauf von Land ermöglicht. Ihm ist eine Reihe von Steuersenkungen zu verdanken. Er hat die Gewinnsteuer von 35 auf 24% gedrückt, führte eine Flat Tax von 13% auf die Einkommenssteuer ein, was für Europa ein sensationell niedriger Wert ist.

Staat kontrolliert Konzerne

Putins «New Economy» ist eine Wirtschaft der mächtigen Monopole, in der der Staat nicht nur die Rahmenbedingungen setzt, sondern als Akteur die Bühne beherrscht. Lag der Anteil von Staatskonzernen, gemessen am Umsatz und an der Zahl der Beschäftigten, zu Beginn der Ära Putin bei etwa 30%, ist er auf 45 bis 50% gestiegen. Von den zehn umsatzstärksten Unternehmen hält der Staat bei sechs, darunter Gazprom, Russische Eisenbahnen und Rosneft, die Aktienmehrheit und gilt bei einem weiteren, ohne Aktionär zu sein, als bestimmend.

Diese hohe Konzentration nimmt – einzige Ausnahme bildet die gerade privatisierte Stromwirtschaft – weiter zu. Der Staat gründet fleissig sogenannte Staatskorporationen, die ganze Sektoren beherrschen. Eine ist für die Entwicklung der Nanotechnologie zuständig, eine für die Modernisierung der Kommunalwirtschaft, eine andere für den Maschinenbau. Deshalb ist auch von einer Kreml & Co. KG die Rede, wenn es um eine Zustandsbeschreibung der russischen Wirtschaft geht.

Der Anteil der KMU am Bruttoinlandprodukt beträgt dabei gerade einmal 13 bis 15%. Eine Million Kleinunternehmen versuchen sich in Nischen zu behaupten. Russland rangiert auf der «Doing Business»-Liste der Weltbank für 2008 auf Rang 106 von 178 Staaten. Zum Vergleich: Deutschland nimmt Rang 20 ein. Wer etwa eine Lagerhalle bauen will, benötigt in Russland 54 Unterschriften und 704 Tage. Im OECD-Durchschnitt sind 14 Unterschriften und 153,3 Tage nötig. In diesem Dschungel aus Bürokratie findet die Korruption ideale Wachstumsbedingungen. Russland war noch nie so korrupt wie in der Ära Putin. Neben Togo und Gambia nimmt Russland Rang 143 auf der Weltrangliste von Transparency International ein. Das und die Erosion des Rechts gehören auch zur Bilanz Putins.

Ein Sündenfall war 2003 die Inhaftierung des Ölbarons und politischen Gegners Michail Chodorkowski und die faktische Verstaatlichung des Ölkonzerns Yukos. Es war ein Signal an Unternehmer wie N., einen Eigentumstitel als relative Grösse zu begreifen. Hab und Gut kann genommen werden – falls der Kreml das wünscht. Denn Putin traut der Privatwirtschaft wenig zu. Für ihn ist die Modernisierung des Landes Staatsaufgabe. Die Experten der Weltbank sehen das anders. Sie fordern eine weitere Öffnung der Wirtschaft für Privatinvestoren und mahnen zum Beitritt in die Welthandelsorganisation WTO.